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Gespielte Aggression provoziert Zivilcourage

Test von Passanten Gespielte Aggression provoziert Zivilcourage

Er wirkt ganz cool – und zittert danach doch am ganzen Leib. Nick N. (Name geändert) unterbricht nicht einmal sein Telefonat. Mit der erhobenen freien Hand geht er dazwischen, als gestern auf dem Markt der angetrunkene, aggressive Axel K. seine eingeschüchterte Freundin anbrüllt, schubst, sie zu schlagen droht. Sofort ist Majiri Saciri (24) zur Stelle, legt dem Wütenden beruhigend die Hand auf, redet kameradschaftlich auf ihn ein. Die Situation ist entschärft.

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Gespielter Zoff: Polizisten Frauke Otto (l.) und Axel Kerschnitzki (M.) streiten, Passanten greifen schlichtend ein.

Quelle: Hinzmann

Das war Zivilcourage – so hatte es sich die Polizei erhofft. Was der 29-jährige Student Nick und der Fußballer Majiri nicht ahnen konnten, als sie beherzt halfen: Der Streit war nicht echt, Polizisten spielten die Szene, um Zivilcourage der Passanten herauszufordern.

Flashmob, so nennt man neudeutsch spontane Aktionen im öffentlichen Raum, um damit auf ein Problem hinzuweisen. Bisher haben eher Autonome die Polizei mit Flashmobs geärgert. Diesmal nutzte die Polizei selbst das Instrument, um Aufmerksamkeit zu erzielen.

Kommentar von Jürgen Gückel

Besser hinschschauen

Am Anfang stand ein ungutes Gefühl: Ich mag es nicht, wenn vor versteckter Kamera Menschen vorgeführt werden, wie sie sich täuschen lassen, wie sie zu überrumpeln sind, wie sie sich vermeintlich falsch verhalten – gar, wie sie feige sind. Und dann so ein Zivilcourage-Test vor laufenden Kameras?

Ja, vor Kameras – und das war gut so. Die Skepsis ist verflogen. Nicht nur, weil sich die Göttinger vorbildlich verhalten haben. Das kann Zufall gewesen sein, dass als erstes die couragierte Kollegin auf die Szene zukam oder dass mutige Streitschlichter mit Erfahrung vom Fußballplatz eingriffen. Auch nicht nur, weil Organisatorin Margret Reinecke von vornherein betonte, dass es nicht darum ginge, denen, die nicht halfen, Vorwürfe zu machen.

Die Aktion war deshalb gut, weil sie vor laufenden Kameras Aufmerksamkeit schafft für ein wichtiges Thema: für Konfliktlösung durch soziales Verhalten, für Deeskalation durch beherztes Eingreifen möglichst vieler. Wenn der schreckliche Tod des Dominik Brunner auf einem Münchner S-Bahnhof doch noch irgendeinen Sinn hatte, dann den, der Gesellschaft Mut zu machen, bei Konflikten besser hinzuschauen und sie gemeinschaftlich im Keim zu ersticken.

Drei Szenen wurden gespielt, dreimal griffen Passanten ein, um Eskalation zu verhindern. Beherzte Mitbürger wie Tageblatt-Kollegin Dorothea Müller. Die 29-Jährige kam gerade mit Kopfhörer im Ohr von der Geschäftsstelle in der Jüdenstraße, als vor ihr die Gruppe offensichtlich angetrunkener Jugendlicher einem alten Mann den Krückstock entriss, ihn bedrängte und zu schlagen drohte. „Ich habe in dem Moment nicht nachgedacht, mich nur gewundert, dass andere nicht eingriffen.Es ist eine Selbstverständlichkeit, zu helfen, wenn jemand bedroht wird“, sagt die Couragierte.

Keine zehn Sekunden eskalierte der Streit zwischen schauspielernden Schülern aus Otto-Hahn- und Theodor-Heuss-Gymnasium und dem „Rentner“ Dietmar Netzker, dann waren schon vier, fünf Passanten dazwischen, drängten die Angreifer ab. „Wie eine Mauer“, sagt „Angreiferin“ Katharina Rosteius. „Wir hatten das eigentlich länger geübt.“

Beim streitenden Paar (Frauke Otto, Axel Kerschnitzki) dauerte es länger. Die Scheu, hier einzugreifen, war größer. Einige guckten unentschlossen zu – um mutige Sprüche zu machen, als die Polizei vorfuhr.

Das bezweckt die Polizei mit der Aktion „Tu was!“

„Tu was“ – das ist das Motto einer Initiative der Polizei für mehr Zivilcourage. Das Jahr 2010 steht ganz unter dem Leitmotiv dieses Bürgerengagements. In einer bundesweiten Aktion sollen die Bürger darüber aufgeklärt werden, warum Zivilcourage so wichtig ist und wie sich der Einzelne im Fall des Falles verhalten sollte.

Die Polizeidirektion Göttingen unterstützt diese Aktion, da Zivilcourage für sie ein Mittel darstellt, eventuellen Opfern schnell zu helfen: „Die Polizei kann nicht immer gleich vor Ort sein, deshalb sind wir auf die Hilfe von mutigen Bürgern angewiesen“, so Thomas Rath, Leitung der Polizeiinspektion Göttingen. Da liege jedoch oft ein Problem, denn die Bürger wissen nicht, ob, wann und wie sie eingreifen sollen. „Oft spielt dabei die Angst um sich selbst eine große Rolle“, weiß Margret Reinecke, Polizeihauptkommissarin und Beauftragte für Jugendsachen. Deshalb wurden von der Polizei Flyer entworfen, die sechs praktische Regeln für mehr Sicherheit im Alltag enthalten, so zum Beispiel, dass Hilfe in Form eines abgesetzten Notrufs organisiert werden soll.

Um die Zivilcourage gezielt zu fördern, damit der Zusammenhalt der Gesellschaft gestärkt und die Straftaten verringert werden, bietet die Polizei am Montag, 15. März, eine Informationsveranstaltung zum Thema an. Dort soll die Aktion „Tu was!“ vorgestellt werden, die zum Ziel hat, die Bereitschaft zu einem positiven Sozialverhalten und zu einem aufmerksamen Zeugenverhalten zu steigern und die Hemmschwelle zum persönlichen Einschreiten zu reduzieren. Im Herbst folgt dann ein Tag der offenen Tür in der Polizeidirektion, bei dem ebenfalls Zivilcourage thematisiert wird. (cw)

Von Jürgen Gückel

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