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Freisprechungen: Traditionell ein großer Tag im Leben eines Handwerkers

Thema des Tages Freisprechungen: Traditionell ein großer Tag im Leben eines Handwerkers

Reiches Brauchtum gab es einst um die Freisprechung der Handwerksgesellen. Wenig davon hat sich bis heute erhalten, zeigt eine Spurensuche in den südniedersächsischen Innungen.

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Mittlerweile Teil des Unesco-Weltkulturerbes: Handwerksgesellen auf der Walz.

Quelle: dpa

„Die Freisprechung nach bestandener Gesellenprüfung war im Mittelalter ein großer Tag im Leben eines jungen Handwerkers“, sagt der Göttinger Historiker Peter Aufgebauer. Lehrlinge gehörten damals zum Familienverband des Meisters, der während der Ausbildungszeit wie ein Vater über die Lernfortschritte gewacht hatte. Aus dieser engen Verbindung trat der Geselle nun heraus. Er war jetzt frei, konnte sich einen neuen Chef suchen, aber auch heiraten.

Um das gehörig zu feiern und um den Stolz auf die erworbenen Fertigkeiten zum Ausdruck zu bringen, entstanden zahlreiche Bräuche. „Sie wurden von den Zünften gepflegt“, erläutert Aufgebauer. In Zünften hatten sich die Handwerker in den Städten zusammengeschlossen, die während des Hochmittelalters entstanden waren. So organisiert vertraten die Handwerker ihre Interessen gegenüber dem Adel und dem Klerus.

„Die Zünfte regulierten den Markt und hielten unter anderem Wettbewerber fern“, führt Aufgebauer aus. Das wurde mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zunehmend in Frage gestellt. Nach der deutschen Einigung 1871 hob Preußen die Zünfte auf und führte die Gewerbefreiheit ein. „Damit rissen viele Traditionen ab“, so der Historiker.

Die Freisprechungen erfolgen seither in den Innungen, den neu entstandenen Interessenvertretungen der Handwerker. „Sie haben lange nicht das Gewicht der Zünfte, die auch das private Leben der Handwerker regelten“, sagt Aufgebauer. Das Brauchtum ist aber auch durch den technischen Fortschritt und den Wettbewerb mit der Industrie unter Druck geraten. „Zwar gibt es auf der einen Seite noch den Stolz auf die jahrhundertealte Erfahrung, auf der anderen Seite wollen Handwerker aber auch als modern gelten“, führt Lisa Maubach, wissenschaftliche Referentin beim Westfälischen Landesmuseum für Handwerk und Technik in Hagen, aus.

So verwundert es nicht, dass in den meisten Innungen Bräuche rund um die Freisprechungen weitgehend verschwunden sind. Wo es noch Traditionen gibt, wie etwa im Bauhandwerk, werden sie heute bezeichnenderweise oft weniger von den Handwerksmeistern als vielmehr von Berufsschullehrern fortgeführt oder neu belebt.

In den Abgesang auf alte Traditionen will die promovierte Göttinger Kulturanthropologin Dorothee Hemme, die über den Sprung des Handwerks in die Moderne forscht, nicht ohne weiteres einstimmen. „Tradition im Handwerk besteht auch aus der Weitergabe von Techniken. Sie werden bis heute weniger über Lehrbücher als durch Vormachen und Nachahmen vermittelt“, betont sie. Das schließe nicht aus, dass Handwerker sich neue Fertigkeiten aneigneten oder neue Werkzeuge und Werkstoffe für sich entdeckten.

Unterdessen hat die Unesco Deutschlands alte Handwerkstraditionen als immaterielles Kulturerbe der Menschheit entdeckt. Zum Weltkulturerbe gehören mittlerweile unter anderem die Walz der Handwerksgesellen oder der Reetdachbau.

Von Michael Caspar

Silberpokal, Fahne und Obermeisterkette

Zu zweit werden die Gesellen bei der Freisprechungsfeier der Bäcker und Bäckereifachangestellten nach vorne gebeten. „Sie müssen mit der Faust gleichzeitig zweimal auf den Tisch klopfen“, erläutert Obermeister Jens Hildebrand aus Barterode das Ritual. Dann öffnet erst der eine, dann der andere den Deckel eines alten, 30 Zentimeter hohen Silberpokals, der mit Anhängern geschmückt ist. Er führt das Trinkgefäß in die Höhe, sagt einen Trinkspruch und nimmt einen Schluck Wein.

„Viele sagen nur Prost, aber einige lassen sich etwas einfallen; das spiegelt gut die Persönlichkeit der jungen Menschen“, erklärt Hildebrand. Und: „Die Frauen zieren sich oft, weil schon andere aus dem Kelch getrunken haben.“ Sie tun dann nur so, als ob sie einen Schluck nehmen.

