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"Freundeskreis"-Demo und Gegenkundgebung in Göttingen 500 zu 5

Genau 30 Minuten hat die Kundgebung gedauert. Sie bestand aus dem stummen Stehen von fünf Mitgliedern des „Freundeskreises Thüringen/Niedersachsen“. Dann verschwanden sie im Bahnhof.

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Mehr als 500 Demonstranten stellten sich gegen fünf „Freundeskreis“-Anhänger am Göttinger Bahnhof.

Quelle: Swen Pförtner

Göttingen. An der Gegenkundgebung des „Bündnisses gegen Rechts“ auf dem Bahnhofsvorplatz nahmen hingegen etwa 520 Menschen teil. Als Jens Wilke, Sprecher des „Freundeskreises“ und NPD-Landratskandidat, und drei Begleiter – ein vierter folgte später – rechterhand vor dem Haupteingang des Bahnhofs in den für sie abgesperrten Kundgebungsbereich traten, wurde ihnen ein lautstarkes „Haut ab!“ entgegenskandiert. Pünktlich zum angemeldeten Kundgebungsbeginn um 19.30 Uhr entfaltete der „Freundeskreis“ ein Transparent mit dem Schriftzug „GÖhört uns so oder so“ und hielt es dem „Bündnis gegen Rechts“ entgegen. Noch während der Demo drehte Wilke ein Video und stellte es online.

Es habe seitens des „Freundeskreises“ viele spontane Absagen gegeben, nachdem die Stadtverwaltung Vorgaben für die Nutzung von Lautsprechern gemacht habe. Allerdings sei parallel zur Kundgebung ein Lautsprecherwagen in der Stadt unterwegs, um Wahlwerbung zu machen. Einen Versuch, seinen Kundgebungsteilnehmern tatsächlich etwas kund zu tun, machte Wilke indes nicht. 30 ereignislose Minuten später wurde das Transparent unter riesigem Jubel und Applaus des Bündnisses zusammengefaltet, und Wilke beendete die Kundgebung. Der traurige „Freundeskreis“-Haufen sei nur da, um zu provozieren, sagte Lothar Hanisch, DGB-Regionsvorsitzender. „Wir wollen laut und deutlich zeigen, dass der ‚Freundeskreis’ hier nicht erwünscht ist.“ Gleichzeitig mahnte er die Teilnehmer auf dem Bahnhofsvorplatz, friedlich zu protestieren. Der „Freundeskreis“ schüre Angst, Hass und Gewalt, sagte Hanisch. Lösungen böten „Freundeskreis“ und NPD nicht. Ihnen gehe es nicht um die Weiterentwicklung der Gesellschaft, sie wollten einen „Umbau“ der Demokratie, wie er derzeit etwa in Ungarn zu beobachten sei. „Das wollen wir nicht.“ Neo-Nazis hätten nichts in Göttingen verloren, betonte Gerd Nier von den Göttinger Linken. Bereits am Freitagmorgen hatte die Polizei auf dem Bahnhofsvorplatz sogenannte Hamburger Gitter aufgebaut, um die beiden Kundgebungen zu trennen. Rainer Nolte, Gesamteinsatzleiter der Polizei, bewertet den Tag als „aus polizeilicher Sicht erfolgreich“. Die Gegendemonstranten hätten sich an die Absprachen gehalten, es sei friedlich geblieben. Die Polizei sei mit geändertem Einsatzkonzept aufgetreten, so Nolte. „Wir haben auf Transparenz gesetzt, viel kommuniziert und erklärt.“ Nach der Kundgebung nahm die Polizei noch Personalien von fünf Demo-Teilnehmern auf, die im Verdacht standen, bei vorherigen Demonstrationen Straftaten begangen zu haben. Festnahmen habe es keine gegeben, so Nolte. Auch an anderen Orten in der Stadt gab es Aktionen gegen den „Freundeskreis“. In der St.-Albani-Kirche wurde als Reaktion auf den rechten Aufmarsch eine Bittandacht für Frieden und Nächstenliebe gefeiert. Man wolle dem „Freundeskreis“ ein positives Zeichen entgegenstellen, wie es der „Engel der Kulturen“ darstelle, der als Zeichen der drei Weltreligionen in den Boden vor dem Bahnhof eingelassen ist, sagte Superindentent Friedrich Selter.

Von Michael Brakemeier, Sven Grünewald, Jörn Barke und Benjamin Köster

KOMMENTAR

Von Uwe Graells, Chefredakteur des Göttinger Tageblatts

Der vermeintliche Freundeskreis hat sich längst enttarnt. Er ist nichts anderes als der braune Sumpf, der sich mit der NPD-Kandidatur für die Kommunalwahl im September selbst demaskiert hat. Danke dafür. Als der Spuk der Versammlungen im vergangenen Herbst losging, gab es tatsächlich einige Bürger, die sich anfangs still einreihten, getrieben von Ängsten vor Überfremdung und Überforderung der Gesellschaft. Jetzt sind es nur noch die immer selben 30 „Freunde“, die Woche für Woche einen Versammlungstourismus durch die Region starten.

