Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Geheimnisvoller Sektempfang

Aus dem Amtsgericht Geheimnisvoller Sektempfang

Wer durch diese Tür hindurchgeht, verspricht sich davon irgendetwas. Der eine Gerechtigkeit, ein anderer Wiedergutmachung, ein weiterer vielleicht Genugtuung. Man könnte auch sagen: Hier, im Justizgebäude an der Godehardstraße, schreibt das Leben Geschichten. Nicht immer sitzt jemand mit im Gerichtssaal, um sie zu notieren. Aber stille Zeugen künden zuweilen davon, dass sie sich hier täglich abspielen.

Voriger Artikel
Kirmes in Geismar: Stimmung so trüb wie das Wetter
Nächster Artikel
„Auf zur wilden 13“

Flasche (fast) leer: Sekt, Becher und Kronkorken (v.l.).

Quelle: LUK

Das Justizgebäude war an diesem Nachmittag im Spätsommer schon so gut wie verwaist. Die Justizbeamten wünschten dem Gerichtsreporter, der gerade die Ausgangstür öffnete, noch einen schönen Tag, als dieser vor dem Eingang auf eine kleine Gruppe Prozessbeteiligte traf: eine nicht vollständig geleerte Flasche Sekt, ein Plastikbecher (mit Anstandspfützchen) und eine Dreierclique Kronkorken. Was war hier los? Der Versuch einer kriminologischen Analyse.

Es muss ein festlicher Anlass gewesen sein, zu dem die Durstlöscher mitgebracht worden waren. Ein Freispruch womöglich. Wäre der unbekannte Protagonist dieser Geschichte eines Verbrechens überführt und folglich verurteilt worden, hätte es wohl Hochprozentigeres gegeben. Niemand bestellt sich nach einem Schuldspruch eine Weißweinschorle oder ein alkoholfreies Alsterwasser.

Es muss zudem eine sehr kleine Festgesellschaft gewesen sein. Drei Bier und eine Pulle Sekt – entweder hat niemand ernsthaft mit einem guten Ausgang des Verfahrens gerechnet, sodass hastig Nachschub von der Tankstelle gegenüber organisiert werden musste. Oder es war ohnehin nur eine kleiner, intimer Sektempfang geplant. Zu denken gibt auch der Umstand, dass die Flasche und Becher nicht ausgetrunken wurden. Ist der Sekt womöglich über ein ausuferndes Plädoyer hinweg schal geworden? Ist der wegen eines Trunkenheitsdeliktes Angeklagte noch einmal mit einem blauen Auge (Vorsicht: Wortspiel!) davongekommen und durfte seinen Wagen doch selbst nach Hause fahren? Vielleicht hat sich derjenige, der an diesem Spätsommernachmittag kurz vor dem Gerichtsreporter durch diese Tür hinausgegangen war, auch einfach mehr von seiner Siegesfeier versprochen und zog es vor, den angebrochenen Tag in der Innenstadt ausklingen zu lassen.

Oder hat uns das Ensemble auf eine falsche Fährte gelockt und waren es vielmehr frisch examinierte Studenten der Rechte, deren Hinterlassenschaften den Reporter ins Grübeln brachten? Ein Empfangskomitee für einen Examenskandidaten wäre denkbar, werden hier doch auch die mündlichen Jura-Prüfungen abgenommen – wobei die oben genannten Überlegungen zum Verfahrensausgang die gleichen bleiben.

Wie auch immer, die schweigsame Truppe verweigert jede Aussage. Das Stillleben vor dem Haupteingang des Gerichtsgebäudes spricht ja auch irgendwie für sich.

Von Lukas Breitenbach

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen
Martin Sonneborn in Göttingen

Martin Sonneborn in Göttingen - Antrag zur Namensänderung von Göttingen