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Fremdenfeindliche Gewaltattacken

Zwei Männer vor Göttinger Gericht Fremdenfeindliche Gewaltattacken

Neun Monate nach einer fremdenfeindlichen Gewaltattacke in Göttingen müssen sich jetzt zwei 27 und 38 Jahre alte Männer vor dem Amtsgericht verantworten. Die Angeklagten sollen im Februar einen 30-jährigen Studenten aus Kamerun in einem Bus beleidigt und mit Fäusten und Tritten attackiert haben.

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Quelle: dpa

Göttingen. Obwohl sich andere Fahrgäste in dem Bus befanden, kam zunächst niemand dem Opfer zu Hilfe. Als der Bus an der nächsten Haltestelle hielt, wurde ein Passant auf die Schläger aufmerksam. Der 54-Jährige stieg ein, griff sich einen der beiden Angreifer und hielt ihn so lange fest, bis Polizisten kamen und die Angeklagten in ihre Streifenwagen beförderten. Später wurden beide in eine psychiatrische Fachklinik gebracht.

Für den 30-jährigen Studenten war es ein traumatisches Erlebnis. Nachdem er den ganzen Tag an der Uni gewesen sei, habe er abends in der Stadt einiges eingekauft und sei dann in den Bus gestiegen, um nach Hause zu fahren, berichtete er vor Gericht. Dort wollte er zusammen mit Freunden seinen Geburtstag feiern.

Die beiden Angeklagten waren ebenfalls eingestiegen und hatten sich zunächst vorne hinter den Fahrer gesetzt. Kurz darauf habe einer von ihnen gesagt: „Da sitzt ja so`n Schokocrossie“, berichtete der als Zeuge geladene Busfahrer. Der 27-Jährige sei aufgesprungen, habe sich weiter hinten neben den dunkelhäutigen Fahrgast gesetzt und diesen angepöbelt. Im Rückspiegel habe er dann auch Faustschläge gesehen. Er habe sofort über Funk die Leitstelle angerufen, die dann die Polizei verständigte. Aufgrund der engen Straßen habe er nicht gleich anhalten können, sondern den Bus bis zur nächsten Haltestelle manövrieren müssen.

In der Zwischenzeit soll der 27-Jährige den Studenten mit rassistischen Schimpfwörtern wie „Dreckschwein“ und „Scheiß Neger“ beleidigt haben und auf ihn eingeprügelt haben. Als der Student sich in Sicherheit bringen wollte, soll der 38-Jährige ihm mit der Faust gegen die Schläfe geschlagen und in die Genitalien getreten haben. Dieser erlitt durch die Attacken so erhebliche Verletzungen, dass er sich in ärztliche Behandlung begeben musste.

Seine Geburtstagsgäste hätten ihn dann nachts im Krankenhaus besucht, sagte er. Schlimmer als die körperlichen Verletzungen seien die psychischen Folgen. „Ich leide immer unter einer Art Angst“, sagte der 30-Jährige, der seit zwei Jahren in Göttingen einen Masterstudiengang in Germanistik absolviert. Er gehe nicht mehr auf Parties und habe Probleme, in einen Bus einzusteigen. Weil er sich zunächst nicht mehr habe konzentrieren können, habe er sein Studium um ein Semester verlängern müssen.

Das Gericht hatte am ersten Prozesstag auch den 54-jährigen Passanten als Zeugen geladen. Der Agraringenieur war für sein beherztes Eingreifen mit dem Zivilcouragepreis der Göttinger Bürgerstiftung und des Präventionsrates ausgezeichnet worden. „Es ist lobenswert, dass Sie nicht weggeschaut haben“, sagte Staatsanwalt Andreas Buick. Auch der Vertreter des Nebenklägers, Rechtsanwalt Sven Adam, bedankte sich: „So etwas ist leider nicht selbstverständlich.“ Der 54-Jährige machte nicht viel Aufhebens um seinen Einsatz: „Ich sah, dass zwei Leute auf jemand losgehen, da bin ich rein und habe den einen festgehalten“, sagte er. Der Prozess wird im Dezember fortgesetzt .

Von Heidi Niemann

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