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GPS statt Landkarte: 30 Jahre Christoph 44

Längere Flüge, weniger Respekt GPS statt Landkarte: 30 Jahre Christoph 44

Mehr als 37 400 Mal war er bereits über Göttingen in der Luft: Am Sonnabend, 21. August, feiert der Göttinger Rettungshubschrauber Christoph 44 seinen 30. Geburtstag.

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1984: Die Bo 105 hebt nach einem Unfall-Einsatz ab.

Quelle: EF

Die Jet-Ranger-Maschine aus den Anfangstagen ist schon lange im Ruhestand. Statt mit einer Landkarte wird heute mit GPS navigiert, die Ausstattung des modernen Eurocopters ist die einer kleinen fliegenden Intensivstation. Nicht nur die Technik, auch die Arbeit der Besatzung hat sich in den vergangenen 30 Jahren massiv verändert.

Zwei, die schon seit Jahren als fliegende Retter unterwegs sind, sind Markus Roessler, Oberarzt am Zentrum Anäesthesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin des Klinikums (Zari) und Karl Gröling, Rettungsassistent der Deutschen Rettungsflugwacht (DRF).
„Früher haben wir einfach unsere Arbeit gemacht“, sagen die beiden. Heute gebe es Qualitätsmanagement, Audits, Ruhezeitenvorschriften und vieles mehr. Mehr Standarts aber dadurch auch mehr Sicherheit. „Die Anforderungen aber auch die Qualität sind exorbitant gestiegen“, sagt Gröling.

Etwas was sich ebenfalls verändert hat, ist das Verletzungsmuster von Unfallpatienten. In den vergangenen 30 Jahren sind Autos immer sicherer geworden. Dank Airbag, Anschnallpflicht und co. sehen Unfall-Patienten heute häufig weniger blutig aus. „Innerlich sind sie aber wie durch den Mixer gedreht“, sagt Roessler. Für die Notfallmediziner tückisch, Verletzungen können schneller übersehen werden.

Auch den fliegenden Rettern fällt bei ihrer Arbeit auf: Die Menschen werden immer älter. Häufig geht es heute zu Notfällen ins Altersheim oder zu sterbenden Krebspatienten. Arbeit, die auch den Profis nicht leicht fällt. Dass die Hilfe nicht immer Erfolg hat, oder eine Reanimierung manchmal keinen Sinn mehr macht, „das muss man aushalten können“, sagt Roessler. Ausstattung des Hubschraubers und Knowhow der Crew ermöglichen es, dass „wir heute medizintechnisch fast jeden fliegen können“, so der Mediziner.

Der Hubschrauber bringt den Notarzt in kürzester Zeit zum Patienten, etwa ein Drittel der Fälle sind Verletzungen, ein Drittel sind internistische Erkrankungen wie Herzinfarkte, ein Drittel neurologische wie Schlaganfälle. Immer häufiger werden heute Patienten statt mit dem Rettungswagen auch mit dem Hubschrauber in die Klinik gebracht. Früher wurde ein Herzinfarktpatient ins nächste Kreiskrankenhaus kutschiert, heute dürfen nur 90 Minuten vergehen, bis er per Herzkatheder in einer Spezialklinik behandelt wird. „Wir haben heute eine viel geringere Morbiditätsrate“, sagt Roessler – Patienten haben weniger schwere Spätfolgen. Medizin und Technik haben sich seit 1980 rasant entwickelt.

Die Flüge des Christoph-44-Teams gehen heute seit einigen Jahren über längere Distanz, Stadteinsätze werden seltener geflogen als noch in den 1990ern. „Die Zahl unserer Flüge ist in den letzten Jahren konstant geblieben, aber wir haben 25 Prozent mehr Strecke“, sagt Gröling. Und: „Wenn es nicht unbedingt sein muss, fliegen wir nicht mehr in bestimmte Stadtteile“, so die beiden Profis. Grund: Mangelnder Respekt der Schaulustigen. „Kürzlich ist ein Autofahrer mit seinem Wagen unter dem Rotor durchgefahren“, erinnert sich Roessler. Auch Kinder seinen dreist genug, unter dem Rotor durchzurennen und die Maschine zu belagern. Wenn die Helfer zum Patienten rennen, muss der Pilot den Hubschrauber bewachen. Die Maschine einfach abzustellen, das sei heute in der Stadt „völlig undenkbar“.

Ein bisschen wehmütig werden die beiden schon, als sie sich an alte Einsätze erinnern. Dank GPS ist navigieren leichter. Vielleicht fehlt aber manchmal der Hauch Abenteuer, der Improvisation so mit sich bringt: wenn im Schneesturm die Orientierung abhanden kam und der Pilot auf Tiefflug ging bis ein Straßenschild in Sicht – und damit die Orientierung zurück kam. Die Flieger nennen das „Fahrkarte holen“. Die brauchen sie heute nicht mehr.

Am Sonnabend, 21. August, findet von 10 bis 17 Uhr ein Tag der offenen Tür am Hubschrauber-Standort an der Nordseite des Göttinger Universitätsklinikums statt. Es gibt Kinderprogramm, Vorführungen, Flugsimulator, Informationen und vieles mehr.

  Steckbrief
  Betreiber: DRF Luftrettung
Hubschraubertyp: EC 135
Personal: drei DRF-Piloten, sieben Rettungsassistenten (Berufsfeuerwehr Göttingen, DRF und Zentrum Anaesthesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin des Uniklinikums Göttingen, Zari) Notärzte des Zari.
Erste Maschine: „Jet Ranger“. Der Rettungshubschrauber wurde zu Beginn noch in Kassel-Calden betankt und war in einem provisorischen Zelthangar untergebracht. Im ersten Jahr flog der Hubschrauber 208 Einsätze. Der Funkrufname lautete damals noch „Florian Göttingen 1066“.
Zweite Maschine: 1984 wurde der Hubschrauber-Typ BO 105 in Dienst gestellt.
Bau des heutigen Luftrettungszentrums am Klinikum: 1985.
Dritte Maschine: Im Juli 2007 wurde an der Station ein Eurocopter – EC 135 – in Dienst gestellt.
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