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Galeriehaus: Nächster Schritt für Kunstquartier in Göttingen

Kuqua: Geschichte einer Vision Galeriehaus: Nächster Schritt für Kunstquartier in Göttingen

Im April 2008 stellen Verleger Gerhard Steidl und der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Meyer (SPD) erstmals das Göttinger Kunstquartier, das Kuqua, vor. Politiker aller Ratsparteien begrüßen die Pläne. Steidl, Verleger hochkarätiger Künstler wie Karl Lagerfeld, Robert Lebeck oder Günter Grass, verfügt über exzellente Kontakte in die internationale Kunstszene.

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Kuqua Göttingen: Zwischen Nikolaistraße, Düsterer Straße, Nikolaikirchhof und Turmstraße entsteht das Kunstquartier mit Galeriehaus. Zum Vergrößern klicken.

Quelle: Grafik: Wels / Foto: Meder

Göttingen. Wenn die Künstler in seinem Göttinger Verlag ein und aus gehen, könnte man ihre Werke ja auch gleich dort ausstellen, so die Idee hinter dem Kuqua.

„Ich will die besten Arbeiten der zeitgenössischen Kunst nach Göttingen holen,“ sagt der Verleger schon damals. Steidl beginnt noch 2008 mit dem Bau des Grass-Archivs an der Düsteren Straße. In einem der ältesten Häuser Göttingens soll unter anderem eine begehbare Bücherskulptur in der Mitte des Gebäudes entstehen.

Alle jemals von Grass verfassten Bücher in sämtlichen Ausgaben und Übersetzungen sollen dort zu sehen sein. Die Bauarbeiten ziehen sich in die Länge, noch immer ist es nicht ganz fertig. Auch in der Nikolaistraße legt Steidl vor: Die Häuser Nummer 22 und Nummer 21 werden teils saniert, ein Künstler-Atelier zieht dort ein, der Verlag arbeitet ebenfalls dort.

„Nationale Projekte des Städtebaus“

Darüber hinaus geplant: im Innenhof Platz für Skulpturenausstellungen und ein Café und weitere Ausstellungsflächen in den Gebäuden der Nikolaistraße. Ankergebäude des Kuqua aber soll ein neues dreigeschossiges Ausstellungsgebäude auf dem Grundstück Düstere Straße 7 werden. Den Neubau und den Betrieb des Galeriehauses, so lautet das Konzept von Anfang an, soll die Stadt Göttingen möglichst mit Unterstützung von Sponsoren übernehmen.

Bis in das Jahr 2014 hinein ruhen die Planungen – mangels Geld. Dann bewirbt sich die Stadt für das  Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ beim Bundesbauministerium. Göttingen bekommt den Zuschlag: 4,5 Millionen Euro (beantragt waren 9,3 Millionen) unter anderem für den Bau des Galeriehauses und die Sicherung des Nebengebäudes.

Dort sollen auf rund 350 Quadratmetern Grundfläche Räume für Ausstellungen entstehen. 500 000 Euro muss die Kommune aufbringen. Der Rat der Stadt Göttingen hat dem Konzept in der vergangenen Woche mehrheitlich zugestimmt.

Darüber, wie der Betrieb künftig finanziert werden soll, wird in den Haushaltsberatungen diskutiert. Rund 180 000 Euro jährlich müssen aufgebracht und damit an anderer Stelle wie dem Stadtarchiv und dem Städtischen Museum gekürzt werden.

Die Strahlkraft des Projektes wird schon jetzt deutlich: Das Eckhaus Düstere Straße/Turmstraße ist vor kurzem an eine Privatperson verkauft worden. Der Eingang in die City soll dort architektonisch aufgewertet werden.

 „So bald wie möglich“

„Hochwertige zeitgenössische Kunst mit einem Fokus auf zeitgenössische Fotografie“: Das ist es, was sich Verleger Gerhard Steidl in dem neuen Galeriegebäude des Kunstquartiers an der Düsteren Straße vorstellt. Denkbar sei es aber auch, beispielsweise Exponate aus den Göttinger Universitäts-Sammlungen in den Räumen  zu zeigen. „Bisher fand das keinen Platz in der Stadt“, sagter Steidl gestern.

Mehr als 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche sollen im Haus Nummer 7 entstehen. Um sich Inspiration zu holen, wie das Ausstellungsgebäude einmal aussehen kann, organisiert Steidl zurzeit eine Reise nach Berlin und Paris. Unter anderem Rats- und Verwaltungsmitglieder aus Göttingen sollen sich dort in vergleichbaren Ausstellungsräumen umschauen und Ideen sammeln, wie die Göttinger Galerie einmal aussehen kann.

Anschließend soll dann ein Architekt mit dem Entwurf des Galeriehauses beauftragt werden. „Die Reise ist für Anfang Januar geplant“, so Steidl.

Die Entscheidung des Rates der Stadt vom vergangenen Freitag bewertet er als „klug und weitreichend“. Mit der Realisierung des Ausstellungshauses werde Göttingen in die erste Liga der Städte versetzt, die ein internationales Kunstpublikum anziehen. Die Entscheidung des Rates für den Bau fiel mehrheitlich gegen die Stimmen von CDU und FDP.

