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FSJ in Göttingen: „Wir lassen aber keinen alleine“

Thema des Tages FSJ in Göttingen: „Wir lassen aber keinen alleine“

Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ): Für sechs junge Menschen in der Region geht, wie für viele andere auch, diese Erfahrung nun zu Ende. Die soziale Arbeit hat sie persönlich ein Stück vorangebracht. Seit mehr als 50 Jahren gibt es das FSJ, die Nachfrage ist ungebrochen.

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Freiwilliges soziales Jahr: Hilfe für Menschen mit Behinderung ist ein klassisches Betätigungsfeld.

Quelle: dpa

Duderstadt. Sechs junge Menschen schließen Ende Juli ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Caritasverband in Duderstadt ab. Bereut hat den Freiwilligendienst keiner von ihnen. Im Gegenteil. Maik Steinmetz aus Rhumspringe würde sich jederzeit wieder für das FSJ bewerben. Die Beschäftigung mit alten Menschen hat ihm so gut gefallen, dass er sich als Altenpflege-Azubi bei der Caritas bewerben will. „Wenn man sich Zeit nimmt, bekommt man ein Lächeln, das für vieles entschädigt“, sagt der 19-jährige Realschulabsolvent der St.-Ursula-Schule, der ursprünglich einen Handwerksberuf ins Auge gefasst hatte. Bei der Caritas hat er neben Hausmeister- und Fahrdiensten ein Pflege-Praktikum absolviert. Dabei habe er durchaus auch düstere Momente wie den Tod einer von ihm betreuten Frau erlebt, räumt der junge Mann ein.

FSJler und Bufdis der Caritas Duderstadt mit Gästen der Tagespflege: Lukas Marschall, Elzbieta Hansmann, Elisabeth Jacobi, Miriam Otto, Elias Bömeke (v.h.l.); Maik Steinmetz, Maria Kellner, Alfons Wucherpfennig sowie Sara Ahlborn (v.v.l). NR

FSJler und Bufdis der Caritas Duderstadt mit Gästen der Tagespflege: Lukas Marschall, Elzbieta Hansmann, Elisabeth Jacobi, Miriam Otto, Elias Bömeke (v.h.l.); Maik Steinmetz, Maria Kellner, Alfons Wucherpfennig sowie Sara Ahlborn (v.v.l). NR

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„Der Umgang mit Demenzkranken und die Verarbeitung von Todesfällen sind nicht einfach“, sagt Sozialstationsleiter Gerd Hegerkamp: „Wir lassen aber keinen alleine.“ Mit einem schlichten „Nö“ antwortet denn auch der Gieboldehäuser Elias Bömecke auf die Frage, ob die Arbeit belastend sei. Der 19-Jährige leistet sein FSJ in der Tagespflege ab, ist dabei sicherer im Umgang mit Menschen geworden und schätzt das Überbrückungsjahr, das ihm Zeit zur Entscheidungsfindung lässt, um vor dem Studium die Berufswelt kennenzulernen.

Das gilt auch für Lukas Marschall aus Mingerode. „Soziales Engagement kann nicht schaden“, meint der 20-Jährige, der im vergangenen Jahr sein Abi am Eichsfeldgmynasium gemacht hat: „Und man gewinnt dabei an persönlicher Lebenserfahrung.“ Orientierung nach der Schule gesucht hat Miriam Otto, die bei der Caritas sowohl in der Verwaltung als auch in der Pflege und im Lorenz-Werthmann-Haus gearbeitet hat und ohnehin einen Beruf im sozialen Umfeld ergreifen wollte.

„Nicht jeder ist für einen sozialen Beruf zu motivieren“, sagt Tagespflegeleiterin Manuela Kunze, die froh über jede Bewerbung ist: „Wir müssen um Nachwuchs werben und ihn fördern. Der Fachkräftemangel ist eklatant, die Bewerbungschancen sind groß.“

Trotz trauriger Erlebnisse hat Otto die Pflege am meisten Spaß gemacht. Auch sie will eine Altenpflege-Ausbildung machen – möglichst bei der Caritas. Spaß an der Verwaltungsarbeit gefunden hat Sara Ahlborn – obwohl die 19-jährige Abiturientin aus Hilkerode nie gedacht hätte, dass ihr Büroarbeit gefallen könnte. Als I-Tüpfelchen ihres Freiwilligendienstes startet sie im Mai zu einem mehrwöchigen Auslandspraktikum an einer Grundschule in Uganda.

Andere FSJler haben neben weiteren Schulungen bei der Caritas 120 Stunden Unterricht als Pflegediensthelfer mit Qualifikationserwerb für die ambulante Pflege absolviert. Die Caritas profitiere erheblich von den Zivildienst-Nachfolgeregelungen, die FSJ-Kräfte ebenfalls, umschreibt Hegerkamp die Win-win-Situation. Auch einen Bufdi (Bundesfreiwilligendienst) hat die Caritas zurzeit an Bord. Die Duderstädterin Elzbieta Hansmann (40) ist in den ambulant betreuten Senioren-WGs im Lorenz-Werthmann-Haus eingesetzt. Der „respektvolle und liebevolle Umgang mit Menschen“ liegt ihr am Herzen, zugleich freut sie sich, etwas „über vergangene Zeiten zu erfahren“. Über das reguläre Jahr hinaus will sie noch sechs Monate dranhängen. Anders als beim FSJ, das bis zum Alter von 27 Jahren möglich ist, gibt es beim Bundesfreiwilligendienst keine Altersgrenze.

