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Gerda Versen feiert ihren 100. Geburtstag

Jahrhundertleben Gerda Versen feiert ihren 100. Geburtstag

„Das Leben ist so schön, aber viel zu kurz“, meint Gerda Versen. Das muss sie gerade sagen. Immerhin wird die Göttingerin heute 100 Jahre alt. Manch einer bekommt allein bei dem Gedanken eine Gänsehaut: 100 Jahre, dreistellig, ein Jahrhundert Leben.

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Hat noch lange nicht genug: Gerda Versen wird heute 100 Jahre alt.

Quelle: Hinzmann

Das bedeutet, dass man sowohl zwei Weltkriege, den Mauerfall und – seit neuestem – gleich zwei große Wirtschaftskrisen erlebt haben könnte. Wie soll man das bloß aushalten?

Gerda Versen kann über derlei Gedanken nur milde lächeln. Die Göttingerin, die am 8. Mai 1909 in der Nähe von Posen zur Welt kam, hat all das gesehen. Doch genug hat sie deswegen noch lange nicht. „Das Leben ist so schön, aber viel zu kurz“, sagt sie und meint das durchaus ernst – auch wenn sie heute ihren 100. Geburtstag feiert. Für sie fühlt es sich anscheinend an, als wäre es erst ihr 30.

Die Jubilarin sitzt in ihrem Zimmer im Göttinger Seniorenzentrum und raucht. Camel ohne Filter. Ihr graues Haar ist ordentlich frisiert, der Kragen ihrer weißen Bluse akkurat gebügelt. Die schicke Tweedjacke sitzt wie eine zweite Haut. „Ich habe mein Leben ganz gut gemeistert“, erklärt sie und bläst den Rauch, den sie nicht inhaliert, genüsslich aus. „Sie sehen ja: Ich bin hier und sehe noch ganz gut aus.“ Ein schelmisches Lächeln umspielt ihre Lippen.

Kindheit auf dem Rittergut

Begonnen hat alles in Schlesien. Vater Heinz Kroker war ein fürstlicher Oberamtmann. Die Familie lebte auf einem Rittergut. Gerda und Schwester Angela fehlte es an nichts. Sie tollten im Heu, fütterten die Tiere und besaßen ein Pferd. „Das war eine schöne Kindheit“, schwärmt die Jubilarin.

Die Idylle zerstob jäh, als ihr Vater unerwartet früh starb. Mutter Elfriede zog mit den Mädchen nach Breslau, wo sie eine Wohnung im dritten Stock eines prächtigen Hauses bezogen. „Wir sind auf dem Dach spazieren gegangen, das war herrlich“, erinnert sich Gerda Versen. Ihre Reifeprüfungen legten die Mädchen dann am Pawelschen Privatlyceum ab.

Weil die damals 20-jährige Gerda sehr gut polnisch sprach, kam sie 1939 nach Freihaus, wo sie im Büro des Bürgermeisters Alois Versen arbeitete. Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten. 1945 flüchtete das kinderlose Paar nach Südniedersachsen. „Ich fand Göttingen ganz hinreißend“, erzählt die Jubilarin. Das Paar hatte schnell einen großen Freundeskreis. Man traf sich zum Essen oder unternahm Ausflüge. Beinahe jeden Tag besuchten die Eheleute zudem das Freibad am Brauweg. Gerda Versen begann ihre Tausend-Meter-Strecke immer mit einem geübten Startsprung. „Aber wehe, jemand sagte Köpper dazu“, mahnt sie mit dem Zeigefinger.

„Plötzlich war er tot“

Im Jahr 1960 starb der 17 Jahre ältere Alois. Am 8. Mai, genau am Geburtstag seiner Frau. „Plötzlich war er tot, mein lieber Alois“, seufzt Gerda Versen und blickt gedankenversunken aus dem Fenster. „Das war mein Schicksal: Jeder um mich herum starb. Langsam wurden es immer weniger“, erinnert sie sich. „Aber was sollte ich machen“, fragt sie nach einer kurzen Pause, als müsste sie sich für das, was nun kam, entschuldigen.

Neue Freunde kamen, genauer gesagt Freundinnen. „Plötzlich waren sie da“, meint Gerda Versen, und ihre Miene hellt sich auf. Wenn sie nicht als Schöffin oder im Büro der Göttinger FDP arbeitete, trafen sich die Frauen in der Stadt, schlenderten über den Markt oder besuchten ein Café. „Wir haben uns unterhalten und großen Blödsinn gemacht. Das war lustig“, sagt die Jubilarin

So ging es weiter im langen Leben von Gerda Versen: Freunde kamen, Freunde gingen. Auch heute noch kann sie sich über zu wenig Kontakt nicht beklagen. Ihre jetzigen „fünf netten Freundinnen“, die ihre Töchter sein könnten, weichen nicht von ihrer Seite. Fast jeden Tag kommt eine von ihnen zu Besuch. So lässt es sich prima aushalten – auch mit 100.

Von Andreas Fuhrmann

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