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Fasziniert von Wildtieren: Wolfsliebe gegen Vorurteile

Thema des Tages Fasziniert von Wildtieren: Wolfsliebe gegen Vorurteile

Der Wolf ist zurück. Erste Rudel und Einzeltiere leben bislang vor allem in Norddeutschland. Mit jedem Schafriss landen die Wildtiere   in den Schlagzeilen. Ein Ehepaar aus dem Landkreis Northeim lebt mit Wölfen – und will durch seine Arbeit das Märchen vom bösen Wolf verblassen lassen.

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Besuch bei Claire: Matthias und Birgit Vogelsang leben mit acht Wölfen im Landkreis Northeim.

Quelle: Heller

Northeim. Der Mythos Wolf wird am Rand eines kleinen Dorfes im Landkreis Northeim lebendig gehalten. Dort leben seit fünf Jahren Matthias und Birgit Vogelsang mit acht Wölfen zusammen. Auf seiner Internetseite „Wolfsliebe“ beschreibt Matthias Vogelsang, wie aus dem kindlichen Wunsch nach einem Hund im Erwachsenenalter eine Lebensgemeinschaft mit mehreren Canis lupus und aus dem KfZ-Meister Vogelsang ein Wolfsexperte wurde.

„Der böse Wolf“ aus Märchen und Legenden wird in Vogelsangs Schilderungen zum sozialen Wesen, das auch seine Ehefrau Birgit, im früheren Leben Vermögensberaterin in einer Bank, zunehmend in seinen Bann zog. „Irgendwann habe ich mein Herz verloren“, sagt die 56-Jährige. Wie das passieren konnte, erahnt der Besucher des abseits der Ortslage gelegenen Anwesens schon am Eingangstor. Mehrstimmiges Heulen ertönt aus den auf einer Anhöhe liegenden Gehegen. Der Wolfsgesang und der Anblick weißer und grauer Caniden, die aufmerksam die Köpfe nach den Ankömmlingen recken, erzeugen nicht Furcht, sondern Neugier und Vorfreude, gleich etwas spannendes zu erleben.

„Wölfe waren für mich immer lebensbestimmend“, beschreibt Matthias Vogelsang, wie es den Wildtieren gelang, sein Leben umzukrempeln. Mit dem ersten Hund, einem Husky, wuchs seine Wissbegier, „ich habe alles über Wölfe gelesen, was ich an Literatur in die Hände bekommen konnte“.

Nach einem Fernsehbeitrag über den Tiertrainer und Betreiber eines privaten Wildparks Zoltan Horkai suchte er den Kontakt zu dem ungarischen Wolfs- und Bärenexperten – und fand so den Einstieg in die praktische Arbeit mit den Vierbeinern. In Horkai sieht der 52-Jährige einen Seelenverwandten, „uns verbinden eine gemeinsame Liebe und ein gemeinsames Ziel“. Bei unzähligen Aufenthalten in Ungarn erwarb er das Rüstzeug, selbst Wölfe in Not aufzuziehen.

Sozialpartner Wolf

Seit dem Welpenalter lebt die fünfjährige Polarwölfin Claire bei Vogelsangs. Stürmisch begrüßt sie das Ehepaar beim Besuch im Gehege. „Als Sozialpartner von Wölfen werde ich in die Rangordnung einbezogen“, sagt Matthias Vogelsang. „Und sie riechen genau, wie es mir geht.“ Die Einladung, mit Vogelsang zu heulen, verschmäht Claire heute. Zu interessant ist der Fotograf, der dem Ehepaar ins Gehege gefolgt ist.

Auch Cochise, ein achtjähriger europäischer Wolf, lässt sich weder von den fremden Menschen noch der großen Kamera davon abhalten, ganz dicht an den Zaun zu kommen und die Gäste neugierig per Nasencheck unter die Lupe zu nehmen. Anders seine drei scheuen Artgenossen, die unruhig im hinteren Bereich des Auslaufs umherlaufen.

