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Firmen suchen gezielt akademische Quereinsteiger

Thema des Tages Firmen suchen gezielt akademische Quereinsteiger

Die Universität absolviert, den Abschluss in der Tasche. Und dann? Nicht jeder, der eine akademische Ausbildung hat, findet einen Arbeitsplatz, schon gar nicht in dem Feld, das er studiert hat. Noch immer gilt: Wer gut ausgebildet ist, hat gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Oft aber sind die Wege in die Karriere alles andere als gradlinig. Eine gut bezahlte Festanstellung, lebenslang der gleiche Job: das war gestern.

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Praxisbörse der Uni Göttingen am Sartorius-Stand: Chemiker Marcus Thater (li.) und Artur Kochanke (re.) werden von Corinna Tischer mit Produkten von Sartorius vertraut gemacht.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. „Ich habe auch schon mal eine Kapitänin eingestellt“, sagt Katrin Willenbockel. Die Personalreferentin arbeitet nicht etwa für eine Reederei, sondern bei der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB). Dass Akademiker Karriere als Quereinsteiger machen, ist keine Randerscheinung. Auch auf der Praxis-Börse der Georg-August-Universität Göttingen zeigten sich die Personaler aufgeschlossen. Geisteswissenschaftler in der Unternehmensberatung? Kein Problem.

Willenbockel schätzt an ihren fachfremden Kollegen, „dass sie eine andere Denkweise haben.“ Physiker und Mathematiker erstellen beispielsweise Risikomodelle und Analysen, die angesprochene Kapitänin befasst sich mit der Bewertung der Sicherheit von Schiffen, die die Nord LB finanziert. Außerdem werben Willenbockel und ihr Team gezielt um Absolventen und Studienabbrecher aller Fachrichtungen, die mit einer Ausbildung im Bankenwesen einen Neubeginn wagen wollen.

Auch Sabine Wiemers, Ausbildungsleiterin in der Personalabteilung von Lidl, sucht nicht in bestimmten Fachrichtungen nach Kandidaten für Stellen als Verkaufsleiter: „Bei uns ist alles möglich. Einzige Voraussetzung ist ein dreijähriges Studium“, sagt Wiemers. Die Arbeit als Verkaufsleiter sei im mittleren Management angesiedelt: Die Führungskraft ist in fünf bis sechs Filialen für Personalwesen, Umsatzziele oder Marketing verantwortlich – ein anspruchsvoller Job, der auch die Verantwortung für rund 100 Mitarbeiter einschließt. Braucht man dafür keine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse? „Schon, aber die werden in einer neunmonatigen Einarbeitungszeit vermittelt.“

Elisabeth Wackermann, stellvertretende Ausbildungsleiterin der Niederlassung der Deutschen Bundesbank in Hannover, sieht vor allem in der Informationstechnologie (IT) eine Gelegenheit für fachfremde Akademiker. Hier seien Physiker, Biologen und Mathematiker beschäftigt, die die entsprechenden Vorkenntnisse mitbringen. Physiker seien aber auch in der Bankenaufsicht zu finden, erzählt Wackermann.

Bei Baker Tilly Roelfs, eines in der Wirtschaftsprüfung, Rechtsberatung, Steuerberatung sowie in der Unternehmensberatung tätigen Unternehmens, wird schon in der Stellenausschreibung nach „Querdenkern“ gesucht – welchen fachlichen Hintergrund sie haben, sei erst einmal zweitrangig. „Wir gucken uns jede Bewerbung individuell an“, sagt Anna Meike Reimann aus der Personalabteilung in Düsseldorf, die aber auch klarstellt, dass Fachwissen in diesen Branchen natürlich nötig ist. Weitere Möglichkeiten gebe es in der Marketing- und Kommunikationsabteilung des Unternehmens: „Hier finden sich Journalisten, Marketing-Profis, Texter oder PR-Strategen“ - und die haben sowieso meist alles mögliche studiert.

Von Jonas Rohde

Arbeitsmarkt: Gute Chancen für Akademiker

Göttingen. „Gute Bildung, gute Chancen. Das gilt auch heute noch“, sagt Wiebke Saalfrank, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit. Dennoch waren im Mai 2015 im Landkreis Göttingen 1106 Menschen mit akademischen Abschuss arbeitslos gemeldet. „Das sind 87 oder 8,5 Prozent mehr als im Vorjahr“, so Saalfrank. Allerdings sind zeitgleich auch mehr Akademiker im Landkreis Göttingen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

16613 Menschen mit akademischen Abschluss, und damit 6,2 Prozent mehr als im Vorjahr, waren in der Agentur für Arbeit gemeldet.  „Ich denke diese Entwicklung lässt sich mit dem Trend zu Höherqualifizierung erklären“, so die Fachfrau.  Weil es prozentual immer mehr Akademiker in der Bevölkerung gebe, registriere man auch sowohl einen Anstieg bei der Beschäftigung als auch bei der Arbeitslosigkeit unter Akademikern. 

