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Geldanleger nur ein „Gaukler“?

Staatsanwaltschaft Göttingen ermittelt erneut gegen Peter S. Geldanleger nur ein „Gaukler“?

Die Darstellung der renommierten Wirtschaftszeitung ist vernichtend: Der Göttinger Vermögensberater Peter S. sei ein Blender und Betrüger, er täusche Anlegern Erfolge vor und sei nur ein „Gaukler“ und Musterbeispiel für einen Vertreter des unseriösen grauen Kapitalmarkts.

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Am 14. März 2014 verurteilte Peter S. das Amtsgericht Göttingen wegen zweier Fälle des Anlagenbetruges zu elf Monaten Gefängnis.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. S. wehrt sich gegen die Vorwürfe, doch die Fakten der Staatsanwaltschaft sprechen gegen ihn.

„Ein Gaukler will an die Börse“, lautet die Überschrift des zweiseitigen Beitrags im Handelsblatt über den Göttinger. Darin wird dem als smart beschriebenen 47-Jährigen unter voller Namensnennung indirekt Erbschleicherei, großspuriges Verhalten, die Fälschung von Presseartikeln über seine Person und vielfache Versuche, sich und seine Firmen mit der erfundenen Nähe zu Prominenten zu schmücken, vorgeworfen. Am schwersten wiegt: Peter S. ist laut Staatsanwaltschaft als gewerbsmäßiger Betrüger vorbestraft. Er hatte als Vorstand der Value Invest AG im Januar 2012 einem Geschäftspartner vorgegaukelt, 100 000 Euro gewinnbringend anzulegen. Im August 2012 warb er noch einmal 70 000 Euro Anlagegeld ein. Tatsächlich, so die Feststellungen des Gerichts, habe er die 170 000 Euro eingesetzt, um sein überzogenes Konto auszugleichen und den Rest privat ausgegeben.

Am 14. März 2014 verurteilte ihn das Amtsgericht Göttingen wegen zweier Fälle des Anlagenbetruges zu elf Monaten Gefängnis. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Bis 2018 steht S. noch unter Aufsicht. Doch er mache einfach weiter, heißt es in dem Artikel.

Dis Staatsanwaltschaft Göttingen bestätigt den Verdacht: Diesmal geht es sogar um 400 000 Euro, die S. mit dem Versprechen, es gewinnbringend anzulegen, eingenommen habe. Im November 2015 gab es eine Durchsuchung seiner Geschäftsräume im unteren Ostviertel. Die Ermittler gehen auch dem Vorwurf nach, S. habe gegen Markenrechte der Kosmetikbranche verstoßen, indem er zur Verfügung gestellte Ware weiterverkauft habe. Die Akten liegen noch bei der Polizei.

S. selbst hält den Artikel des Handelsblattes für „Rufmord“, „Stimmungsmache“, für die Rache eines von ihm als Manager fallengelassenen Künstlers und als überwiegend „frei erfunden“. Insbesondere die ihm unterstellten Flops in der Musikbranche gingen alle gar nicht auf sein Konto. Seine Anwältin behauptet, „die meisten Fakten stimmen nicht“.

Die Fakten aber, die zu überprüfen sind, erweisen sich als richtig. Ein Beispiel: S. behauptet, mit dem Safthersteller Beckers Bester aus Lütgenrode einen Vertrag über ein Werbeprojekt mit den Prominenten Ben und Boris Becker zu haben („Wer ist der beste Becker? Beckers Bester“). Laut Handelsblatt bestätigt das Becker-Management lediglich Vorgespräche. Auch Sebastian Koeppel, Geschäftsführer der Mosterei, betont, „keinerlei vertragliche Verbindungen“ zu S. zu haben. Es habe die Behauptung von S. gegeben, die prominenten Namensvettern seien schon verpflichtet. Den Beweis aber, dass Boris für die Lütgenroder Becker werben werde, sei S. stets schuldig geblieben.

Verwirrung um Bewährungsstrafe

Eine Behauptung, die nicht stimme, sei die Vorstrafe wegen Anlagenbetruges, behauptet S. "Das war außerdem nur Untreue." Er sei bisher davon ausgegangen, das Verfahren sei eingestellt. Bei einer Urteilsverkündung sei er nicht dabei gewesen, ein Urteil habe er nie erhalten, von einer Bewährung wisse er nichts. Den ursprünglichen Strafbefehl, den er angefochten habe, weil niemand Schaden erlitten habe, hätten sein Anwalt und das Gericht "hinter meinem Rücken" verhandelt und ihm mitgeteilt, das Verfahren werde eingestellt. Dass es "in meiner Abwesenheit" eine Bewährungsstrafe geworden sei, will der Verurteilte jüngst erst erfahren haben.

Tatsächlich wirkt verwirrend, was S. vom Gericht erhielt. Die widersprüchlichen Schreiben hat der Verurteilte dem Tageblatt sogar vorlegte: Der Strafbefehl vom 14. März 2014 nennt den Straftatbestand "Betrug" bei der Anlage fremden Kapitals und geht von Gewerbsmäßigkeit aus. Der Einspruch dagegen wurde am 19. März 2015 zurückgenommen. Im Protokoll der Sitzung ist aber die Rede von "Untreue". Dennoch wurden die elf Monate Freiheitsstrafe aus dem Strafbefehl, ausgesetzt bis zum 19. März 2018 zur Bewährung, rechtskräftig. Am 31. März 2015 wurde die Bewährungszeit dann auf zwei Jahre, die Geldauflage auf 5000 Euro reduziert - wieder wegen Untreue statt Betruges. Dieses Schreiben beweist: S. hat sehrwohl stets gewusst, dass er verurteilt ist.      

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Wegen Betrugs verurteilter Geldanleger

Nach dem Tageblatt-Bericht über den betrügerischen Finanzdienstleister Peter S. sind von Lesern zahlreiche Hinweise auf aktuelle und frühere Aktivitäten des 47-Jährigen eingegangen. Das reicht von Zivilklagen bis zu rassistischen Facebook-Kommentaren S.s. Kuriosester Rechtsstreit: S. hat einer Band Musik geklaut.

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