Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Gedenken an Reichspogromnacht in Göttingen

Feierstunde am Mahnmal Gedenken an Reichspogromnacht in Göttingen

Einige Hundert Menschen haben sich am Donnerstagabend zur Gedenkstunde am Mahnmal der zerstörten Synagoge an der Kreuzung Obere und Untere Maschstraße eingefunden. Die Veranstaltung war unter dem Titel „Tosendes Schweigen“ verfolgten Wissenschaftlern im Nationalsozialismus gewidmet.

Voriger Artikel
Göttinger Aktionsbündel für mehr bezahlbare Wohnungen
Nächster Artikel
VW Touran in Nikolausberg gestohlen

In diesem Jahr steht die Gedenkfeier unter dem Titel „Tosendes Schweigen. Die Verfolgung Göttinger Wissenschaftler im Nationalsozialismus“.

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen. „Am Ort der zerstörten Synagoge“ sei man zusammengekommen, erklärte Bettina Kratz-Ritter von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Dass Mahnmal an diesem Ort hatte die Stadt Göttingen 1973 errichten lassen.

Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) erinnerte daran, dass mit den November-Pogromen die Menschen jüdischen Glaubens nicht mehr nur drangsaliert worden seien, sondern ihr Leben bedroht war, „als das Land seine Scham verlor“. Die Gleichschaltung an den Universitäten sei da schon längst im Gange gewesen. Vor allem Mitglieder kirchlicher Gemeinden, Oppositionelle und Menschen jüdischen Glaubens seien in Gefahr gewesen. Wissenschaftler wie der Physiker Max Born seien davongejagt worden, sagte Köhler. Die Kollegen und Bürger der Stadt hätten dabei mitgemacht. Das sei „ein Kapitel, das wir nicht tilgen wollen und können“, so Köhler. Göttingen sei eine Stadt der Vielfalt, in der Rassismus keinen Platz habe. Dies müsse betont werden in einer Zeit, in der Menschen mit zweifelhafter Gesinnung in die Parlamente und Gremien einzögen.

d643a7da-c582-11e7-b1f6-dddb838e1856

Gedenken an die Reichspogromnacht in Göttingen

Zur Bildergalerie

Geschichtsstudenten der Georg-August-Universität bei Prof. Dirk Schumann erinnerten an sechs Forscher – stellvertretend für 95 Wissenschaftler der Georgia Augusta, die ihre Professuren oder gar ihr Leben verloren. So zitierten sie die Sekretärin des Experimentalphysikers James Franck, der 1925 den Nobelpreis erhalten hatte. Sieben Professoren der Göttinger Universität waren im Jahr 1933 gerade entlassen worden, man wartete auf eine Welle der Solidarität. Doch nichts geschah. Franck trat zurück und emigrierte. 41 Professoren reagierten mit Anfeindungen.

Ebenfalls ins Ausland musste Emmy Noether gehen. Weil sie als herausragende Mathematikerin galt, erhielt sie eine Reihe von Empfehlungen für die Anmeldung ihrer Habilitation – die erst im zweiten Versuch gelang. Sie habilitierte sich als erste Frau in Göttingen, eine jüdische Professorin, die der Sozialdemokratie nahestand.

Der Psychologe Heinrich Düker war seit 1926 Mitglied im Internationalen sozialistischen Kampfbund und engagierte sich gegen die Nationalsozialisten. Er wurde 1936 verhaftet und drei Jahre inhaftiert. Nach seiner Entlassung erhielt er eine Stelle in Berlin, wurde aber 1944 in Göttingen denunziert. 1945 wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Er überlebte. Nach dem Krieg wurde er rehabilitiert und 1946 zum ersten Oberbürgermeister Göttingens gewählt.

Bernhard Zimmermann, ein Pionier der Sportwissenschaften, musste emigrieren, weil seine Frau jüdischen Glaubens war. Der Psychologe Felix Stern brachte sich um, als die Deportation drohte. Der Forstwissenschaftler Otto Reis starb im KZ Majdanek oder schon auf dem Weg dorthin. Ihn hatten braune Studenten und Wissenschaftler aus der antisemitisch geprägten Forstakademie vertrieben. Mit dem Kaddisch, dem Totengebet, endete die Gedenkstunde sehr berührend.

Von Peter Krüger-Lenz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen
Sicherheitswochen: Struckmeier System Büro