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Freispruch im Transplantations-Prozess Göttingen beantragt

"Kein Plädoyer, sondern ein Tribunal" Freispruch im Transplantations-Prozess Göttingen beantragt

Das war zu erwarten: Mit massiver Kritik reagiert die Verteidigung im Transplantations-Prozess auf Plädoyer und Strafantrag der Staatsanwaltschaft gegen den angeklagten Leberchirurgen Aiman O. Nichts als einen Freispruch verlangen die Anwälte und der Angeklagte selbst. Überraschend ist die Vehemenz, mit der am Mittwoch Staatsanwältin Hildegard Wolff angegangen wurde: "Kein Plädoyer, sondern ein Tribunal" will Verteidiger Steffen Stern gehört haben.

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Mit massiver Kritik reagiert die Verteidigung im Transplantations-Prozess in Göttingen auf Plädoyer und Strafantrag der Staatsanwaltschaft gegen den angeklagten Leberchirurgen Aiman O. Nichts als einen Freispruch verlangen die Anwälte und der Angeklagte selbst.

Quelle: dpa

Göttingen. So zog sich durch die Schlussvorträge aller drei Verteidiger der Vorwurf, die Anklagevertreterin habe die Ergebnisse der Beweisaufnahme ignoriert, habe entlastenden Ergebnisse verschwiegen, anatomische Verhältnisse nicht begriffen und die grundsätzliche Frage, ob das Strafrecht überhaupt greifen könne, unbeachtet gelassen.

Verteidiger Ulf Haumann sagte, Wulff sei "am ersten Prozesstag ins Koma gefallen und hat die Anklage am 62. wieder runtergebrettert". Kollege Jürgen Hoppe fühlte sich von einem "Plädoyer auf dem Stand von vorgestern verschaukelt". Und Hauptverteidiger Steffen Stern will durch eine "Fülle von Halbwahrheiten" ein "Zerrbild der Beweisaufnahme" gehört haben, das sich an einem "von der BÄK-Kommission aufgebauten Popanz" orientiert habe.

Angeklagt sind gegen den 47 Jahre alten Medizinprofessor drei Fälle der Lebertransplantation ohne Indikation (rechtlich Körperverletzung mit Todesfolge) sowie elf Fälle der Manipulation von Patientendaten, um für diese schneller an ein Spenderorgan zu kommen (versuchter Totschlag).

Während sich die Anklagevertreterin in ihrem mehr als sechsstündigen Plädoyer intensiv mit jedem einzelnen Fall der Manipulationen (falsche Angaben zu Dialysen oder Alkoholabstinenz gegenüber Eurotransplant) auseinandergesetzt hatte, war von der Verteidigung zu den Einzelfällen gar nichts zu hören. Stern hält die "Braunschweiger Linie", nämlich die Vorgabe des Oberlandesgerichts (OLG), Manipulationen der Angaben gegenüber Eurotransplant als versuchten Totschlag anzusehen, generell für Unrecht.

Das ergebe sich schon daraus, dass erst im neuesten Transplantationsgesetz erstmals diese Falschangaben mit Strafen belegt sind, und zwar mit maximal zwei Jahren Haft, "und nicht ohne jedes Augenmaß mit acht". Die Braunschweiger Linie denke ihr Konstrukt auch nicht zu Ende. Denn nicht nur wer manipuliert, sondern jeder Arzt, der einen Patienten listet, schmälert die Chancen aller anderen Wartelistenpatienten.

Stern sieht eine "fatale Rolle" der Bundesärztekammer (BÄK) in dem Verfahren, insbesondere, weil sie an der "mit nichts zu begründenden sechsmonatigen Alkoholabstinenz" festhalte. Sie verwehre damit Alkoholkranken das Grundrecht auf Leben. Stern: "Eigentlich müsste man strafrechtlich geegen die BÄK vorgehen, weil sie Menschen sterben lässt." Und man müsste auch gegen Ärzte vorgehen, die sich an die BÄK-Richtlinien halten und alkoholkranke Leberpatienten "zum Sterben nach Hause schicken".

Verteidiger Hoppe ging schließlich noch auf die drei Indikationsfälle ein und widerlegte Punkt für Punkt die Darstellung der Staatsanwaltschaft, die unterstellt hatte, O. hätte diese Patienten nicht transplantieren dürfen. Die Beweisaufnahme habe genau das Gegenteil ergeben.

Hoppe äußerte sich auch zu dem Vorwurf, Angeklagter und Verteidiger hätten während des Plädoyes unangemessen gegrinst: "Wenn es vollends absurd wird, muss man auch mal ein Gefühl zeigen dürfen". Mit "absurd" ist die Argumentation der Staatsanwältin gemeint. Die grinste an einigen Stellen der Verteidiger-Plädoyers ebenfalls.

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