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Gegen Ackerlandverluste und Überschwemmungsrisiko

Logistik im Kampf gegen das schlechte Image Gegen Ackerlandverluste und Überschwemmungsrisiko

Der Logistikstandort Göttingen mit seiner guten Lage an der Nord-Süd-Achse A 7 und der Ost-West-Achse A 38 kann auf eine überdurchschnittliche Wachstumsdynamik zurückblicken. Der damit verbundene Flächenverlust und Lärmzuwachs ist aber oft ein emotionales Thema.

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Leuchtturmprojekt GVZ – der Logistik-Standort ist voll ausgelastet und inzwischen ohne Ampeln von der A7 aus zu erreichen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. In der Bürgerversammlung im Ortsteil Lutterberg in der Gemeinde Staufenberg ging es beispielsweise lebhaft zu, als über die aktuelle Anfrage von Aldi Nord diskutiert wurde, in Lutterberg ein neues Zentrallager zu bauen – eine Fläche, fast so groß wie der Ortsteil an sich. Auch der Ortsrat in Lenglern sprach sich wiederholt gegen Planungen für ein weiteres Güterverkehrszentrum (GVZ) zwischen Lenglern und Holtensen aus.

Auf der anderen Seite steht ein Wirtschaftsbereich, der in Göttingen eine hervorragende wirtschaftliche Bilanz aufzuweisen hat: Von 2007 bis 2014 wuchs die Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Göttingen um 13 Prozent auf etwas über 66000. Im produzierenden Gewerbe waren es 2014 etwas über 10000 Beschäftige – im Vergleich zu 2007 ein Rückgang um neun Prozent. Dem gegenüber steht der Arbeitsbereich Verkehr und Lagerei. Der wuchs auf aktuell knapp 2300 Beschäftigte – ein Plus von 21 Prozent. „Und das sind keine kritischen Mindestlohnarbeitsplätze, sondern teils hochqualifizierte Berufsspektren mit vielen Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten“, betont Ursula Haufe, Geschäftsführerin der GWG Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen. „Das ist keine Branche, die sich verstecken muss, sondern eine anspruchsvolle Dienstleitung, die das Rückgrat für fast alle produzierenden Unternehmen darstellt.“

An Investitionen allein der öffentlichen Hand für den Bereich Logistik sind bislang 34,7 Mio. Euro geflossen, 6,5 Mio. davon kamen von der Deutschen Bahn für die Kranverladeanlage im GVZ am Güterbahnhof. Als größter einzelner Investor baute das Logistik-Joint Venture von Sartorius und Zufall, die Distribo GmbH, für 15 Mio. Euro am Siekanger ein neues Logistik-Zentrum. Alles Wertschöpfung, die der Region zugutekommt.

„Logistik ist zu Unrecht in der Kritik“, sagt Haufe und meint damit die Beschäftigungseffekte und die zusätzlichen Gewerbesteuereinnahmen, aber sie macht noch eine andere Rechnung auf. Denn wenn Zufall eine 15000 Quadratmeter-Halle baut, dann klingt das erst einmal viel. Nur, wie viel sind diese 1,5 Hektar eigentlich? „Die Fläche der Stadt Göttingen umfasst insgesamt 11696 Hektar. Über 7200 Hektar davon sind Landschaftsschutzgebiet, das sind 61,9 Prozent. Auf Gebäude und Siedlungsflächen entfallen 18,9 Prozent, auf Gewerbeflächen einschließlich der Potenzialflächen insgesamt 683 Hektar. Das sind 5,8 Prozent der Gesamtfläche.“ Der reine Logistikanteil darunter umfasst 41 Hektar. „Das sind 0,35 Prozent der städtischen Gesamtfläche. In meinen Augen eine sehr maßvolle Entwicklung.“ Die 41 Hektar wiederum teilen sich auf in 25 Hektar Siekanger und 16 Hektar GVZ.

Und: Vor allem sind diese logischen Flächen für die Bestandsunternehmen am Standort wichtig gewesen, um hier in Göttingen ihre Wachstum realisieren zu können. Das GVZ war kritisch für Novelis, der Siekanger wiederum für Sartorius. Und die alte Distribo-Halle steht auch nicht leer, sondern beherbergt inzwischen das Ersatzteillager der Kuka Roboter GmbH, für die Zufall die Logistik übernommen hat. „Göttingen ist ein guter Standort und ich bin überzeugt, dass es gelingen wird, noch andere Firmen für die Region zu interessieren“, sagt Jürgen Wolpert, einer der Geschäftsführer bei Zufall. „Die Stadt hat mit ihrer logistikaffinen Initiative die richtigen Signale gesetzt.“ Zufall selbst habe in den vergangenen zehn Jahren seine Flächen in Göttingen und Umland ungefähr verfünffacht.

