Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Glück im Casino: Vor 65 Jahren Frau gefunden

Eiserne Hochzeit Glück im Casino: Vor 65 Jahren Frau gefunden

Sie sind die beiden Ältesten im Dorf. Und sie sind am längsten verheiratet. Dabei wollte der Pfarrer zur Hochzeit vor 65 Jahren nicht einmal läuten. Noch so eine Ehe mit einem Evangelischen, und die Glocken bleiben stumm, ließ er im erzkatholischen Bernshausen damals verkünden, als ein evangelischer Ostpreuße die Tochter des Wirtes der „Drei Rosen“ heiratete.

Voriger Artikel
Verletzte bei Kollision
Nächster Artikel
Wochenendkolumne

Älteste Sieboldshäuser am längsten verheiratet: Regine und Walter Kaulbarsch sind seit 65 Jahren ein Ehepaar.

Quelle: Theodoro da Silva

Der Brautvater selbst sah das eher praktisch als religiös: „Was ist er denn?“ „Bäcker.“ „Den nimmst man, deinen Bäckermeister.“
So erinnern sich Regine, die Wirtstochter aus dem Eichsfeld, und Walter Kaulbarsch, der Bäcker aus Ostpreußen, an die erste Hochzeit nach dem Krieg in Bernshausen. 90 und 94 Jahre alt sind sie heute. Morgen feiern sie eiserne Hochzeit.

„Meine Verwundungen waren mein Glück“, sagt der damalige Oberfeldwebel heute noch. Zweimal, im August 1944 und April 1945, war er von Granatsplittern getroffen worden. Wunde eins brachte ihm die Ehefrau, Wunde zwei ersparte ihm die Gefangenschaft. Im Lazarett in Bad Harzburg sollte sich der Luftwaffensoldat aus Preußisch Eylau 1944 erholen.

Dann kam der Hauptgewinn im Spielcasino: Regine Knöchelmann, Bankangestellte, die wie er der Wehrbetreuung durch bekannte Künstler im Casino lauschte. Weihnachten 1944 war Verlobung. Doch Kaulbarsch musste wieder einrücken, lag in Bad Wildungen im Lazarett, als der Krieg endete. Dass er nicht raucht, war ein weiteres Glück. 25 Zigaretten verhalfen ihm zu einem Zivilanzug. Damit schlug er sich von den Amerikanern in die britische Besatzungszone durch und fürchtete, Bad Harzburg könnte schon im russischen Sektor liegen.

Dass es mit dem Heiraten dann so schnell ging, bezeichnet Kaulbarsch als „Muss-Ehe“. Er habe ja kein Zuhause gehabt. „Und im katholischen Eichsfeld in ein Haus mit einer ledigen Frau einziehen – das gab es nicht.“

Vier Jahre später kam der erste von drei Söhnen, und Kaulbarsch wurde tatsächlich Bäckermeister. Bis 1955 arbeitete er in Obernfeld, dann übernahmen die Eheleute die Bäckerei in einem Flüchtlingswohnheim in Sieboldshausen, die das Paar ausbaute und 1973 an Sohn und Schwiegertochter abgaben. Die Kombination der Bankangestellten, die den Laden führte, und des fleißigen Handwerkers war perfekt. „Ohne sie wäre alles nichts geworden. Ich habe eine ganz tüchtige Frau“, sagt der Ehejubilar stolz.

Der ganze Göttinger Südkreis bezog Kaulbarschs legendäres Vollkorn-Kastenbrot, an das sich Ältere noch erinnern. Denn ein Bäcker-Auto lieferte damals schon über Land. „Ach, eure Brötchen ...“, seufzen manche Senioren heute noch.

Das Vereinsleben in Sieboldshausen kam ohne Kaulbarschs auch nicht aus: 50 Jahre im Gesangverein, Mitbegründer des Heimatvereins, 31 Jahre Vorsitzender der Kyffhäuser, Sportvereinsmitglied überdies. Ehefrau Regine machte im SV und beim Roten Kreuz mit. Und im Alter wurden beide auch noch reiselustig: Vielfach auf den Kanaren oder auf Kreuzfahrt, genossen sie die Winter, deren heimische Kälte Walter krankheitsbedingt meiden musste. Morgen wird nun im Familienkreis gefeiert. Und die Bernshausener Verwandten feiern mit.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen
Landtagswahl: So feiern die Parteien in Göttingen und der Region