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Immer mehr Notrufe nach Pilzgenuss

160 Anrufe besorgter Pilzsammler Immer mehr Notrufe nach Pilzgenuss

In den Wäldern Südniedersachsens stehen sie wie gesät: Maronen, Steinpilze, Parasol. Aber eben auch Fliegenpilz, Gifthäubling und Knollenblätterpilz. 2014 ist ein gutes Pilzjahr. Das registriert auch das Giftinformationszentrum Nord (GIZ) in Göttingen.

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Quelle: Pförtner (Symbolfoto)

Göttingen. Die auf Vergiftungen aller Art spezialisierten und auf Notrufe aus allen nördlichen Bundesländern vorbereiteten Toxikologen des GIZ registrieren in diesen Tagen eine zunehmende Zahl an Nachfragen nach Pilzverzehr. Im September waren es 160 Notrufe.

Auch nach diesem Wochenende wird die Zahl der Hilferufe wieder anschwellen. Die Böden sind feucht, das Wetter wieder wärmer, die zweite Ernte beginnt in den Wäldern.

Schon im August und September sprossen die Pilze sprichwörtlich aus dem Boden. In den vergangenen Wochen aber fand man überwiegend nur ältere Exemplare, die schon gammelten oder von Nacktschnecken oder Würmern zernagt waren. Jetzt jedoch ist das Klima wieder ideal; junge Fruchtkörper kommen frisch aus dem Waldboden. 

Zahlreiche Notrufe im GIZ

Am Wochenende schnappen sich deshalb auch viele Anfänger die Körbe und suchen die Wälder nach Essbarem ab. Oft ist es einzig die Smartphone-App, die mithelfen soll, Gift- von Speisepilzen zu unterscheiden. Wenn nach dem Verzehr der Magen grummelt oder ernsthafte Vergiftungserscheinungen auftreten, dann rufen viele selbst den Gift-Notruf an, oder sie gehen zum Arzt – der im Zweifelsfall ebenfalls in Göttingen Rat sucht. Etwa die Hälfte der Anrufe, so Andreas Schaper, der stellvertretende Leiter der GIZ, komme von Betroffenen selbst. Darunter oft auch Anrufe, ohne dass schon konkrete Vergiftungssymptome vorlägen.

Das GIZ hat gerade eine Statistik zur Anzahl der Pilzvergiftungsfälle veröffentlicht. Die zeigt: Nur 2010 sowie im Oktober 2013 gab es mehr Notrufe zu Pilz-Fällen als in diesem Jahr. Und für dieses Jahr wird im Oktober noch einmal mit einem drastischen Anstieg gerechnet. Bemerkenswert dabei: Selbst in beinahe pilzlosen Monaten wie November bis Mai gibt es zahlreiche Notrufe im GIZ. Das beziehe sich meist auf eingemachte oder getrocknete Wildpilze, erklärt Schaper.

Allerdings: Die Anrufe wegen Verdachts der Pilzvergiftung machten höchstens ein bis zwei Prozent aller Telefonate am Giftnotruftelefon (05 51 / 1 92 40) aus.

Tageblatt rät: Pilzgenuss ohne Reue

Welches sind die häufigsten und gefährlichsten Pilzvergiftungen?
Eindeutig die Verwechslung des Wiesenchampignons mit dem Knollenblätterpilz. Einerseits kann selbst erfahrenen Pilzsammlern eine Verwechslung widerfahren, andererseits kann der Knollenblätterpilz Vergiftungen bis hin zum tödlichen Leberversagen auslösen.

Und bei Röhrenpilzen?
Die verderben eine Mahlzeit geschmacklich oder führen zu Magenverstimmungen, bei Satansröhrlingen sogar zu schweren Darmbeschwerden. Tödlich wirken sie aber nicht.

Also nur Röhrenpilze sammeln?
Generell gilt: Nur sammeln, was man genau kennt und identifizieren kann. Also etwa ausschließlich Steinpilze und Maronen oder früher im Jahr (ab Juni) auch Pfifferlinge.

Gibt es Tricks fürs Erkennen?
Nein, denn weder Schneckenfraß noch Maden deuten darauf, ob ein Pilz giftig oder genießbar ist. Hausmittel wie mitgekochte Zwiebeln oder der Silberlöffel, der bei Giftpilzen angeblich anläuft, sind gefährlicher Unsinn.

Was muss man beim Sammeln beachten?
Zum einen: Nur für den Eigenbedarf und nur in geringen Mengen sammeln, möglichst bei trockenem Wetter, sonst schimmelt die Ernte rasch. Von nassen und zerfressenen Exemplaren die Finger lassen. Pilze immer vorsichtig aus dem Boden drehen oder tief abschneiden, andernfalls wird das Myzel, also das unterirdische Pilzgeflecht beschädigt. Transport luftig im Korb. Verbrauch möglichst noch am selben Tag.

Was tun, bei Unwohlsein nach dem Pilzverzehr?
Sofort den Arzt aufsuchen oder den Giftnotruf wählen. Von jeder Pilzmahlzeit sollten Reste aufbewahrt werden, um im Notfall bestimmen zu können, was zur Vergiftung geführt hat. Davon hängt die Therapie ab.

Darf man Pilzgerichte aufwärmen?
Ja, aber sie sollten nach Zubereitung schnell kühlen und möglichst kalt aufbewahrt werden. Aufwärmen mit mindestens 70 Grad.

Gibt es noch andere gefährliche Giftfrüchte in diesen Tagen?
Ja, die Früchte vom Kirschlorbeer, die oft von Kindern ge-nascht werden. Ebenso Eibenfrüchte. An der Eibe sind aber eher die nadelförmigen Blätter als die Früchte gefährlich.

 
Kontakt im Notfall

Das Giftinformationszentrum (GIZ) Nord an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) ist Beratungs- und Erfassungsstelle für Vergiftungen in den norddeutschen Ländern Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Zehn Toxikologen nehmen im Jahr bis zu 36 000 Anfragen von Laien, Ärzten oder Kliniken entgegen. Seit Januar 1996 ist das GIZ täglich rund um die Uhr für Diagnose, Therapie und Dokumentation von Vergiftungen erreichbar.: Telefon 05 51 / 1 92 40.

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