Es sind vor allem drei Argumente, die immer gegen die flächenbedürftige Logistik ins Feld geführt werden: Lärm- und Verkehrsbelastung, Verlust von Ackerland und Tierlebensraum sowie Flächenversiegelung und damit Überschwemmungsrisiken. Hier lohnt ein genauerer Blick:

  • Lärm: Sowohl Siekanger durch seine Autobahnnähe als auch das GVZ durch seine quasi Direktanbindung an die Autobahn belasten Wohngebiete und die Innenstadt so gut wie gar nicht. Der Vorschlag, frei werdende Gewerbeflächen in der Stadt für Logistik zu nutzen, statt neue Flächen dafür auszuweisen, würde dort gerade für mehr Verkehr sorgen. Zudem sind Logistikflächen nur in Autobahnnähe wirklich attraktiv
  • Ackerland: Wachstum braucht Fläche, eine reine Innenverdichtung der schon versiegelten Fläche reicht dafür nicht aus, wie das Beispiel Göttingen zeigt. Wenn man sich nicht von Wachstumschancen abschneiden will, muss die Fläche irgendwo herkommen. Kommt sie nicht vom Göttinger Ackerland, kommt sie von jemand anderes Ackerland. Das ist kein Argument gegen Rücksichtnahme auf seltene Tierarten, sondern lediglich eine zwingend logische Entscheidung
  • Überschwemmung: Es gibt durch klimatische Veränderungen eine Zunahme an Starkregenereignissen, die das Abwassersystem kurzzeitig überfordern können – dabei spielt es kaum eine Rolle, ob Fläche versiegelt ist oder nicht. Zudem, so die Auskunft der Stadt Göttingen, lassen sich mit Stauraumkanälen und Regenrückhaltebecken solche Spitzen sehr gut abfedern, auch wenn ein Restrisiko immer bleiben wird

Wenn auch jede Erweiterungsfläche einer Diskussion bedarf, so ist doch unbestreitbar, dass der Bereich Logistik in Summe für Göttingen eine deutliche Wertschöpfungszunahme bedeutet hat.

Perspektivisch gibt es zudem nicht mehr viele logistisch nutzbare Flächen: In den nächsten 20 oder 30 Jahren könnten noch etwa 50 Hektar mit kleinerer Parzellierung dazukommen. Selbst damit würde der Anteil an der Gesamtfläche der Stadt unter ein Prozent bleiben – vorausgesetzt, die Stadt an sich würde nicht weiter wachsen.

Von Sven Grünewald

Logistischer Bildungsimpuls

Göttingen. Das Wachstum des Logistikstandorts Göttingen hat in Kombination mit dem Fachkräftemangel auch dazu geführt, dass die Nachfrage nach Weiterqualifizierungsangeboten im Logistikbereich zugenommen hat.

Die Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie und Berufsakademie Göttingen e. V. (VWA) hat darauf reagiert, indem sie bereits 2008 den Studiengang Logistik-Betriebswirt (VWA) aufgebaut hat – ein dreijähriges, berufsbegleitendes Abendstudium. „Wir hatten aus dem Stehgreif einen vollen Jahrgang“, sagt Jens Schmidt, Geschäftsführer der VWA. „Das ist nicht immer der Fall, aber hier war der Beedarf groß.“ Die Studierenden nehmen bis zu einer Stunde Anfahrtszeit für die Weiterbildungsmöglichkeit in Kauf, der Einzugsbereich der VWA geht im Logistikbereich bis Nordhausen, Kassel und Holzminden.

Für Jürgen Wolpert von Zufall ist das ein nicht zu unterschätzender positiver Faktor für den Logistikstandort. „Für uns hat diese Weiterbildungsmöglichkeit eine wirklich große Bedeutung. Und es ist auch wichtig, dass diese Möglichkeit in der Region besteht, gerade in berufsbegleitender Form.“ Nur eine Sache fehlt Wolpert noch: dass es die Weiterqualifizierung auch als Bachelor-Studium in der Berufsakademie gibt.

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