Pro: SPD und Grüne sagen Ja Contra: CDU und FDP sagen Nein

„Das wird ein Magnet sein“, sagt Frank-Peter Arndt von der SPD im Göttinger Stadtrat. Andere Kommunen hätten  Verleger Gerhard Steidl mit seinem „grandiosen Einsatz“ zum Ehrenbürger gemacht. Das Kuqua wird seiner Meinung nach ein Projekt mit internationaler Bedeutung. Bei den Betriebskosten sei auch das Land gefordert, sich zu beteiligen, der Landkreis „liebäugele“ auch mit einer finanziellen Beteiligung.

Horst Roth (Grüne) wertet den Bau des Galeriehauses zum einen als städtebauliche Chance, eine Lücke an der Düsteren Straße zu schließen. Zum anderen sieht er darin eine „Initialzündung für Folgeprojekte“.  Man müsse in den folgenden Diskussionen um den Haushalt der Stadt die Auswirkungen des Kuqua auf die Kulturlandschaft genau prüfen.

Für die Linken stimmt auch  Patrick Humke dem Galerie-Neubau zu. „Kunst für und aus Göttingen, davon kann die ganze Kulturszene der Stadt und die Stadt selbst profitieren.“ Allerdings müsse man die Folgekosten genau abwägen, zu welchem Preis das geschehe. Eine Kürzung bei der lokalen Soziokultur dürfe nicht die Folge sein. Auch die Ratsmitglieder der Piraten stimmen dem Antrag für das Galeriehaus zu.

Die „was-passiert-dann-Frage“ ist es, die die CDU-Fraktion im Rat der Stadt Göttingen umtreibt. Sie lehnt den Neubau des Galeriehauses im Kunstquartier ab. Das Haus an der Düsteren Straße 7 soll das Herzstück des Quartiers werden, die Stadt bekommt dafür Bundes-Fördermittel in Höhe von 4,5 Millionen Euro.

Verleger Steidl stellt das Grundstück, die Stadt baut. CDU-Ratsmitglied Wilhelm Gerhardy beziffert die jährlichen Folgekosten für den Betrieb des Kuqua mit 360 000 Euro. „Davon muss die Stadt die Hälfte aufbringen, die andere Hälfte besteht aus Wunsch und Hoffnung.“ An anderer Stelle streite man sich im Haushalt um 5000 Euro. Gerhardy: „Das Kuqua ist zu hoch gehängt.“

Viele Kommunen hätten mit solchen Projekten bereits Schiffbrauch erlitten. Deshalb sagt die CDU: „Nein zu diesem Abenteuer.“

Felicitas Oldenburg (FDP) gibt zu bedenken, dass man bei den anderen Kultureinrichtungen der Stadt bei der Finanzierung bereits im Wort stehe. Die Kuqua-Pläne nennt sie „interessant, aber zu unklar“.

Besondere Bauchschmerzen bereiten ihr die Folgekosten im laufenden Betrieb, die zu den durch das Entschuldungshilfeprogramm gedeckelten freiwilligen Leistungen im Haushalt zählen.

Kosten

Um die laufenden Kosten des Kuqua zu finanzieren, hat die Stadtverwaltung Sparmöglichkeiten ab 2018 im städtischen Haushalt vorgeschlagen: Jährlich 25 000 aus dem Etat des Stadtarchivs (von 597 300 Euro Gesamtetat). 105 000 Euro aus dem Etat des Städtischen Museums (gesamt 980 000).

Und 50 000 Euro vom Etat für Ausstellungen im Alten Rathaus (Gesamtkosten für Personal). Im Haushalt 2016/17 sollen 80 000 Euro aus dem Museumsetat bereit gestellt werden. Darüber wird in den kommenden Haushaltsberatungen diskutiert.

► Kommentar: Ein wenig Mut tut gut

Seit sechs Jahren liegen die Pläne für das Kuqua auf dem Tisch. Verleger Gerhard Steidl ist in Vorleistung gegangen: Das Grundstück für das Galeriehaus stellt er zur Verfügung, das benachbarte Grassarchiv ist im Bau, Gebäude an der Nikolaistraße sind verfügbar. Jetzt ist die Stadt am Zug.

In Zeiten klammer Kassen und strenger Haushaltssicherungskonzepte ist ein Galerien-Neubau natürlich schwer zu finanzieren. Nun gibt es 4,5 Millionen Euro Förderzuschuss vom Bund – was für eine Chance. Und wieder hagelt es Bedenken. Nein, das Kuqua ist kein mittelmäßiges Projekt, und ja, es ist eine Vision, die internationale Strahlkraft entwickeln kann.

So etwas kann nur realisiert werden, wenn die Verantwortlichen auch einmal Mut zeigen. No risk, no fun heißt es, und ohne jedes Rest-Risiko ist solch ein Projekt nicht zu haben. Noch ist nicht klar, wie genau der Betrieb künftig finanziert wird. Die Mehrheit im Rat der Stadt hat gegen die Stimmen von CDU und FDP dennoch für den Bau der Galerie gestimmt.

Gut so. Etwas, das nämlich in keiner Rechnung auftaucht, sind das einzigartige Wissen und die internationalen Kontakte  des Verlegers. Er hat Zugang zu den renommiertesten Künstlern weltweit. Und das ist unbezahlbar.

Britta Bielefeld

Britta Bielefeld

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