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Filmkontrolle: „Vermeiden Sie eine erotisierende Wirkung“

Arca-Serie, Teil 6 und Ende Filmkontrolle: „Vermeiden Sie eine erotisierende Wirkung“

In der Filmstadt Göttingen gab es nicht nur die Filmaufbau. Zwei Göttinger gründeten die Arca, die im Verlauf ihrer Geschichte die Immenhof-Filme ebenso produzierte wie die Aufklärungsfilme mit Oswalt Kolle. Die Arca hatte einen Firmensitz noch bis Anfang der 1960er-Jahre in Göttingen. Jörn Barke erinnert in einer Serie an die weitgehend übersehene und heute fast vergessene Firma. Teil 6: Umstrittene Filme der Nachkriegszeit.

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Produzent und Star: Gero Wecker und Marion Michael.

Göttingen. Mit einem Film-Import aus Schweden gelingt der in Göttingen gegründeten Arca 1952 der Durchbruch. Das Werk sorgt gleich für gehöriges Aufsehen. Denn in dem Streifen „Sie tanzte nur einen Sommer“ gibt es eine freizügige Badeszene mit Hauptdarstellerin Ulla Jacobsson. In der konservativen Ade­nauer-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist das ein erklärungsbedürftiger Umstand.

Der Verleih gibt den Kinobesitzern einen ausführlichen Ratschlag mit auf den Weg, wie sie mit der Werbung für den Film umgehen sollen. Das Werk stelle „an die Gestaltung der Außenfront besondere Ansprüche. Die Dezenz und das Niveau des Films darf nicht durch eine übertriebene Außenfrontgestaltung zu falschen Schlüssen Anlass geben.  Vermeiden Sie daher, dass die Außenfront Ihres Theaters eine erotisierende Wirkung erhält.

Denken Sie daran, dass Sie für einen der besten schwedischen Filme Propaganda machen. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Deutschen Filmwirtschaft hat uns diese Auflage gemacht. Wenn Sie also das Aktbild zum Vorwurf Ihrer Außenfront machen, erinnern Sie sich bitte des eben Gesagten, berücksichtigen Sie die Qualität ihres Films und gestalten Sie Ihre Außenfront entsprechend.“ Der Film wird bei der Berlinale 1952 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet – und zwar vom Publikum, das in diesem Jahr die Preise vergibt.

Der schwedische Film bleibt nicht der einzige, zu dem der streitbare Produzent und Arca-Geschäftsführer Gero Wecker Diskussionen führen muss. Gleich eine ganze Seite widmet das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ 1955 der Auseinandersetzung Weckers mit der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) um den Dokumentarfilm „So war der deutsche Landser“, einen der ersten von der Arca selbstproduzierten Filme. Der Film enthält Wochenschau-Aufnahmen, die mit gesprochenem Text unterlegt sind.

Antikriegsfilm

Während Wecker selbst der Auffassung gewesen sei, einen ausgesprochenen Antikriegsfilm gemacht zu haben, monierte die FSK laut Spiegel „militaristische, nationalistische und nationalsozialistische Tendenzen“. Änderungen am Schnitt und Text seien gefordert worden.

Der Spiegel weist darauf hin, dass Wecker Änderungen an Filmen nach Debatten mit der FSK gewohnt sei. So sei er nicht nur mit „Sie tanzte nur einen Sommer“ angeeckt, sondern – aus moralischen Gründen – auch mit Filmen, in denen die französische Schauspielerin Françoise Arnoul mitwirkt, nämlich „Verbotene Frucht“ (entstanden nach einem Roman von Georges Simenon), „Zur Liebe verdammt“, „Im Schlafsaal der großen Mädchen“ und „French Cancan“. Nach erheblichen Änderungen bekommt Wecker auch für den deutschen Landser die Freigabe.

Der Produzent bleibt sich darin treu, bisweilen auf kontroverse Themen zu setzen, die das moralische Gefühl der Zeit kitzeln. Prostitution thematisiert er 1958 – ein Jahr nach der Ermordung der Edelprostitutierten Rosemarie Nitribitt – gleich in zwei Filmen: „Madeleine, Tel. 136211“ und „Liebe kann wie Gift sein“. In diesem Film spielt zugleich Rauschgift-Sucht eine Rolle, um die es auch in „Ohne Dich wird es Nacht“ (1956) mit Curd Jürgens geht.

