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Gefahr im Anzug

Kolumne Gefahr im Anzug

Schützenfest? Finde ich klasse. Wirklich. Es gibt nur wenige Veranstaltungsformen, bei denen Menschen authentischer Zeit miteinander verbringen, und das nach ganz eigenen Vorstellungen. Und richtig unterhaltsam ist der Schützenfestmontag gemeinsam mit meinen Kollegen Jürgen Gückel und Andreas Fuhrmann. Gückel erklärt mir als Neuling sachkundig alles und jeden, und wenn Fuhrmann zu Klängen „seiner“ Blasmusiker aus Landolfshausen zu schunkeln beginnt, habe ich karnevalistisch gute Laune.

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Quelle: Hinzmann

Im Vorgriff auf das Göttinger Jubiläumsschützenfest im nächsten Jahr ist dem Oberschaffer vor wenigen Tagen übrigens ein ganz besonderer Coup gelungen. Ein Redner-Trio, das seinesgleichen sucht – und nicht finden wird. Herr Oberschaffer: Die Messlatte für 2017 haben Sie selbst himmelhoch gelegt.

Ouvertüre: Rolf-Georg Köhler. Locker, lässig, souverän, und die Selbstkritik am Anfang hat das Publikum sofort auf seine Seite gezogen. Asche aufs Haupt macht nicht nur sympathisch, sondern auch die Haare dunkler.
Schriller Schlusspunkt: Marietta von Uetze. Die Hartz-IV-Version von Marlene Jaschke hat gnadenlos und stimmgewaltig selbst die ollsten und flachsten Kalauer noch einmal durchs Mikro geknödelt, und das so schmerzfrei, dass sich sogar Fips Asmussen noch ein paar Extralocken in die Minipli-Matte geschämt hätte.

Mittelteil: Der eigentliche Höhepunkt des Vormittags. Unter Gesichtspunkten des Kulturmanagements ein Glanzstück ersten Ranges, jemanden zum Vortrag zu verpflichten, der kostenlos auftritt und kompromisslos bereit ist, sich zum Horst zu machen. Vor den Schützenfest-Organisatoren ziehe ich ernsthaft, ironiefrei und metertief meinen Hut.

In seiner bedeutend mehr Mut als Begabung offenbarenden Festrede irrlichterte CDU-Kreisgeschäftsführer Thomas Deppe zusammenhanglos von Thema zu Thema, immer auf der Suche nach einem Schenkelklopfer – tja: Hoffen und Harren hält manchen zum Narren. Am Rednerpult braute sich aus der Mischung von Entschlossenheit, hochgradiger Talentinsuffizienz und dem Achtung-ich-werd-lustig-Gesicht ein sprachliches Unwetter zusammen. Schnell war klar: Der darf über alles reden, aber nicht über zwei Minuten.

Zog sich aber, und die Rede verkam vollends zu rhetorischen Nullphase, als er mit Blick auf Landrat Reuter und die Kreisfusion darauf verwies, dass vor etwa 80 Jahren schon einmal jemand seine Heimat verlassen, andernorts politisch Karriere und dann seine alte Heimat angeschlossen habe. Heil - - -iger Strohsack. Wenn der kleine Hobby-Humorist mal nicht weiterweiß, wird er eben zotig oder holt‘s Hakenkreuz aus der Mottenkiste. Ein paar derbe Jokes aus der Abteilung „untenrum“ wären vielleicht weniger dumm gewesen.

Hätte, wäre – Konjunktiv hat Konjunktur. An diesem Punkt der Deppe-Rede war erkennbar, was „Gefahr im Anzug“ tatsächlich bedeutet. Als Redner jedenfalls taugte der Mann etwa soviel wie Che Guevara als kubanischer Industrieminister. Funktioniert beides nur, wenn man es als Gesamtkunstwerk betrachtet.

Sie meinen, ich hätte etwas gegen den Mann? Ach was. Den will ich 2017 wieder erleben. Ich freue mich jetzt schon aufs Jubiläumsschützenfest. Wir sehen uns im Zelt.
Christoph Oppermann
Sie erreichen mich unter c.oppermann@goettinger-tageblatt.de und auf Twitter unter @tooppermann

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