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Fünf Jahre Ausbildung in Hann. Münden als Polizistin für nichts

Wie eine Prüfung ohne Vorbereitungszeit Sarah L. um ihren Traumberuf brachte Fünf Jahre Ausbildung in Hann. Münden als Polizistin für nichts

Es war ihr Traumberuf: Polizistin. Nicht als Kripo-Kommissarin Verbrecher jagen, sondern draußen auf der Straße. Ein halbes Jahr Praxis im Streifenwagen hatte die Kommissar-Anwärterin Sarah L. schon. Es hat ihr Spaß gemacht; die Kollegen waren zufrieden. Doch die letzte Prüfung ihrer Ausbildung hat den Traum platzen lassen - drei Tage vor dem Ziel musste sie die Polizeiakademie Hann. Münden verlassen.

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Wie eine Prüfung ohne Vorbereitungszeit Sarah L. um ihren Traumberuf brachte

Quelle: EF

Hann. Münden/Angerstein. Die heute 23-jährige Sarah L. wollte unbedingt Polizistin werden. Deshalb hat sie ihr Fachabitur (zwei Jahre) gemacht.

Sie hat die Aufnahmeprüfung geschafft, sich durch ein schwieriges erstes Studienjahr gekämpft und sollte im September 2014 nach drei Jahren Studium Polizeikommisarin sein. Seit das Land Niedersachsen nur noch Kommissare ausbildet, die in der Polizeiakademie in Nienburg und Hann. Münden einen dreijährigen Bachelorstudiengang absolvieren, regelt eine Prüfungs- und Studiensatzung die Ausbildung zum Polizeivollzugsdienst.

In Modulen wird der Stoff erarbeitet und geprüft. 24 Prüfungen sind zu absolvieren. Wer eine der Prüfungen nicht besteht, der darf sie wiederholen. Zudem gibt es drei Joker: Einmal im Jahr kann auch eine verhauene Wiederholungsprüfung noch einmal geschrieben werden. Das war bei Sarah L. ausgerechnet bei der letzten, der 24. Prüfung nötig. Ihre Bachelor-Arbeit war schon geschrieben und bestanden.

Keine Fristen für Prüfungs-Wiederholungen

Das Ende der Studienzeit nahte. Deshalb brannte sie darauf, wie die Wiederholung ausgefallen ist. Doch telefonisch gab es keine Auskunft. Erst sechs Tage vor Studienende erfuhr sie: nicht bestanden. Dann der Schock: Wiederholung (mit Joker) am nächsten Morgen, 8 Uhr. Grund für die Wiederholung ohne Vorbereitungszeit: Die Dozenten brauchen Zeit für die Auswertung, ins sechs Tagen endet das Studienjahr.   

Es folgte Unterricht bis 15.30 Uhr, Heimfahrt nach Angerstein, wenige Stunden lernen, eine Nacht unruhig schlafen aus Prüfungsangst. Dann die letzte Prüfung zum dritten Mal. Sarah. L. hat es nicht geschafft. Drei Tage später musste sie ihre Uniform abgeben. Ihr Studium war beendet. Weitere drei Tage später wurden ihre Mitstudenten Kommissare. Sarah hingegen musste zum Arbeitsamt. Sie jobbt heute im Einzelhandel als Aushilfe.

Die 23-Jährige hat versucht zu intervenieren, hat die Gewerkschaft der Polizei eingeschaltet, die „nur einen Einzelfall“ sieht. Sarahs Mutter hat den Innenminister angeschrieben, der mitteilen ließ, es sei alles ordnungsgemäß gelaufen.
Tatsächlich nennt die Prüfungssatzung keine Fristen für Prüfungs-Wiederholungen.

Die Konferenz der Akademie, so Inka Gieseler-Wehe von der Pressestelle, habe 2012 beschlossen, Nachprüfungen „in einem engeren zeitlichen und sachlichen Zusammenhang zur ursprünglichen Prüfung stattfinden“ zu lassen. Der Direktor habe ergänzt, Wiederholungsklausuren seien „schnellstmöglichst nachzuholen, spätestens zwei Wochen nach Bekanntgabe der Klausurergebnisse“. Bei Sarah L. waren es 16 Stunden.

„Jeder Straftäter hätte Bewährung bekommen“

Juristisch ist der Fall problematisch. Vergleicht man andere Studienordnungen, etwa die der Uni Göttingen für Humanmedizin (Grundsätze zur Wiederholung von Erfolgskontrollen), heißt es dort: „Der Zeitpunkt der Wiederholungserfolgskontrolle (…) ist (…) mindestens zwei Wochen vor der Prüfung (…) bekanntzugeben.“ 

In der Approbationsordnung für Zahnärzte heißt es sogar: „Eine nichtbestandene Prüfung darf erst nach Ablauf einer Frist von zwei bis vier Monaten wiederholt werden.“ Sarah L. hatte nicht einmal einen Tag. Und das Verwaltungsgericht Freiburg urteilte in einem vergleichbaren Fall, eine ausreichende Vorbereitungszeit vor einer Wiederholungsprüfung „soll den Kandidaten gewissermaßen vor sich selbst schützen, nämlich davor, sich in eine überflüssige, weil mangels ausreichender Vorbereitungszeit von vornherein aussichtslose Wiederholungsprüfung zu begeben.“

Denn es sei „wegen einer eindeutig zu kurzen Vorbereitungszeit (nur wenige Tage) völlig unrealistisch, nämlich praktisch von vornherein unmöglich, die Wiederholungsprüfung auch nur mit der Chance eines Erfolges (…) zu absolvieren“.

Klagen will Sarah L. allerdings nicht. Sie hat sich acht Monate nach dem Schock abgefunden. Aber sie hätte sich gewünscht, dass die letzte Chance auf ihren Traumberuf auch eine gewesen wäre. „Jeder Straftäter hätte Bewährung bekommen“, sagt sie.

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