Unter Anleitung werden auch Pflegedienstleistungen wie das Wechseln von Inkontinenzwindeln oder die Verabreichung von Essen erlernt. „Reguläre Arbeitsplätze werden aber nicht ersetzt und dürfen das auch nicht“, betont Hegerkamp. Die freiwilligen Helfer ermöglichten es, zusätzliche Leistungen über das von den Kassen refinanzierte Notwendige hinaus zu erbringen – zum Beispiel Spaziergänge, Vorlesen oder Einzelbetreuung, falls jemand einmal etwas mehr Unterstützung brauche. „Das entlastet Patienten und pflegende Angehörige“.

Anstieg von 2500 auf 3500 Stellen in zehn Jahren

Göttingen /Hildesheim. Zuständig für das FSJ im Land ist das Niedersächsische Landesamt für Soziales, Jugend und Familie in Hildesheim. Wie viele FSJ-Stellen es in der Region gibt, das ist laut Pressesprecher Bernd Stöber nicht erfasst. „Das Platzangebot lässt sich daher nur ungefähr beziffern, da uns von den Trägern nur unvollständige Daten vorliegen.“ Auch eine Aufschlüsselung nach Regionen sei nicht möglich.

Sicher sei allerdings, dass in den vergangenen zehn Jahren ein  kontinuierlicher Ausbau des landesweiten Platzangebotes zu verzeichnen ist. „Wir gehen von einem Anstieg der Platzzahlen von rund 2500 im Jahr 2005 auf etwa 3500 im vergangenen Jahr aus“, sagt Stöber.

Auch die Frage welche Jobs am beliebtesten sind, sei kaum zu beantworten. Allgemein sei es aber so, dass besonders in Krankenhäusern, Senioreneinrichtungen, Kinderbetreuungsangeboten, in Sportvereinen, in kulturellen Einsatzfeldern und in künstlerisch-kreativen Bereichen FSJ-Stellen angeboten werden. Stöber: „Branchenübergreifend sind die meisten Plätze spätestens zur Jahresmitte vergeben. Allerdings kommt es im Herbst oftmals zu Nachbesetzungen, da einige Freiwillige sich bis dahin umorientiert oder  noch einen Studienplatz bekommen haben.“

In Göttingen bietet beispielsweise der evangelische Kirchenkreis FSJ-Stellen an. „Wir haben  zur Zeit 40 Stellen – FSJ und Bufdi – besetzt“, sagt Andreas Overdick, Referat für Öffentlichkeitsarbeit und Freiwilligenmanagement. „Diese Mitarbeiter sind alle in unseren Kindertagesstätten im Einsatz“, sagt er.

FSJ und Bufdi ist auch im Bereich  Sportvereine und Schulen möglich. Für die Region Südniedersachsen koordiniert das der ASC, die Abteilung Freiwilligendienste im Sport, in Göttingen. „Wir haben zurzeit etwa 60 Stellen im Bereich Göttingen und etwa 25 im Bereich Northeim besetzt“, sagt Daniel Reuter, vom Freiwilligendienst.

Im Bereich Göttingen hat der ASC etwa 100 Vereine, Schulen und Institutionen gelistet, die für FSJ und Bufdi zugelassen sind. Darunter 32 Schulen und Sportvereine vieler Disziplinen – von Fußball bis Golf. „Die Nachfrage ist kontinuierlich gut“, sagt Reuter. Kirche, Schulen und Sportvereine sind nur drei Beispiele von vielen Organisationen, für die FSJ und Bufdi eine wichtige Unterstützung sind.

Von Britta Bielefeld

 
FSJ und Bufdi: Von sozialen Einsatzbereichen bis zur Denkmalpflege
Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ)  gibt es seit 1964. Die damalige CDU-FDP-Regierung hatte das entsprechende Gesetz 1963 in den Bundestag eingebracht. Ein FSJ können zugelassene Träger anbieten. Wer ein FSJ leisten möchte, muss seine Schulpflicht bereits erfüllt haben und darf nicht älter als 27 Jahre sein. Die Bezahlung ist ja nach Art der Tätigkeit und von Träger zu Träger unterschiedlich. Mögliche Einsatzbereiche finden sind in sozialen, karitativen und gemeinnützigen Einrichtungen. Seit 2002 sind auch die Felder Kultur, Sport und Denkmalpflege  möglich. Das freiwillige Soziale Jahr dauert sechs bis maximal 18 Monate.
Ähnliches gilt für den Bundesfreiwilligendienst. Die so genannten Bufdis unterliegen allerdings keiner Altersbeschränkung. Menschen, die älter als 27 Jahre sind, können auch in Teilzeit (mehr als 20 Stunden pro Woche) tätig werden. Die Einsatzstellen entscheiden auch hier, wie hoch das ­Taschengeld ausfällt. Die Höchstgrenze liegt bei 363 Euro.   bib
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Von Redakteur Kuno Mahnkopf

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