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Zwischen Fotoverbot und Fingerspitzengefühl

Freibadbetreiber in der Region Zwischen Fotoverbot und Fingerspitzengefühl

Handyschnappschüsse aus dem Freibad werden im Internet veröffentlicht, Bikinifotos kursieren in den sozialen Netzwerken. Nicht immer mit der Zustimmung der Personen, die auf den Bildern zu sehen sind. Die Badbetreiber der Region reagieren unterschiedlich auf das Phänomen.

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Quelle: dpa

Göttingen. Bundesweit verhängen immer mehr Kommunen Film- und Fotoverbote, wenn sich Menschen bei sommerlichen Temperaturen leichtbekleidet in der Öffentlichkeit bewegen. An der Kasse vieler Freibäder, bespielweise in Braunschweig, werden Aufkleber verteilt, um Handykameras für die Dauer des Aufenthaltes unbrauchbar zu machen. Firmen haben sich bereits auf die Herstellung von Klebepunkten für Kameralinsen spezialisiert, die nach einmaligem Entfernen unbrauchbar sind. Andernorts müssen fotofähige Elektronikgeräte vor den Badespaß weggeschlossen werden.

In Göttingen gibt es nach Auskunft der Verantwortlichen noch keine Veranlassung für derartigen Aktionismus. Die Besucher sind durch das Gesetz geschützt, zusätzliche Hausordnungen gibt es in den Göttinger Bädern bisher nicht. "Wir beobachten das, sehen im Moment aber keinen Handlungsbedarf", sagt Alexander Frey, Geschäftsführer der Göttinger Sport- und Freizeit GmbH (GöSF) und ergänzt: Das Smartphone sei für viele immer mehr zum originären Körperbestandteil geworden und sei selbstverständlich auch im Freibad dabei. Wenn dann stolze Eltern ihre Kinder beim Plantschen ablichten, wird ihnen das in Göttinger Freibädern nach jetzigem Stand niemand verbieten.

Kommt es aber doch mal zu Beschwerden, greifen die Schwimmmeister ein, so Frey weiter. Aber auch dabei seien die Fotografen in der Vergangenheit stets einsichtig gewesen. Die absolut geschützten Räume gebe es immer weniger. Einer davon ist die Sauna. Hier gelten in der Eiswiese wie auch in anderen Schwimmbädern der Region Sonderregeln. Aber selbst hier müssten laut Frey die Kollegen viel Überzeugungsarbeit leisten, um den geforderten Handyverzicht durchzusetzen.

Andere Erfahrungen hat Bad-Leiter Matthias Corde gemacht. Wer in sein Dransfelder Erlebnisbad will, wird bereits vor der Kasse auf das Fotoverbot im gesamten Bad hingewiesen. Ausnahmen gibt es nicht, Verstöße bisher wenige. "Das Verbot gibt den Schwimmmeistern die Möglichkeit durchzugreifen", erklärt Corde. Bei Verstoß wird der Handybesitzer aufgefordert, das Bild zu löschen. Weigert er sich, wird die Polizei gerufen. Dazu sei es bisher aber noch nicht gekommen. Die Gäste zeigen Verständnis. "Spätestens wenn ich frage, ob sie selbst sich oder die Kinder im Internet wiederfinden wollen", sagt Corde.

Für Andre Bötte, Schwimmmeister im Rosdorfer Freibad, sind Handy- oder Fotoverbote in heutiger Zeit fast nicht durchsetzbar. "Die meisten Freibäder bieten heute freien Wlan-Zugang und sollen gleichzeitig die Nutzung der Smartphones und Tablets einschränken? So ein Schwachsinn." Zudem müsse jedes Verbot auch überwacht werden - bei zwei Aufsichten und an guten Tagen 1500 Badegästen eine unlösbare Aufgabe. Man habe schließlich auf die Sicherheit der Gäste zu achten, nicht auf ihre Telefone.

Zustimmung dazu kommt aus Duderstadt, wo Uwe Tuma als Betriebsleiter für das Freibad zuständig ist. "Wir konzentrieren uns auf die Leute." Beschwerden zu illegal aufgenommenen Fotos habe er persönlich auch noch nicht gehört. Das Thema habe sich seiner Meinung nach verselbstständigt. "Je weniger man drüber redet, desto weniger Probleme gibt es damit." Daher setzen Tuma, Bötte und die Kollegen in benachbarten Bädern auf das Fingerspitzengefühl der Aufsichten und das Verständnis der Besucher. Wird ein Besucher beim Fotografieren beobachtet, bekommt er vom Personal einen Hinweis. Fertig.

Bötte erinnert sich aus seiner Zeit als Aufsicht in einem Göttinger Freibad an einen Mann, der tatsächlich heimlich kleine Kinder gefilmt hatte. Die Kamera in seiner Hand war nur wenige Zentimeter groß. Eine kleine Leuchtdiode hatte ihn verraten und schließlich zu seiner Verhaftung geführt. "Wer heimlich filmen will, braucht dafür heutzutage kein Handy mehr. Dass ich den damals entdeckt habe, war bloßer Zufall", sagt Bötte. Wer es darauf anlegt, illegal zu fotografieren, braucht dafür kein Handy. Und wer sich die vordere Smartphonelinse zuklebt, kann immer noch Selfies machen. Laut Frey hätten die Klebepunkte dennoch ihre Funktion: Als "aktionistisches Feigenblatt."

Bild- und Filmaufnahmen dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden (§ 22 KunstUrhG). Dieses aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht abgeleitete Recht am eigenen Bild bezieht sich aber nur auf die Verbreitung nicht auf dessen Herstellung.

 Das Portal Anwalt im Netz formuliert es so: Normale Menschen dürfen in normalen Situationen in der Regel immer Fotos machen. Die Ausnahmen sind:

- Bei Eingriffen in die Intimsphäre ist das Fotografieren nicht erlaubt (siehe der bereits erwähnte § 201a StGB)

- auch nicht in solchen Momenten, in denen durch eine Fotografie die Menschenwürde des Abgelichteten verletzt wird

- oder wo jede denkbare Veröffentlichung oder Verbreitung von vorneherein ohne Einwilligung der fotografierten Person unzulässig wäre.

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