„Der Wolf in der Natur fürchtet sich vor uns, dem im Gehege lebenden haben wir die Angst genommen“, sagt Birgit Vogelsang. Was das Rötkäppchen-Klischee vom bösen Wolf ad absurdum führt: Der Wolf in der freien Natur scheut die Begegnung mit dem Menschen statt anzugreifen.

Wissenschaft stützen

Mit seiner Arbeit will Vogelsang, im Auftrag des Landes Niedersachsen auch Wolfsberater für die Landkreise Hameln-Pyrmont und Hildesheim, die wissenschaftliche Erforschung der Wölfe fördern und anderen Menschen ermöglichen, Vorurteile abzubauen.

So unterstützen die Eheleute wissenschaftliche Forschungsprojekte und betreuen mit einem Kooperationsvertrag neben den eigenen Tieren die Wölfe im Wisentgehege bei Springe. Dort vermitteln Matthias und Birgit Vogelsang den Besuchern Wolfs-Wissen bei täglichen Fütterungen, regelmäßigen Wolfsabenden und Seminaren.

Den Menschen in der Region Northeim scheinen die heulenden Nachbarn jedenfalls keine Angst mehr zu machen: „Das finden die meisten eher schön“, erzählt Birgit Vogelsang, „wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen“.

Fasziniert von Wildtieren: Matthias und Birgit Vogelsang haben ihr Leben den Wölfen verschrieben. ©Heller

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Naturschutz und schlechte Schlagzeilen

Göttingen. Der Wolf ist zurück in Deutschland. Territorien von 35 Rudeln oder Paaren sowie dreier Einzelgänger sind bekannt. In Niedersachsen wurden fünf Rudel und ein Wolfspaar nachgewiesen. Die Landesjägerschaft beschäftigt sich im Auftrag des Niedersächsischen Umweltministeriums in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und ehrenamtlichen Wolfsberatern mit dem sogenannte Wolfsmonitoring – der Dokumentation und Erfassung der Wolfsaktivitäten.

„Der Wolf ist in Niedersachsen willkommen. Das Land begrüßt die natürliche Rückkehr des Wolfes als heimische Wildtierart“: So lautet in einer Publikation des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie und Klimaschutz „Der Wolf in Niedersachsen“ der erste Grundsatz im Umgang mit dem Wolf. Dies wohl voraussetzend haben sich vor allem aus Osteuropa ausgewanderte Wölfe in der Lüneburger Heide, im Wendland, im Landkreis Celle und bei Cuxhaven angesiedelt.

Nutztierrisse und Besuche im menschlichen Umfeld haben den Vierbeinern schon einige Schlagzeilen beschert: „Kreis Vechta: Streift ein Wolf um den Waldkindergarten? hieß es etwa in den vergangenen Tagen. Auch in Südniedersachsen im Solling wurden 2008/2009 getötete Schafe einem einzelnen umherstreifenden Wolf zugeordnet.

In einer „Richtlinie Wolf“ hat das Umweltministerium darauf hingewiesen, dass das zurückgekehrte Säugetier streng unter Schutz steht. Tierhalter, denen durch Wölfe Schaden entstünden, könnten für getötete Schafe, Ziegen, Gatterwild, Rinder, Pferde, Jagd- und Hütehunde sowie Herdenschutztiere einen finanziellen  Ausgleich erhalten. Auch präventive Maßnahmen werden gefördert: etwa Aufrüstung und Neuanschaffung von Schutzzäunen nebst Zubehör sowie die Anschaffung von Herdenschutzhunden.

Ziel des Niedersächsischen Wolfschutzes ist laut Umweltministerium „ein möglichst konfliktarmes Verhältnis zwischen Mensch und Wolf“. Wobei, so verrät der dritte Passus der Grundsätze im Umgang mit dem Wolf, eines unabdingbar sei: „Die Sicherheit des Menschen genießt oberste Priorität.“

 
Wolfsberater Jörg Behling zur Rückkehr der Wölfe

Hemeln. Gibt es Wölfe bald auch in der Region, und müssen wir uns vor ihnen fürchten? Auskunft gibt Jörg Behling, Förster für Waldökologie der Forstämter Münden und Reinhausen der Niedersächsischen Landesforsten. Der 58-Jährige ist ehrenamtlicher Wolfsberater für den Kreis Göttingen, ernannt vom Landesumweltministerium.