„Wir verzeichnen einen Anstieg der der Zahl der Beschäftigten, den Arbeitslosen und  den gemeldeten Stellen für Spezialisten und Experten“, sagt Saalfrank. Generell gebe es eine steigende Beschäftigung bei den Akademikern und durch den Trend zur Akademisierung auch eine steigende Anzahl der Akademiker, die in der Agentur arbeitssuchend gemeldet sind.

„Der Stellenmarkt ist gut, allerdings  aufs Studienfach bezogen unterschiedlich gut“, sagt Saalfrank. Auch wenn nicht immer Informationen über das Studienfach eines Akademikers vorliegen, eines sein sicher: „Ärzte, Ingenieure und Informatiker haben auch dem Göttinger Arbeitsmarkt keine Probleme.“

In diesen Berufsgruppen verzeichnet die Agentur für Arbeit  bereits Besetzungsengpässe. Saalfrank bewertet die Chancen für Hochschulabsolventen bei einem  erfolgreichen Start ins Erwerbsleben generell aber als „sehr gut“. In einzelnen, sehr  speziellen geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen, gebe es schon einmal Probleme beim Berufseinstieg. „Nach einer gewissen Suchphase gelingt aber der Start in der Regel“, so Saalfrank.

Von Britta Bielefeld

 
Jobticket mit Doktortitel

Göttingen. Auch ein Doktortitel ist kein Garant für eine gradlinige Karriere: Stefan Noa, promoviert in Amerikanistik, ist ein klassisches Beispiel. Der 44-jährige arbeitet heute in der Firma Job-Ticket, ist bundesweit für Media-Planung, Auftragsabwicklung und als leitender Mitarbeiter beschäftigt.

„An mein Studium erinnert meine Arbeit nur dann, wenn ich mit ausländischen Kunden zu tun habe“, sagt Noa. Der Göttinger hat Englisch und Geschichte auf Lehramt studiert, im Referendariat aber schnell gemerkt, dass das nicht das richtige für ihn ist. Also zurück an die Universität und promovieren. 2005 hat er den Titel in der Hand, aber keinen Job in der Tasche. Noa bewirbt sich. Ein Jahr lang. Überall. Er arbeitet als Übersetzer, manchmal sogar ohne Lohn. Ein Jahr lang geht das so. „Dann war eine Schwelle überschritten“, sagt er. Er bewirbt sich auf fast jede Stelle, kassiert Absagen.

„Überqualifiziert“, heißt es nicht selten darin.  Dr. Noa heuert als Sachbearbeiter an, bei der Firma Jobticket. Im Jahr 2006, die Firma ist noch neu am Markt mit ihrer Idee, die heute in fast jeder Stadt verbreitet ist. Er kann das Unternehmen fast von Beginn an mitentwickeln, arbeitet sich voran. „Das Studium, das hat mit die Grundfähigkeiten vermittelt“, sagt er. Wissenserwerb und Informationsstrategien nützen ihm auch heute noch.

bib

 

Marketing und modeln mit Bachelorabschluss

Göttingen. Michaela von Krockow ist vielen Göttingern immer noch als „Milla“ bekannt – 2007 brachte sie die Teilnahme an der zweiten Staffel von Germany‘s Next Topmodel (GNT) ins Rampenlicht. Hinter ihrer Geschichte stecken jedoch viel Zufall und spontane Wendungen. „Die Bewerbung bei GNT war eigentlich eine Schnapsidee von zwei Freundinnen, die mit mir die Fotos und ein Video gedreht haben“, sagt Milla. Das war nach dem Abi, als sie für ein Psychologie-Studium nur auf die Warteliste kam und Leerlauf hatte.

Mit dem Psychologie-Studium klappte es nicht, dafür aber mit GNT. Nach der Modelshow ging es ziemlich „unsexy“ weiter – Michaela fing an, Soziologie mit Nebenfach Wirtschafts- und Sozialpsychologie zu studieren. 2011 machte sie ihren Bachelor-Abschluss – und modelte für ein Jahr intensiv weiter, ihre Agenturen in München und Berlin schickten sie teils längere Zeit ins Ausland. „Anschließend habe ich mich dann Richtung Unternehmenskommunikation für Praktika und Trainee-Stellen beworben.“ Während des Schreibens von Bewerbungen kam jedoch ein Freund mit dem Angebot um die Ecke, im Göttinger Polygo Verlag anzufangen.

