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Gewerbe ohne Grenzen: Region statt Landkreis Göttingen vermarkten

Interkommunale Zusammenarbeit Gewerbe ohne Grenzen: Region statt Landkreis Göttingen vermarkten

Das Wirtschaftswachstum findet vor allem in den Zentren statt, doch stoßen die Stadtplaner dort zunehmend an Kommunalgrenzen – denn Platz für Gewerbegebiete gibt es etwa in Göttingen kaum noch. Eine vorausschauende Planung, Nachnutzung von Altstandorten und Gespräche über gemeinsame interkommunale Gewerbegebiete sind die neuen Schlüssel, um in Sachen Wirtschaftswachstum flexibel bleiben zu können.

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Quelle: GT

Göttingen. „Gewerbegebiete brauchen wir ständig“, sagt Detlev Barth, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Göttingen. Er hilft Unternehmen bei der Suche nach einem geeigneten Standort. Die Nachfrage sei hoch und auch in der Zukunft sei in der Region nicht mit einem Rückgang zu rechnen. Auch deshalb sei es nicht immer leicht, ein passendes Gebiet zu finden. Die Anforderungen, die Firmen an eine Ansiedlung stellen, sind genauso unterschiedlich wie ihre Geschäftsfelder.

Für das im März 2014 eröffnete Logistikzentrum des Fahrzeugteile-Großhändlers Wessels und Müller in Hedemünden sei beispielsweise die Nähe zu Autobahn 7 ausschlaggebend gewesen. Die war zwar auch in Rosdorf gegeben, aber bei mehreren hundert Anlieferungen am Tag rechne sich jeder Meter, so Barth. Ein möglichst guter Anschluss an überregionale Verkehrswege sei für viele Unternehmen ein absolutes Schlüsselkriterium: „An der magistralen A7 sind Gewerbeflächen heiß begehrt. 15 bis 20 Kilometer von der Autobahn entfernt sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“, sagt Barth, der sich für die Zukunft die Bereitstellung weiterer Flächen wünscht.

Was die Autobahn für logistikintensive Firmen ist, ist das Internet für Technologieunternehmen. Dem Breitbandausbau komme bei der Auswahl daher eine ebenso wichtige Schlüsselstellung zu wie der Anbindung. Nur wenig Relevanz habe dagegen der kommunale Standort. Aus dem Munde eines Wirtschaftsförderers des Landkreises Göttingen mag dieser Ausspruch erst einmal überraschen, aber Barth ist davon überzeugt, dass die interkommunale Zusammenarbeit bei der Erschließung und Vermarktung von Gewerbeflächen unverzichtbar ist.

Ein Beispiel von mehreren erfolgreichen Kooperationen in der Region sei die Area 3 zwischen Bovenden und Nörten-Hardenberg. „Nachdem der erste Ankermieter gefunden war, hat sich das Gebiet sehr schnell gefüllt.“ Heute sind mehr als fünfzig Prozent der Flächen bereits vergeben. Barth hat auch den Telekommunikations- und Netzwerkdienstleister CTDI beraten, dessen Göttinger Standort zu klein geworden war. Derzeit läuft der Neubau in Nörten-Hardenberg. „Ich habe die Area 3 selbst ins Gespräch gebracht. Wir sind eingebunden in Dinge, die bundesweit und global laufen, die interkommunale Zusammenarbeit ist unverzichtbar“, meint Barth, der sich nicht daran stört, dass das namhafte Unternehmen Göttingen verlassen wird. Die wirtschaftliche Strahlkraft entfalte sich nach wie vor auch für Göttingen, auch wenn das Unternehmen jetzt kurz hinter eine Landkreisgrenze gerückt ist.

Für die Zukunft wünscht er sich von der Politik Offenheit, wenn es darum geht, weitere Flächen zur Verfügung zu stellen. „Die Lebensqualität der Region ist untrennbar mit der Schaffung von Arbeitsplätzen verbunden.“

Von Jonas Rohde

 
Flächenreserven in Göttingen

Göttingen verfolgt im gewerblichen Flächenmanagement zwei Strategien: Einerseits werden möglichst vorausschauend der Bedarf geplant und Branchenentwicklungen verfolgt (siehe Karte mit aktuellen und potenziellen Gewerbeflächen).

Andererseits wird auf eine gezielte Wiederbelebung von Altstandorten gesetzt – wie beispielsweise auf dem ehemaligen Glunz-Gelände in Grone, das Stück für Stück neu vermarktet wird. Entwicklungen aus dem Bestand heraus sind jedoch schwer vorhersehbar.