Was macht ein Wolfsberater?
Wolfsberater sollen bei der Datenerhebung zu wildlebenden Wölfen mitwirken. Sie sollen Beobachtungen aufnehmen und überprüfen, ebenso Anzeigen zu Nutztierrissen. Auch die Beratung von Tierhaltern, Jägern und anderen Interessengruppen gehört zu seinen Aufgaben.

2008/2009 war in der Region Göttingen ein Wolf unterwegs, bei Uslar und Hemeln wurden Schafe gerissen. Ist der Wolf bis Südniedersachsen vorgedrungen?
2008 bis 2010 lebte ein Wolf im hessischen Reinhardswald, der Streifzüge nach Niedersachsen in den Solling und den Bramwald unternahm. Nachdem das Tier tot im Reinhardswald aufgefunden wurde, gab es für die Region keinen Nachweis mehr.

Glauben Sie, dass sich von Norddeutschland aus Wölfe in den Landkreisen Göttingen und Northeim ansiedeln können?
Jungwölfe verlassen mit elf bis 22 Monaten ihr elterliches Rudel und suchen sich ein Revier. Es ist wahrscheinlich, dass solche Wölfe auch durch unsere Region ziehen werden. In Südniedersachsen könnten die Waldgebiete Harz und Solling Wolfslebensräume sein. Im Landkreis Göttingen sind ausreichend große Rückzugsflächen kaum zu finden. Eine Ansiedlung in den länderübergreifenden Gebieten Kaufunger Wald/ Meißner oder Reinhardswald/ Bramwald erscheint mir nicht unmöglich.

Angesichts von Schafrissen bei Hamburg und Vechta: Müssen sich Spaziergänger und Tierhalter vor der Rückkehr des Wolfs fürchten?
Spaziergänger brauchen keine Angst zu haben. Begegnungen sind auch in etablierten Wolfsgebieten selten. Erwachsene Tiere weichen dem Menschen aus, Jungwölfe sind unbedarfter. Manchmal flüchten sie nicht, sondern nähern sich neugierig. Auch diese Begegnungen sind ungefährlich. Schaf- und Ziegenhalter sollten sich auf eine mögliche Rückkehr des Wolfes vorbereiten und ihre Tiere schützen.

Würden Sie sich freuen, wenn der Wolf zurückkäme?
Der Wolf ist ein faszinierendes Tier unserer heimischen Fauna. Nach seiner Ausrottung Anfang des letzten Jahrhunderts kommt er jetzt auf natürlichem Weg zurück. Ich hoffe, dass ein sachgemäßer Umgang mit dieser Rückkehr gelingt und dem Wolf ein Lebensrecht gewährt wird.

Das Interview führte Katharina Klocke

 
Wölfe im Wisentgehege

Das Wisentgehege Springe liegt an der Landesstraße 461 zwischen Springe und Eldagsen. Auf 90 Hektar Wald- und Parkfläche sind in Freigehegen und Flugvoliéren rund 100 Wildtierarten – darunter Greifvögel, Przewalski-Pferde, Elche, Bären, Rotwild und Wölfe zu sehen.

In einem Areal mit den Bären lebt das Wolfsrudel des Wisentgeheges. Seit 1982 werden in Springe Welpen aufgezogen. Die Wölfe stammen aus Rumänien und aus dem ehemaligen Jugoslawien. Unabhängig davon betreuen Matthias und Birgit Vogelsang aus dem Landkreis Northeim vier Timberwölfe im Wisentgehege. Matthias Vogelsang führt das von seiner Hand aufgezogene Rudel als Ranghöchster. Das Ehepaar berichtet in seinen Präsentationen über die Tiere, ihre Entwicklung und sein Leben mit den Wölfen.

Von März an stehen die Northeimer täglich um 14.45 Uhr, von April bis Oktober um 15.45 Uhr interessierten Besuchern als Ansprechpartner zur Verfügung.

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