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„Meilenstein, der den Frieden festigt“

Europa-Union diskutiert „Meilenstein, der den Frieden festigt“

„Ist es nicht ein Wunder?“ Die Frage wurde mehrfach so formuliert. Zwei Länder, Polen und Deutschland, die sich so viel Leid angetan haben, seit 25 Jahren gute Nachbarn und Freunde. Über das Jubiläum des Nachbarschaftsvertrages diskutierten vor 90 Gästen ausgewiesene Experten mit der Europa-Union Göttingen.

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Bartosz Dudek (links), Roland Freudenstein

Quelle: ck

Göttingen. „Die Zukunft können wir nur gemeinsam gestalten“, lautete nach fast zwei Stunden das Fazit der Göttinger Europagespräche. Auf dem Podium neben dem Kreisvorsitzenden Harm Adam, der auch Vorsitzender der Deutsch-Polnischen-Gesellschaft Göttingen ist, standen der Pole Bartosz Dudek und der Deutsche Roland Freudenstein. Dudek ist Musikwissenschaftler aus Stettin und Leiter der polnischsprachigen Redaktion der Deutschen Welle. Freudenstein, einst Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Warschau, ist heute Direktor des Wilfrid Martens Centre for European Studies. Beide gingen weit in die Vergangenheit zurück. Sie erinnerten an den ersten Schritt der Versöhnung, den 1965 die polnischen Bischöfe in einem Hirtenbrief gingen: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ In einem autoritären kommunistischen Land, so Dudek, ein mutiger Schritt. „Bischöfe, die quasi Außenpolitik machten.“ Die Reaktion der deutschen katholischen Bischöfe sei „windelweich“ gewesen - außer der der evangelischen Kirche.

Erste Annäherungen durch Brandts Kniefall, durch erste Städtepartnerschaften (Bremen und Danzig, danach schon Göttingen und Thorn) seien in eine Zeit gefallen, als die Polen in den Schulen noch Westdeutsche als Feind, nur die DDR als gute Deutsche erlebten. Die Namen der deutschen Vertriebenenvertreter wie Herbert Hupka „kannte in Polen jede Schulkind“. Damit sei gedroht worden: „…sonst holt dich Hupka!“ Als große Enttäuschung habe Polen es auch empfunden, als nach der Wende in Helmut Kohls Zehn-Punkte-Plan die Anerkennung der polnischen Grenze glatt fehlte. Freudenstein: „Ein Fehler, vielleicht eine Nachlässigkeit oder Angst vor den Vertriebenenverbänden“. Noch heute gehe man in Polen davon aus, dass erst der Druck der Westmächte zu dieser Anerkennung geführt habe.

Dann 1991 der „Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“. Vorbild war der Élysée-Vertrag. Das wichtigste daran, so Freudenstein, sei die Idee der deutsch-polnischen Interessengemeinschaft. Diese habe unmittelbar zur europäischen Integration und später auch zur Nato-Mitgliedschaft Polens geführt. „Ein Wunder“, so Dudek. „Nach 1991 waren die bösen Westdeutschen plötzlich unsere Freunde.“ Später im Weimarer Dreieck zusammen mit Frankreich gar Motoren der europäischen Integration.

Und der EU-Beitritt 2004? Eine „absolute Erfolgsstory“ (Dudek) und ein „Riesenerfolg“ (Freudenstein). Der Westen sei gestärkt worden, auch wirtschaftlich, weil er nun stabile Nachbarn im Osten hat. Die EU sei merklich sicherer geworden. Die Polen wüßten natürlich, was sie an der EU haben. Ein polnischer Exit sei selbst für die aktuelle EU-kritische Regierung wie undenkbar. Als es um diese so nationalistische Regierung ging und sich die Diskutanten einig waren, sich „nicht gegenseitig das Europäer-Sein abzusprechen“, kam Unwillen bei vielen Zuhörern auf. Die Entwicklung der polnischen Politik wird in Deutschland kritisch gesehen. Die Bundesregierung aber hält sich mit Kritik zurück. Den wichtigsten Gedanken des Abends steuerte Wolfgang Lorenz-Meyer aus der, wie er selbst sagt, „goldenen Generation „ (Ü 70) bei: „Wir haben 70 Jahre keinen Krieg erlebt. Der Vertrag ist ein Meilenstein, der diesen Frieden gefestigt hat. Das gilt es zu erhalten.“

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