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Leben in einer Flüchtlingsunterkunft

Siekhöhe Göttingen Leben in einer Flüchtlingsunterkunft

Eine ehemalige Lagerhalle im Groner Gewerbegebiet ist die neue Unterkunft von derzeit 134 Flüchtlingen. Seit Mitte Mai ist die Halle bewohnt. Wie leben die Flüchtlinge dort? Ein Besuch.

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Daraji Mustapha teilt sich sein Zimmer mit zwei anderen Bewohnern. Die Unterkunft bezeichnet der Künstler als „gut“.

Quelle: Harald Wenzel

Göttingen. Beim Gang über das Areal der ehemaligen Lagerhalle, die vom Deutschen-Roten-Kreuz (DRK) betrieben wird, läuft man an einem kleinen Fußball-Court, einem Basketball- und einem Spielplatz vorbei. Ein Volleyballfeld solle bald noch folgen, erzählt Lars Willmann, Koordinator für Soziales der Flüchtlingsunterkunft.

Im Inneren der Lagerhalle, an der Security vorbei, gelangt man zu den Wohn- und Gesellschaftsbereichen. Was als erstes auffällt: Es ist sehr sauber. Im Hintergrund hört man Reinigungsmaschinen brummen und Kinder rufen.

Mustapha Daraji aus dem Irak wohnt in einem Zimmer, das er sich mit zwei Bewohnern teilt. Pro Wohnraum können vier bis vierzehn Flüchtlinge untergebracht werden. Insgesamt können bis zu 400 Menschen dort leben. Die Unterkunft sei „gut“, sagt Daraji, der in zwei Monaten mit seinen Kunstwerken an einer Ausstellung in Göttingen teilnimmt. Allerdings sei es ein „bisschen laut“ und daher „schwierig mit Schlafen“, führt er weiter aus. Die einzelnen Räume haben keine Decken, wodurch die Geräusche in der Lagerhalle in die Zimmer dringen. Daher sei es „wichtig, dass die Leute Rücksicht nehmen“, ergänzt Willmann. Ballin Abbas, ebenfalls ein Flüchtling aus dem Irak, findet: „Es ist egal, ob es laut ist oder du nicht schlafen kannst, hier bist du sicher“.

Beim Mittagessen erzählt Abbas in gutem Deutsch, dass er einen Kurzfilm über das Leben der Flüchtlinge in Göttingen drehen möchte. Es gibt Kartoffelpüree mit Gemüse und Würstchen. Damit die Speisen halal, also nach islamischen Recht zulässig sind, werden sie auch vegetarisch angeboten.

Die Mitarbeiter der Unterkunft, von denen viele „auch einen sicheren Job woanders haben können“, sagt Willmann, bieten Deutschunterricht, Fitness, Nähen und Häkeln, Basketball, Fußball, Sprechstunden und Kinderangebote an. Außerdem gibt es einen mit drei Computern ausgestatteten Multimedia-Raum, in dem die Flüchtlinge ihre Bewerbungen schreiben können.

Kritik an dieser Unterbringung kam kürzlich in Form einer Pressemitteilung aus dem Lager der „Our House OM 10“-Besetzer. „Die Massenunterkunft ist unzumutbar und muss weg“, hieß es in der Veröffentlichung. Des Weiteren sei dem DRK als Betreibergesellschaft finanziell daran gelegen „die Situation zu beschönigen und eine dauerhafte Belegung des Lagers auf der Siekhöhe zu fördern“, behauptet die Besetzergruppe.

„Ich höre immer nur Forderungen, aber keine Angebote“, beklagt Lars Willmann. „Keiner von uns hier ist Politiker, wir helfen einfach nur Menschen“, versichert er. Unterkunftsleiter Pascal Comte sagt, er finde es „ein bisschen krass, was da geschrieben wurde“. Dieser Meinung schließt sich Willmann an: „Finanziellen Nutzen hat das DRK hier mit Sicherheit nicht, das ist ein Irrglaube“. Man könnte noch Fahrräder gebrauchen, sagt Willmann. yah

Kritik der Besetzergruppe „OM 10“

Die Besetzer des Hauses an der Oberen Maschstraße 10 haben ihre Kritik an der Flüchtlingsunterkunft auf der Siekhöhe erneuert. Bereits eine Woche zuvor hatte die Gruppe schwere Vorwürfe erhoben und sprach von einer „menschenunwürdigen Unterbringungssituation“.

Hauptkritikpunkte in beiden Stellungnahmen sind der Lärmpegel, die Beleuchtung und die nicht vorhandenen Zimmerdecken in der ehemaligen Lagerhalle am Anna-Vandenhoeck-Ring. Des Weiteren beklagt die Gruppe, dass es keine Intimsphäre gebe und berichtet von gestressten und verzweifelten Bewohnern. Die psychische Belastung sei mittlerweile so groß, dass das ungeborene Kind einer schwangeren Frau Wachstumsstörungen aufweise. Generell sei die Unterkunft auf der Siekhöhe nicht für Kinder geeignet, da diese bis spät in der Nacht nicht zur Ruhe kämen.

Die Stadt habe bereits „eine Stellungnahme vom Deutschen-Roten-Kreuz (DRK) eingefordert“, berichtet Verwaltungssprecher Detlef Johannson. Man erwarte nun einen Bericht über die Einschätzung der Situation vom DRK. Zugleich verweist Johannson darauf, dass „die Betreuungsdichte so hoch wie in keiner anderen Göttinger Einrichtung“ sei. „An eine Schließung dieser Halle wird nicht gedacht“, sagt Johannson.

Die Stadt halte die vom DRK betreute Unterkunft für einen vorübergehenden Zeitraum für zumutbar, und nur darum gehe es, führt Johannson aus. Das schwangere Ehepaare würde, sobald die durch den Mutterschutz gesetzten Fristen erreicht sind, in einer Wohnung untergebracht werden.

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