Bierchen beim Start in Thüringen, Fahnen schwenken und grölen in Göttingen, Bierchen in Adelebsen – so sieht ein perfektes Wochenende für den „Freundeskreis“ aus. Man könnte sie ignorieren, wenn da nicht diese widerliche Gesinnung wäre, dieser Fremdenhass, dieses Nazi-Gehabe, dieses ekelhafte Provozieren der bürgerlichen Gesellschaft. Dass dies alles nur möglich ist, weil es in unserer Demokratie Meinungsfreiheit und ein Versammlungsrecht gibt, ist für viele nur schwer zu ertragen. Aber wir müssen es, wir müssen ertragen, dass solche Treffen genehmigt werden. Wir müssen ertragen, dass die Polizei solche „Freunde“ auch noch schützt – mit unglaublichem Aufwand und hohen Kosten.

Und gerade deshalb ist der Protest gegen den braunen Mob so wichtig. Flagge zeigen, debattieren, singen, klatschen, rufen – ein friedlicher Schulterschluss über Parteigrenzen hinweg ist das richtige und einzige Gegenmittel. Keinen Zentimeter Platz für Nazis.

Aber hier beginnt auch das Dilemma. Was unterscheidet einen Steinewerfer und Prügler, der seine Taten unter dem Deckmantel der Antifaschisten ausübt, von Übergriffen, die von Neonazis begangen werden? Juristisch erst einmal gar nichts. Das Strafgesetzbuch kennt keine guten oder bösen Steinewerfer. Ein gewalttätiger Übergriff bleibt eine Straftat.

Die Organisatoren der Gegenveranstaltungen kennen das Problem. Wo ist die Schnittstelle zwischen den friedlichen und gewaltbereiten Demonstranten? Wer sagt ihnen, wie dumm und inakzeptabel ihr Verhalten ist? Sie schaden dem eigentlichen Anliegen, dem Protest gegen Rechts. Die meisten Schlagzeilen der vergangenen Wochen in Sachen „Freundeskreis“ haben nicht die Demonstrationen erzeugt, sondern die gewalttätigen Übergriffe. Prügel in der Innenstadt, eine brennende Gartenlaube auf dem Gelände eines Verbindungshauses, verprügelte Burschenschaftler, brennende Autos von Rechtsradikalen, Äxte in den Haustüren – diese Nachrichten bleiben hängen. Vor allem auch am rechten Rand der bürgerlichen Gesellschaft. Und sie sind Nährboden für Wählerstimmen, wohl nicht für die NPD, aber sehr wohl für die AfD. Ist es das wert?

Im Sommerloch ploppte der weltbekannte Islamwissenschaftler Bassam Tibi aus Göttingen auf, der der Unistadt bescheinigte, angesichts marodierender Flüchtlingsbanden „eine Stadt voller Kriminalität zu sein“. Was für ein Blödsinn. Göttingen steht derzeit wegen der rechten und linken Gewalt landesweit im Fokus. Ein Armutszeugnis für unsere Stadt.

Vielleicht hilft den Protestlern mal ein Blick über den Tellerrand: Im beschaulichen Bad Nenndorf gab es jahrelang im August einen Aufmarsch von Neonazis vor dem Wincklerbad, einem Verhörzentrum der britischen Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 1000 Glatzköpfe marschierten durch den Kurort. Bis der bürgerliche Widerstadt auf die Idee kam, dem wirren Marsch mit Partymusik und Feiern zu begegnen. Die Bad Nenndorfer fanden sogar eine Hymne. „Das Lied der Schlümpfe“ von Vader Abraham. Vermutlich haben auch einige aus dem hiesigen „Freundeskreis“ den Gesang der Nenndorfer vernommen. Für diesen Monat haben die Neonazis ihren Trauermarsch zum Wincklerbad abgesagt und die Veranstaltungen für die nächsten Jahre abgemeldet.

Müsst ihr eigentlich immer über den Freundeskreis berichten? Diese Frage bekommen wir in den vergangenen Wochen sehr oft gestellt. Ja. Wir müssen. Die NPD fischt auf perfide Art und Weise mit Videos und Halbwahrheiten, mit Lügen und Unterstellungen im sozialen Netzwerk. Sie ist auf Beutezug bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Aufgabe einer Tageszeitung ist gerade aus diesem Grund eindeutig: Position beziehen und aufzeigen, welchen menschenverachtenden Inhalt der „Freundeskreis“ unter das Volk bringen will. Gerade das Göttinger Tageblatt steht dabei in der Verantwortung. Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit unsere Lehren gezogen.

Den Autor erreichen Sie unter u.graells@goettinger-tageblatt.de.

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