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Gefangenenzahlen in JVA Rosdorf rückläufig

Jede vierte Zelle leer Gefangenenzahlen in JVA Rosdorf rückläufig

Die Auslastung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rosdorf ist auf etwa 75 Prozent geschrumpft. Ein landesweiter Trend.

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Landesweit rückläufige Gefangenenzahlen: Derzeit sind in der JVA Rosdorf nur 243 von 318 Haftplätzen belegt.

Quelle: Heller

Ein halbes Jahr nach ihrer Eröffnung im Sommer 2007 war die Justizvollzugsanstalt (JVA) Rosdorf voll ausgelastet, von den 318 Haftplätzen so gut wie jeder belegt. Alles andere wäre in der Öffentlichkeit wohl auch schlecht zu verkaufen gewesen – immerhin wurde der 62-Millionen-Euro-Bau als die modernste Anstalt des Landes und obendrein als unverzichtbar angepriesen. Knapp drei Jahre später nun die Ernüchterung: Die Auslastung von annähernd 100 Prozent ist auf rund 75 Prozent geschrumpft, wie Georg Weßling, Pressesprecher des niedersächsischen Justizministeriums, auf Anfrage mitteilte. Derzeit sind also von 318 Haftplätzen (308 Normalvollzug plus zehn in der Sicherheitsstation) nur 243 belegt. Erklären kann das indes niemand, obgleich die abnehmenden Gefangenenzahlen ein landesweiter Trend zu sein scheinen.

Denn in ganz Niedersachsen sind die Häftlingszahlen rückläufig. Laut Vollzugsstatistik (Stand 30. März 2010) sind hier von 6971 Haftplätzen 5856 belegt, was einer Auslastung von rund 84 Prozent entspricht. Zum Vergleich: Im Jahr 1999 seien durchschnittlich 6800 Personen inhaftiert gewesen, im Jahr 2008 etwa 6500, wie Weßling weiter berichtete.

Von einer abnehmenden Gefangenenzahl will Weßling dennoch nicht sprechen. Richtig sei vielmehr, „dass es eine Entwicklung von einer dramatischen Überbelegung Mitte der 90er Jahre zu einer weitgehend ausgeglichenen Belegung heute gegeben hat. Dazu beigetragen hat unter anderem der Bau der neuen Justizvollzugsanstalten wie Oldenburg, Sehnde und Rosdorf und die in der langfristigen Entwicklung zu beobachtende wellenförmige Entwicklung der Gefangenenzahlen, für die es keine wissenschaftliche Erklärung gibt.“

Heißt im Umkehrschluss: Die Häftlingszahlen könnten auch wieder zulegen. Eine sichere Prognose zur Entwicklung der Zahlen gebe es aber nicht, sagte Weßling. Selbst aus der demografischen Entwicklung lasse sich nicht zwingend ableiten, dass die Zahl der Straftaten und damit der Gefangenen massiv sinke. Vielleicht ändere sich nur die Qualität der Straftaten, „zum Beispiel mehr Internetkriminalität durch ältere Täter statt Gewaltdelikte durch junge Leute“. Aber das sei Spekulation. „Jedenfalls ist nicht zu erwarten, dass eine allgemeine Massenehrlichkeit um sich greift“, glaubt Weßling.

Nachteile für den Gefängnisalltag wegen der sinkenden Gefangenenzahlen sieht der Pressesprecher ohnehin nicht. Im Gegenteil: Das verbessere nicht nur „die Möglichkeiten der gebotenen Differenzierung im Vollzug wie etwa die Tätertrennung in der Untersuchungshaft“, sondern helfe auch, „schutzbedürftige Gefangene von gewaltbereiten und Behandlungswillige von den Nichtmitarbeitsbereiten zu trennen, Sicherheitsanforderungen bei der Unterbringung einzelner zu berücksichtigen und Drogenabhängigen mit dem Willen zur Abstinenz Räume ohne Verführungsrisiken zu geben“. Alles in allem seien „die Bedingungen für unser vorrangiges Vollzugsziel, die Resozialisierung, dadurch deutlich besser geworden“.

Alles gut also in Niedersachsens Gefängnissen? Nicht ganz, wie Regina-Christine Weichert-Pleuger, Leiterin der JVA Rosdorf, im Gespräch mit dem Tageblatt erläuterte. Nach der Vollauslastung in den ersten Jahren atme man zwar durch, doch Nachteile gebe es durchaus. Je weniger Gefangene die Anstalt habe, desto schwieriger sei es beispielsweise, bei den Arbeitsangeboten „Maßnahmen so zu besetzen, dass es sich fachlich und wirtschaftlich rentiert“. Auch Berufsbildungsmaßnahmen seien schlechter ausgelastet. „Ein bisschen Spielraum“ sei wichtig, so Weichert-Pleuger, einige Gefangene mehr könne die Vollzugsanstalt aber durchaus vertragen.

Eigentlich müsste sich dieser Wunsch schnell erfüllen lassen. Schließlich fallen laut Weßling durch bereits vollzogene (Gifhorn, Peine, Königslutter, Alfeld und Holzminden) und noch geplante Anstaltsschließungen (Bückeburg, Stade und Achim) sowie durch weitere Umstrukturierungen mehr als 300 Haftplätze weg. Doch für Ersatz ist schon gesorgt: In Bremervörde wird derzeit für mehr als 50 Millionen Euro ein neues Gefängnis gebaut. Justizminister Bernd Busemann (CDU) gab am Mittwoch den Startschuss für die erste teilprivatisierte Anstalt in Niedersachsen. Das Land wird für sie über 25 Jahre verteilt insgesamt 286 Millionen Euro Miete zahlen. Leerstand wird es in Rosdorf und anderen niedersächsischen Gefängnissen also wohl auch künftig geben.

Von Andreas Fuhrmann

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