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Gewerkschaften und Tag der Arbeit in Göttingen: Boom in den 50er Jahren

Aufschwung mit Arbeitskampf Gewerkschaften und Tag der Arbeit in Göttingen: Boom in den 50er Jahren

Vor 125 Jahren wurde laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) zum ersten Mal ein Tag der Arbeit am 1. Mai gefeiert. Bis die Forderungen der Gewerkschaften durchgesetzt wurden, zogen noch einige Jahre ins Land. Seit 1919 ist der 1. Mai ein Feiertag. In Göttingen erlebten die Kundgebungen in den 50-er Jahren den größten Zulauf. Auch die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften sind heute längst nicht mehr so hoch wie in den 60-er Jahren.

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1. Mai 1950: Auf dem Göttinger Markplatz treffen sich 10 000 Menschen um gemeinsam den Tag der Arbeit zu feiern.

Quelle: Archiv Bons

Göttingen. 10 000 Menschen auf dem Marktplatz, Fahnen und Plakate: So viele Menschen wie am 1. Mai 1950 waren es nur ganz selten. Damals waren die  Göttinger Gewerkschaften so stark wie nie zuvor. Nur einmal noch, so erinnert sich Joachim Bons, gab es einen ähnlichen Ansturm auf den Maifeiertag. Im Jahr 1958, denn an diesem Tag wird auch gegen die nukleare Aufrüstung demonstriert. „Heute sind es meist  um die 500 Teilnehmer, die den Tag der Arbeit auf dem Göttinger Marktplatz feiern. Vieles, für das Gewerkschafter Jahrzehnte lang gekämpft haben, sei heute ja alltäglich, sagt Bons. Der 66-jährige Mann von der IG Metall ist heute in Rente, in Gemeinschaftsangelegenheiten aber immer noch engagiert.

Eine fünf-Tage-Woche, ein acht-Stunden-Tag, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: alles Verdienste harter Auseinandersetzungen in früheren Zeiten. „Der letzte große Arbeitskampf, das war der um die 35-Stunden-Woche“, sagt Bons. Der Streit  beginnt Ende der 70er Jahre, endet aber erst 1995. Sozialabbau und hohe Arbeitslosenzahlen in den 80er Jahren beflügeln diese Auseinandersetzungen. 

Die Geschichte der Gewerkschaften in Göttingen reicht bis in 19. Jahrhundert zurück. Die erste Gewerkschaft der Stadt wird 1869 gegründet –  die der Buchdrucker.  1891 treten die Mitglieder zehn Wochen in den Streik – viele riskieren und verlieren ihren Job. Mit zunehmender Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts kommen Maurer, Holzarbeiter und Metallarbeiter hinzu, viele weitere, auch etliche Arbeiterkulturvereine, folgen. Dennoch: „Göttingen war eher eine Diaspora“, sagt Bons. „Nur wenige industrielle Großbetriebe, viele kleine Unternehmen, die Gewerkschaften konnten hier keine große Anhängerschaft mobilisieren.“

Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 hatten die Göttinger Gewerkschaften 2400 Mitglieder – die Stadt hatte 33000 Einwohner. Nach dem Krieg, 1918, steigt die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder an. „1918 wurden dann endlich der acht-Stunden-Tag und die fünf-Tage-Woche durchgesetzt“, so Bons.

Damals, so Bons, war der 1. Mai noch ein normaler Arbeitstag. „Wer feiern und auf die Straße gehen wollte, musste streiken und ging ein hohes Risiko ein“, sagt er. Viele Göttinger verlieren dadurch ihren Arbeitsplatz. Fahnen und Plakate sind noch verboten, der Maifeiertag ähnelt eher einem gemeinsamen Ausflug. „Erst 1919 wurde der 1. Mai zum Feiertag.“  Zur Zeit der Weimarer Republik erhalten die Gewerkschaften politischen Rückenwind, viele weitere Arbeiter-Vereine gründen sich zudem. In Göttingen wird 1921 das neue Volksheim gebaut. Das Gebäude, das am Maschmühlenweg steht, wird schnell erweitert. Es bietet Platz für einen Saal, Büros, eine Kneipe. Das Gebäude wird bei einem Bombenangriff im zweiten Weltkrieg zerstört. Heute steht an seinem Platz das Gasometer.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 brechen schwarze Zeiten für die Gewerkschaften an. „Es wurde alles zerschlagen“, sagt Bons. Göttinger Gewerkschafter werden misshandelt, ihre Organisationen verboten. „Natürlich ging es im kleinen und illegal weiter“, sagt Bons. Aber de facto habe die Gewerkschaft zwölf Jahre lang aufgehört zu bestehen.

Der große Aufschwung kommt nach 1945. „Anfang der 50er Jahre war der Markt am 1. Mai rappelvoll“, sagt Bons. 10000 Menschen – diese Zahl wird 1958 noch einmal erreicht. „An diesem Tag gingen viele Professoren und Universitätsmitarbeiter mit uns auf die Straße“, sagt Bons. Das große Thema damals: Aufrüstung und nukleare Waffen.

Die 50er und 60er Jahre sind die Zeit der großen Kampagnen der Gewerkschaften. Der Slogan „Samstags gehört Vati mir“ ist noch heute eine der bekanntesten Gewerkschaftsforderungen aller Zeiten. In den 60er-Jahren wird die Fünf-Tage-Woche in vielen Betrieben Wirklichkeit. Auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wird 1957 durchgesetzt – nach einem 16-wöchigen Streik in Schleswig-Holstein. „Heute finden das viele Arbeitnehmer alles selbstverständlich“, sagt Bons.