So landete sie doch noch im Journalismus, wenn auch anders als im Studium gedacht. „Ich bin jetzt im Marketing tätig, sprich ich habe Kunden für Anzeigenakquise und Werbestrategie.“ Das Modeln hat sie indes immer noch nicht ganz aufgegeben, auch „wenn das schwierig ist, da ich Vollzeit arbeite. Eigentlich müsste man regelmäßig Castings machen und sich ins Gespräch bringen. Daher nehme ich noch das mit, was reinkommt.“ Sie bleibt allerdings auch nicht stehen: „Ich habe letztes Jahr mit einem berufsbegleitenden Wochenendstudium zum Kommunikationswirt an der Afak in Kassel begonnen“, erzählt Michaela.

„Es gab zwar immer einen Plan“, blickt sie zurück, „aber in der Regel hat sich mein Leben immer durch kurzfristige Angebote strukturiert."

sg

 
Werbung statt Sowi

Göttingen. Es gibt schon Überschneidungen mit dem Studium der Sozialwissenschaften und seinem heutiger Job: Das sagt Daniel Barbosa, Geschäftsführer der Göttinger Werbeagentur  Dluxe-Media. „Das versuche ich mir zumindest manchmal einzureden“, sagt er lachend.

Barbosa führt heute ein erfolgreiches kleines Unternehmen, hat beispielsweise mit seinem Agenturteam die Titelmelodie zur RTL-Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten geschrieben. Kein Wunder, denn den Einstieg in die Branche  hat der 35-Jährige über die Musik gefunden. Gemeinsam mit seinem heutigen Geschäftspartner Tobias Langer machte er seit dem Jahr 2003 Musik –  auch in der Göttinger Band Polished. Musik ist die Leidenschaft der beiden Werber.

So begann auch die Zusammenarbeit. „Unsere ersten Erfolge hatten wir mit der Komposition und Produktion von Jingles und Titelmelodien für amerikanische Fernsehsender“, sagt Barbosa. Die laufen dort heute noch. 2008 gründeten die beiden passionierten Musiker (Barbosa: Bass, Langer: Drums) ihre Werbeagentur, die heute beispielsweise mit Größen wie der Hardrock-Legende Doro Pesch zusammenarbeitet. Studieninhalte wie öffentliches Recht braucht Barbosa heute kaum noch. „Das Studium hat mir trotzdem viel gebracht – vor allem für das Leben“, sagt er.

bib

 

Hypnose statt Geographie

Göttingen / Bremke. Das Universitäts-Diplom in Geografie in der Tasche, vier Jahre lang wissenschaftliche Mitarbeit am Lehrstuhl für Hochgebirgsgeographie, jahrelange Abteilungsleitung im Naturkostgroßhandel: Und jetzt ist Ulf Kossel Hypnotiseur und betreibt eine eigene  Gesundheitspraxis in Göttingen. Keine ganz alltägliche berufliche Laufbahn.

Dennoch: „Die Geographie und das Studium haben mich sehr geprägt, ich habe dort gelernt, Zusammenhänge zu erkennen“, sagt der heute 50-Jährige.

Vier Jahre lang blieb Kossel nach seinem Diplomabschluss am Geo-Institut an der Goldschmidtstraße. „Eigentlich wollte ich dort promovieren“, sagt er. Finanzieren muss er die Jahre in der Wissenschaft quasi allein, er fährt Minicar, hat mal ein halbes Jahr ein Stipendium, mal einen kleinen Hilfswissenschaftler-Vertrag, jobt im Naturkosthandel, engagiert sich ehrenamtlich im Hospiz an der Lutter. Irgendwann wird klar:  Das hat keine Perspektive. Kossel heuert Vollzeit im Handelsunternehmen an, arbeitet im Betriebsrat mit. Dort absolviert er eine Ausbildung zum Mediator.

Der Grundstein für sein Interesse an den Themen Kommunikation und Motivation ist gelegt. Er wechselt die Seiten, „schwupps war ich in der Abteilungsleitung“, sagt er. Das Interesse an alternativer Medizin steigt, Kossel belegt Kurse, informiert sich über Schamanismus, Homöopathie oder Reiki-Thearpie.  „Ganz am Ende habe ich die Hypnose entdeckt“, sagt der Vater von drei Kindern. Heute ist das sein Beruf.

„Das Studium bei Prof. Matthias Kuhle war ganz toll“, sagt Kossel. Nicht nur Geographie, auch Wissenschaftstheorie, die Art, universell zu denken und zu hinterfragen, wie ein Weltbild im Menschen entsteht, das habe der Hochschullehrer vermittelt. Dinge, die  Kossel heute noch wichtig sind. „In der Geographie habe ich die Topographie der Landschaften kennen gelernt, heute beschäftige ich mich mit der Topographie der Seele“.

bib

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Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016