Der Kuppelei-Paragraph und die Liebe eines Mannes zu einer Minderjährigen stehen im Mittelpunkt von „Das Mädchen und der Staatsanwalt“ (1962), in dem Elke Sommer die Minderjährige gibt. Der Kuppelei-Paragraph wird ebenfalls in dem Film „Anders als du und ich“ (1957) thematisiert. Doch im Zentrum des Werks steht ein anderes damals brisantes Thema: Homosexualität. Der Film wird in den ersten zwei FSK-Instanzen abgelehnt.

 

Arca-Filme, die das moralische Gefühl der Zeit kitzeln: Kuppelei-Paragraph, Rauschgift-Sucht und Prostitution als Themen.

Quelle:

Er darf in der Bundesrepublik erst erheblich umgearbeitet und nicht unter dem ursprünglichen Titel „Das dritte Geschlecht“ erscheinen. Durch die Änderungen erhält der Film eine deutlich gegen Homosexuelle gerichtete Tendenz. In der ursprünglichen Fassung hatte es dagegen zumindest Ansätze für einen differenzierteren Blick auf Homosexualität gegeben.

Regisseur des Filmes ist Veit Harlan. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst wegen seiner Rolle in der NS-Diktatur äußerst umstritten. Harlan hatte unter anderem den antisemitischen Hetzstreifen „Jud Süß“ gedreht. Er konnte sich nach 1945 dennoch wieder etablieren – zunächst 1951 mit dem Film „Unsterbliche Geliebte“, hergestellt von der „Hans Domnick Filmproduktion“ in Göttingen.

Wecker arbeitet erst später mit Harlan zusammen. „Anders als du und ich“ ist Harlans erste Regie-Arbeit für die Arca, es folgt „Liebe kann wie Gift sein“. In der Arca-Produktion „Ich werde dich auf Händen tragen“ (1958) wirkt unter Harlans Regie auch seine Frau, die Schauspielerin Kristina Söderbaum, mit.

In der Nach-Adenauer-Ära muss Wecker erneut eine ausschweifende Auseinandersetzung führen: Es geht um den Arca-Film „Das Wunder der Liebe“ (1968), den ersten einer Reihe von Aufklärungsfilmen mit Oswalt Kolle. „Als wir den Film endlich im Kasten hatten, war er trotzdem noch lange nicht fertig“, schreibt Kolle in seiner Autobiographie „Ich bin so frei“.

Kampf mit der FSK

Denn nun habe der Kampf mit der FSK begonnen: „Zwei Tage und zwei Nächte mussten wir über jeden einzelnen Meter verhandeln.“ Einem FSK-Vertreter schreibt Kolle den Satz zu: „Sie wollen wohl die ganze Welt auf den Kopf stellen. Jetzt soll sogar die Frau oben liegen!“ Auch sei ein leichtfertiger Umgang mit dem Thema Masturbation kritisiert worden. Schließlich habe der Film aber „nach quälendem Ringen“ in die Kinos kommen können. Millionen Menschen in der Bundesrepublik sehen diesen und die folgenden Kolle-Filme.

Die Position der FSK zu den Kolle-Filmen stellt auch Jürgen Kniep in seinem Buch über Filmzensur in Westdeutschland von 1949 bis 1990 dar. Während Kolle einen anekdotischen Bericht liefert, analysiert Kniep die Arbeit der FSK wissenschaftlich und im Rahmen der Zeit. So ging dem „Wunder der Liebe“ bereits der Aufklärungsfilm „Helga“ voraus. Und 1969 werden der FSK die ersten Sex-Komödien vorgelegt.

Grundsätzlich erscheinen laut Kniep „die späten 1950er-Jahre tendenziell als Zeitpunkt der strengsten, die späten 1970er als Moment der laxesten Grenzziehungen“ der Filmkontrolle.Kniep behandelt in seinem Buch den Umgang von FSK und bundesdeutscher Gesellschaft mit so unterschiedlichen Werken wie dem Film „Das Schweigen“ von Regisseur Ingmar Bergmann, der Schulmädchen-Report-Reihe und den Italo-Western.