„Früher gab es die Bäckertaufe“, berichtet Hildebrand. Der schlechteste Prüfling wurde in einen Metallkäfig gesteckt und zur Strafe im Mühlgraben untergetaucht. Weil es so einen Käfig im Brotmuseum in Ebergötzen noch gibt, hat die Innung vor ein paar Jahren eine Bäckertaufe einmal spaßeshalber durchgeführt. „Wir konnten für diesen Scherz unseren besten Prüfling gewinnen“, erzählt der Obermeister. Eine Obermeisterkette existiert auch, die trägt Hildebrand aber nicht. „Damit sehe ich wie ein Schützenkönig aus“, meint er. Außerdem ist eine Innungsfahne vorhanden, aber nicht mehr in Gebrauch.

Jürgen Kerl dagegen, der Obermeister der Schlachter-Innung, trägt bei der Freisprechung seine mit Abzeichen geschmückte Obermeisterkette von 1912 gerne. Die Junggesellen müssen „in feinem Zwirn“ erscheinen. Darauf achten die Lehrbetriebe. „Das Messer küssen müssen sie allerdings nicht“, scherzt Kerl.

„Ich spreche die Gesellen ‚nach alter Sitte und gutem Handwerksbrauch‘ frei“, sagt die Obermeisterin der Friseur-Innung, Manuela Hörtelt-Dören. Die Innungsfahne schmückt den Raum. Sie überreicht die Zeugnisse, erkundigt sich, ob alle irgendwo in einem Betrieb eine Anschlussbeschäftigung gefunden haben. Anschließend lassen sie es sich beim Buffet schmecken.

Walz, Klatsch und heruntergelassene Hosen

Als die Hüter der Tradition unter den Handwerkern gelten die Zimmerer. „Wir sind ein stolzes Völkchen“, sagt dazu Thilo Diedrich aus Rüdershausen, Obermeister der Zimmerer. Von den meisten würden sie an ihrer Kluft erkannt, der schwarzen Hose, dem weißen Hemd und der schwarzen Weste. Doch eine Zeit lang wollten die Zimmerer nichts von ihrer Kluft wissen. „In den 60er- und 70er- Jahren, als alle auf Beton setzten, trugen wir grüne Knickerbocker“, erinnert sich Diedrich. Blaue Schlosserjacken sind wegen ihrer vielen Taschen beliebt gewesen.

Heute ist neben der Kluft auch der Zimmererklatsch wieder in: Die Handwerker stehen sich dabei paarweise gegenüber, singen und schlagen sich rhythmisch auf die Hände. „Wir werden immer schneller. Wer nicht aufpasst, bekommt eine ins Gesicht“, berichtet Diedrich. Er selbst hat den Zimmererklatsch erst in Kassel auf der Meisterschule gelernt. Freitagnachmittags ging es in der letzten Stunde vorm Wochenende immer um Brauchtum. Die Gesellen in Südniedersachsen lernen den Klatsch heute in der Berufsschule in Northeim bei Lehrer Ingo Herrmann.

„Auf Walz gehen auch heute einige Zimmerer, aber es sind wenige“, erzählt der Obermeister. Drei Jahre und einen Tag dürfen sie sich ihrem Heimatort nicht nähern. Nirgends dürfen sie länger als sechs bis acht Wochen bleiben. „Mehr Fachkenntnisse als jemand, der in seinem Betrieb weiterarbeitet, erwerben sie nicht“, meint Diedrich. Auf Walz übernehmen Gesellen oft auch andere Arbeiten, um sich durchzuschlagen. Was die Lebenserfahrung und Menschenkenntnis angeht, sind sie aber Gleichaltrigen „um Längen voraus“, so der Obermeister.

Mit den Zimmerern zusammen machen in Göttingen die Dachdecker ihre Freisprechungen. „Ich habe in den vergangenen Jahren darauf hingewirkt, dass auch wir alle in Kluft erscheinen“, sagt Frank Grewe, der Obermeister der Dachdecker-Innung Südniedersachsen. Auch den Zimmererklatsch will Grewe übernehmen. „Bei uns ist die Tradition nicht so stark, da wir nie einer Zunft angehörten“, so der Handwerker. Auf diese Freiheit spielen Redensarten an, etwa: „Das kannst du halten wie ein Dachdecker.“ Grewe weiß von alten Dachdeckerliedern, die bei der Arbeit gesungen wurden. Damit ist aber nach Aufkommen des Radios Schluss gewesen.

„Schwarze Kluft tragen auch die Tischler“, berichtet Michael Reese, Obermeister der Tischler-Innung Südniedersachsen, und sie gehen auch auf die Walz. Die acht Knöpfe an der Weste stehen für die acht Arbeitsstunden, die sechs Knöpfe der Jacke für die sechs Arbeitstage der Woche.

„Bei uns in der Innung muss der junge Maurergeselle im Betrieb die Hose runter lassen“, berichtet Christian Frölich, Kreishandswerksmeister und Inhaber eines Baugeschäfts. Die Unterhose darf er anbehalten. Dann kommt die Schaufel auf den Hintern und mit dem Hammer gibt es darauf drei Schläge. Frölich berichtet auch von einer Innungsfahne, die aber so alt und kostbar ist, dass keiner sie mehr einfach so aus dem Futteral ziehen mag. Die Freisprechungen sind nüchtern geworden. Im wahrsten Sinne des Wortes: Es wird dabei kaum noch Alkohol getrunken.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016