Gewerkschaften vor Ort

Göttingen. Die letzten Jahre und Jahrzehnte haben für die Gewerkschaftslandschaft in Deutschland einige Umbrüche und Veränderungen mit sich gebracht. Alte kleine Gewerkschaften sind verschwunden und in neuen Vertretungen aufgegangen, regionale Zuschnitte haben sich geändert. Und dann haben sich mit dem Wandel der Berufswelt, insbesondere der zunehmenden Spezialisierung, auch die inhaltlichen Anforderungen an die Gewerkschaftsarbeit auf ein neues Niveau bewegt.

Das zeigt sich gut am Beispiel der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die ihre Tätigkeit in ganze 13 Fachbereiche untergliedert hat. Gleichzeitig haben viele Gewerkschaften seit Jahren mit einem weiteren großen Problem zu kämpfen, dem Mitgliederschwund. In der Tendenz ging es nur abwärts, wobei einige Gewerkschaften seit wenigen Jahren auch wieder eine Gegenbewegung feststellen, dass nämlich die Zahl der Neumitglieder die der Austritte überwiegt.  In Stadt und Landkreis Göttingen sind vielfältige Gewerkschaften vertreten.

An der Spitze dieser steht der Dachverband DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund). Mit seinen acht Mitgliedsgewerkschaften, die allesamt in der Region vertreten sind, kommt der Kreisverband auf etwa 21500 Mitglieder. Bei den Einzelgewerkschaften sieht es wie folgt aus:

  • IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Entstand 1996 aus dem Zusammenschluss zweier kleinerer Gewerkschaften aus dem Baubereich und dem land- und forstwirtschaftlichen Bereich. Im Bezirksverband, der von Holzminden über Göttingen und Northeim bis Osterode reicht, gehören ihr etwa 4500 Mitglieder an.
  • IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Entstand 1997 aus dem Zusammenschluss dreier Einzelgewerkschaften. In den fünf Landkreisen des Bezirks Alfeld hat die Gewerkschaft etwa 12000 Mitglieder, im Landkreis Göttingen sind es etwa 1500, in Northeim grob 3000.
  • Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat im Kreisverband Göttingen etwas über 1200 Mitglieder.
  • Die IG Metall (IGM) hat im Gesamtbezirk Südniedersachsen-Harz etwa 18000 Mitglieder.
  • Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat im Bezirk Süd-Ost-Niedersachen in den Grenzen des alten Regierungsbezirks Braunschweig ungefähr 6200 Mitglieder.
  • Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat in der Bezirksguppe Göttingen (entspricht der Polizeidirektion Göttingen) circa 1800 Mitglieder und in der Kreisgruppe Göttingen rund 520 Mitglieder.
  • Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) entstand 2010 aus der Fusion zweier Gewerkschaften und zählt im Ortsverband Göttingen, der von Holzminden über Northeim und Göttingen bis Osterode reicht, etwa 1400 Mitglieder.
  • Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft e.V. (ver.di), entstanden 2001, hat im Bereich Göttingen, Osterode und Northeim etwa 18 000 Mitglieder.

Von Sven Grünewald

 
Demo, Musik und Reden am Tag der Arbeit

Göttingen / Northeim / Hann.Münden. In diesem Jahr steht der erste Mai unter dem Motto „Die Arbeit der Zukunft gestalten wir“. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB)  Südniedersachsen-Harz  organisiert  zum 125. Jubiläum des Tages der Arbeit  wieder Veranstaltungen in der Region:

In Göttingen beginnt das Programm bereits am Donnerstag, 30. April,  um 21 Uhr, mit einem Open-Air-Kino auf dem KAZ-Platz. Dort wird der Film „Résiste - Aufstand der Praktikanten“ gezeigt. Am Maifeiertag beginnt um 10.30 Uhr der  Demonstrationszug ab Platz der Synagoge. Um 11.30 schließt sich die Maikundgebung auf dem Rathausmarkt an. Dort  sprechen unter anderem Torsten Witt, stellvertretender DGB-Kreisvorsitzender Göttingen und Mairede Martina Manthey, IG Metall Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Live-Musik spielt das Earl Mobilé Orquestra. Am Sonntag, 3. Mai sprechen Superintendent Friedrich Selter, Pastor Stephan Eimterbäumer und Gewerkschaftssekretärin Agnieszka Zimowska um 10 Uhr im Gottesdienst in der Kirche St.-Johannis-Kirche. Das Thema: „Arbeit der Zukunft“.

In Northeim beginnt am Freitag, 1. Mai, um 10.30 Uhr ein  Platzkonzert des Spielmannszugs im Jäger-Corps auf dem Marktplatz. Der Demonstrationszug zum Mühlenanger und die Kundgebung um 11 Uhr schließen sich an.  Es spricht  Pastor Stephan Eimterbäumer. Vom 30.April bis 4. Mai findet ein Maivolksfest auf dem Mühlenanger statt.

In Hann. Münden beginnt der Demonstrationszug am Tag der Arbeit um  10. 30 Uhr am Schlossplatz, die Rede auf der Kundgebung um 11 Uhr vor dem Rathaus hält Lea Arnold vom DGB. Musik: Drum & Bugle Corps Red-Stars.

bib

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