Kniep korrigiert dabei eine weit verbreitete Legende: Um den Film „Die Sünderin“ von 1951 habe es nicht wegen der Nacktszene mit der jungen Hildegard Knef Auseinandersetzungen gegeben. Die Kritik habe sich vielmehr gegen eine zu positive Darstellung von Prostitution, Selbstmord und Tötung auf Verlangen in dem Film gerichtet: „Die Annahme, dass die Kirchen gegen die wenige Sekunden lang zu sehenden Brüste der Schauspielerin zu Felde gezogen seien, ist zwar aus dem heutigen Mythos ‚Sünderin‘ nicht wegzudenken, entbehrt aber jeder Grundlage.“

Jürgen Kniep: „Keine Jugendfreigabe!“ Filmzensur in Westdeutschland 1949-1990, Wallstein-Verlag, geb., 448 Seiten, 42 Euro.

Arca-Star mit bewegtem Leben: Marion Michael

Einer der schillerndsten Arca-Stars ist Marion Michael. Als 15-Jährige wird sie 1955 unter tausenden von Bewerberinnen für den Film „Liane – das Mädchen aus dem Urwald“ ausgewählt. Die Hauptrolle macht sie 1956 schlagartig berühmt: als barbusiger Leinwand-Nackedei. Sie spielt an der Seite von Hardy Krüger ein spärlich bekleidetes Mädchen, dass nach einem Flugzeugabsturz im Urwald von Eingeborenen großgezogen wurde. Für Michael ist der Film Auftakt zu einem Leben voller abrupter Wendungen und tiefer Täler.

Zunächst wird sie ein Exklusiv-Star der Arca: Produzent Gero Wecker gibt ihr einen Siebenjahresvertrag. Michael spielt in weiteren Arca-Filmen unter anderem an der Seite von Hans-Albers („Der tolle Bomberg“), Eddie Constantine („Bomben auf Monte Carlo“) und Harald Juhnke („Davon träumen alle Mädchen“). Auch in einem zweiten Liane-Film wirkt sie mit („Liane – die weiße Sklavin“). Zwischenzeitlich geht sie eine Liaison mit Wecker ein.

Nach Ablauf des Vertrages bleiben Filmangebote aus. Michael verlegt sich aufs Theaterspielen und moderiert kurze Zeit eine Kindersendung im Fernsehen. Sie heiratet, lässt sich scheiden, hat 1970 ein Kind mit einem amerikanischen Soldaten. Anfang der 70er-Jahre zieht sie sich aus der Öffentlichkeit zurück, lebt in einer Kommune und macht Straßentheater.

Depressionen münden in einen Suizidversuch. 1976 beginnt Michael eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Nach einer Beziehung zu einem Alkoholiker geht sie 1979 mit ihrem Sohn in die DDR und wird Synchronassistentin. 1983 heiratet sie zum zweiten Mal, einen Funktionär. Sie wird manisch-depressiv, ihr 17-jähriger Sohn flieht 1987 zurück in den Westen. Erst nach dem Mauerfall sehen sie sich wieder. Mitte der 90er-Jahre hat Michael noch einmal ein paar Filmauftritte. Danach lebt sie mit ihrem zweiten Mann zurückgezogen im Oderbruch und stirbt 2007 im Alter von 66 Jahren.

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Arca- Serie, Teil 5

In der Filmstadt Göttingen gab es nicht nur die Filmaufbau. Zwei Göttinger gründeten die Arca, die im Verlauf ihrer Geschichte die Immenhof-Filme ebenso produzierte wie die Aufklärungsstreifen mit Oswalt Kolle. Die Arca hatte einen Firmensitz noch bis Anfang der 60er-Jahre in Göttingen. Jörn Barke erinnert in einer Serie an die weitgehend übersehene und heute fast vergessene Firma. Teil 5: „Der tolle Bomberg“, die Gartetalbahn und Mädchen in Uniform.

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