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„Am Ende kommen die Patienten zu kurz“

Freiwillig in die Zeitarbeit? „Am Ende kommen die Patienten zu kurz“

Dass zunehmend Pflegekräfte freiwillig aus Festanstellungen in die Leiharbeit wechseln, kann Julia Niekamp, bei Verdi Südniedersachsen für den Bereich Gesundheit und Soziales zuständig, bestätigen. In den Krankenhäusern der Region ist dies allerdings noch weitgehend unbekannt.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen/Duderstadt. Vor etwa zwei Jahren sei das Phänomen in Gesprächen mit Betriebsräten von Kliniken der Region erstmals aufgetaucht, und im vergangenen Jahr habe sich das Problem verstärkt. „Die Pflegekräfte möchten sich, ebenso wie Ärzte, dem Stress an Krankenhäusern nicht weiter aussetzten“, erklärte Niekamp. Der Wechsel in die Leiharbeit bedeute für sie regelmäßige Arbeitszeiten und eine verlässliche Planung für private Termine. Die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte in Krankenhäusern sei hoch, und oftmals würden sie auch in ihrer Freizeit angerufen, ob sie nicht die Schicht eines Kollegen übernehmen könnten. „Das Nein-Sagen fällt dann oftmals besonders schwer, weil es um Menschen geht, die es zu betreuen gilt“, erläutert Niekamp. Private Kliniken seien davon allerdings stärker betroffen als öffentliche.

Am Duderstädter St. Martini-Krankenhaus  sei die Entwicklung bislang vorbei gegangen, teilt Pressesprecher Florian Grewe mit. Hier arbeiteten derzeit keine Pflegekräfte mit einer befristeten Anstellung. An der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) gibt es nach Auskunft von Pressesprecher Stefan Weller derzeit etwa 2000 Pflegekräfte, von denen sechs Leiharbeiter sind. Doch habe die Pflegedienstleitung keinen Hinweis darauf, dass Pflegekräfte sich für einen freiwilligen Wechsel in die Leiharbeit entschieden haben, so Weller.

Ein ähnliches Bild ergibt sich für die Krankenhäuser Neu-Mariahilf, Lenglern und Weende. „Derzeit werden an unseren drei Standorten keine Leiharbeitskräfte eingesetzt“, erklärt Stefan Rampfel, Pressesprecher des Evangelischen Krankenhauses Göttingen-Weende. Das Weender Krankenhaus biete dem Pflegepersonal sofort unbefristete Verträge und attraktive Arbeitszeitmodelle, erläutert Rampfel. Auch im Duderstädter St. Martini-Krankenhaus arbeiteten derzeit keine Pflegekräfte mit einer befristeten Anstellung, teilt Pressesprecher Florian Grewe mit.

Bei den Alten-und Pflegeheimen in Göttingen wird der Trend ebenfalls nicht bestätigt. Sowohl der Luisenhof als auch die Pro-Seniore-Residenz am Friedländer Weg arbeiten nach eigenen Aussagen nur in Ausnahmefällen mit Zeitarbeitsfirmen zusammen. Hierzu zählten vermehrte Krankheitsfälle und Urlaubszeiten. „Wir haben bislang noch genügend Bewerbungen, so dass wir nicht auf Kräfte von Zeitarbeitsfirmen zurückgreifen müssen“, berichtet Carmen Flückinger, Residenzleiterin von Pro Seniore. Zwar sei auch bei ihnen die Arbeitsbeslastung hoch, doch zugleich sei die Bindung zu den Bewohnern stärker, als dies im Krankenhaus zu Patienten der Fall sei. Sie sei froh, dass ihr Pflegedienst bisher noch nicht auf Leiharbeiter habe zurückgreifen müssen, sagt auch Annette Willkomm von der Diakoniestation Göttingen. Etwa 60 Mitarbeiter hat das Unternehmen, allesamt in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis.

Thomas Bara vom Göttinger Pflegedienst Ascleoncare Südniedersachsen hält ebenfalls wenig vom Leiharbeitsmodell. „Mir gefällt diese Ausbeuterstruktur nicht“, sagt der Geschäftsführer. „Ich setze lieber auf langjährige Mitarbeiter.“ Fast 90 Menschen arbeiten für Ascleoncare. Gerade einmal einen Arbeitnehmer in Leiharbeit habe er in den vergangenen sechs Jahren beschäftigt, so Bara. Dass Zeitarbeit für Pflegekräfte attraktiv sein könne, versteht er nicht: „Das sind keine schönen Bedingungen. Andauernd wechselt man den Arbeitgeber.“ Am Ende kommen die Patienten zu kurz, befürchtet der Unternehmensleiter.

Dass die Entwicklung hin zur freiwilligen Zeitarbeit jedoch auch in Göttingen nach und nach ankommt, bestätigt Stephan Semmelroth von der Zeitarbeitsagentur Randstadt in Göttingen. „Die Ansätze sind bereits da, Göttingen hinkt allerdings noch hinterher“, erklärt Semmelroth. Pro Woche melde sich im Schnitt ein potenzieller Arbeitnehmer bei dem Personaldienstleister mit dem expliziten Wunsch, in der Zeitarbeit tätig zu sein. Das sei etwa ein Drittel aller Pflegekräfte, die das Unternehmen in Göttingen vermittelt. Als Gründe für diesen Wunsch nennt Semmelroth ein oftmals besseres Gehalt, bessere Arbeitsbedingungen, eine freiere Dienstplangestaltung und die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In anderen Regionen sei dieser Trend allerdings bereits viel stärker ausgeprägt, sagt Semmelroth.

Von Vera Wölk und Maximilian Zech

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