Als Diskussionsgrundlage für die Schaffung neuer Gewerbeflächen wird das „Siedlungsentwicklungskonzept Göttingen 2025“ dienen, das aktuell im Entwurf vorliegt.

Kopfarbeit lässt sich stapeln

Interview mit Ursula Haufe, Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen und Daniel Zwicker-Schwarm, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Urbanistik.

Welche Faktoren sind für den Erfolg der Gewerbeflächenvermarktung entscheidend?

Zwicker-Schwarm: Es gibt unterschiedlichen Nachfragegruppen, und eine Stadt muss genau schauen, wie ihre Flächennachfrage aussieht – vom Logistikbereich, der große, verkehrs- und preisgünstige Standorte braucht, bis hin zu wissensintensiven Unternehmen, die ein attraktives und ansprechendes Umfeld suchen. Dieses breite Spektrum an Nutzern muss eine Gewerbegebietsentwicklung möglichst gut abdecken. Im Ergebnis haben wir eine  Ausdifferenzierung von Standorten.

Haufe: Wir haben gute Beispiele für diese Differenzierung: einen Unternehmenscampus wie bei Sartorius, aber auch Güterverkehrszentren oder die Wiedernutzung von Altstandorten wie im Industriegebiet Grone. Dadurch, dass wir aber auch andererseits relativ knappe Vorräte an Gewerbeflächen haben, existiert eine Nutzungskonkurrenz. 

Können Sie abschätzen, wie sich der Bedarf an neue Flächen entwickeln wird?

Zwicker-Schwarm: Das ist bundesweit eine ganz spannende Frage, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Zum einen haben wir Prozesse des Strukturwandels, dadurch werden Flächen frei, die man nachnutzen kann. Auf der anderen Seite stehen neue Produktions- und Logistikprozesse, die teilweise große Flächen benötigen. Dann wiederum haben wir den Trend zu einem höheren Dienstleistungsanteil, wodurch man wieder Flächen spart – Kopfarbeit lässt sich stapeln. Aber grundsätzlich wird es immer einen Bedarf an neuen Flächen geben.

Haufe: Man muss die Rahmenbedingungen betrachten und vorausschauend planen. So ist es mit Sartorius gewesen, für die große Flächen viele Jahre freigehalten wurden und nun ernten wir die Früchte dieser Vorleistung, dass sich Sartorius hier am Standort optimal erweitern kann. Die Planung dafür reicht aber bis weit in die 90er Jahre zurück. Daher sind wir auch künftig gefordert, genau zu schauen, was die qualitativen Anforderungen sind und welche Trends sich abzeichnen.

Was sind die Aufgaben der nächsten zehn Jahre?

Haufe: Die vielfältigen Nutzungsinteressen und Ansprüche so auszugleichen, dass es nicht zum Stillstand kommt. Auch die Bürgerbeteiligung wird zunehmen, die stark mit Emotionen und Angst vor Veränderungen zusammenhängt. Das kann eventuell Wachstum verhindern, wenn man es nicht schafft, die Menschen mitzunehmen.

Zwicker-Schwarm: Auch das Gewerbegebietsmanagement im Bestand wird wichtiger, sprich die bestehenden Gewerbegebiete fit für die Zukunft zu machen. Das hat unterschiedliche Facetten, von der städtebaulichen Qualität über Probleme im Verkehr bis hin zu sozialen Aspekten wie einer gemeinsamen Betriebstagesstätte. Das geht nur mit Beteiligung der Flächeneigentümer.

Haufe: In den Industriegebieten Grone und Siekhöhe planen wir aktuell, die Unternehmen einzeln, aber auch als Standortgemeinschaft anzusprechen und zu fragen: Wie können wir gemeinsam diese Standorte weiterentwickeln? Wieder ein gutes Beispiel ist Sartorius. Das Unternehmen wird seinen Altstandort an der Weender Straße aufgeben und ist sehr frühzeitig mit der Stadt und nun auch mit den Bürgern ins Gespräch gegangen, um über die Entwicklung des Standortes zu sprechen.

Zwicker-Schwarm: So etwas ist natürlich eine tolle Situation. Und Sie haben in Göttingen noch den Vorteil, dass bei der GWG Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung unter einem Dach sind und Sie auch richtig Geld in die Hand nehmen können. Das haben andere Städte nicht.

 Interview: Sven Grünewald

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