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Das Hogwarts in Göttingen

Geschichte des Fridtjof-Nansen-Hauses Das Hogwarts in Göttingen

Das Fridtjof-Nansen-Haus beheimatete über 40 Jahre das Goethe-Institut – nun zieht das Kulturinstitut aus. Erbauen lassen hatte das Gebäude der Göttinger Tuchmacher Ferdinand Levin, der 1901 mit seiner Familie und Bediensteten das Anwesen bezog. Ein historischer Rundgang durch die pittoreske Villa.

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Das Fridtjof-Nansen-Haus, aus dem Garten der Villa fotografiert.

Quelle: Peter Heller

Göttingen. Verschachtelte Gänge, Türen, die gerade mal 1,50 Meter hoch sind und ins Nichts oder in kleine Kammern führen, eine Wendeltreppe den Turm hinauf und ein riesiger von Löwenstatuen flanierter Kamin in der Eingangshalle – es ist fast wie in den „Harry Potter“-Büchern. Wie ein Ausflug in die Zaubererschule Hogwarts. Studenten sitzen mit ihren Lernzetteln auf holzverzierten Bänken oder haben sich auf dem Boden in der prunkvollen Eingangshalle niedergelassen. Sie warten auf ihre Prüfungen. Statt Zaubertranklehre steht Deutsch auf dem Plan.

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Ein Rundgang durch das Fridtjof-Nansen-Haus, in dem zurzeit noch das Goethe-Institut seinen Sitz hat.

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Noch. Denn das Goethe-Institut, das das malerische, aber auch sanierungsbedürftige Fridtjof-Nansen-Haus in der Merkelstraße seit 1973 mit seinen zahlreichen, internationalen Studenten belebt, wird kommendes Jahr umziehen, in ein moderneres Gebäude an der Güterbahnhofstraße. Was dann mit der Villa im Ostviertel passiert, ist noch ungewiss. Die Stadt Göttingen, die Eigentümer des Hauses ist, bietet das Gebäude zum Kauf an – noch ist aber kein Käufer gefunden. „Für uns ist das Gebäude wirtschaftlich nicht zu halten“, sagt Goethe-Instituts-Leiterin Ulrike Hofmann-Steinmetz, „wir haben unheimliche Kosten“.

Tuchmacher Levin ließ das Haus erbauen

Das liegt wohl daran, dass die beeindruckende Villa nicht der Fantasie und Feder von „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling entspringt – die Wasserrohrbrüche und schlechte Heizungen einfach weglassen kann –, sondern der Idee des Göttinger Tuchmachers Ferdinand Levin, weshalb das riesige Haus auch noch immer unter dem Namen Levin’sche Villa bekannt ist. Der Geschäftsmann hatte die Villa für sich, seine Familie und die Bediensteten von den Berliner Architekten Hans Grisebach und August Dinklage entwerfen lassen und bezog sie im Jahre 1901, wie es heute noch eine Holzgravierung in einer Sitzecke der Eingangshalle verrät. „Aus dem Haus kann man einen Juwel machen“, ist sich Hofmann-Steinmetz sicher – vorausgesetzt man hat die nötigen Mittel, wie sie der Tuchmacher Levin damals hatte.

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Das Fridtjof-Nansen-Haus wurde 1901 für Ferdinand Levin und seine Familie fertiggestellt. Fotografien aus der 116-jährigen Geschichte des Hauses.

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Blickfang der Villa ist der belfriedartige Turm mit seiner spitz zulaufenden Form und den vielen kleinteiligen Verzierungen – fast wie im Märchen. Solange man heutige Wohnstandards außer Acht lässt. „In den acht Zimmern im Turm wohnen heute keine Studenten mehr“, erklärt Hofmann-Steinmetz. Weder Duschen noch Küchen befinden sich dort, auch wenn viele das Wohnen im Turm als romantisch erachteten. Auch zu Klassenzimmern umgestaltete Speisesäle könnten den modernen Standards des Unterrichts nicht gerecht werden – ein Grund für den Umzug.

Sommerfest des Goethe-Instituts

Das Goethe-Institut feiert vor seinem Auszug 2018 aus dem Fridtjof-Nansen-Haus noch ein großes Sommerfest. Das Fest wird am Sonnabend, 26. August, um 17 Uhr mit GSO-Fanfaren eröffnet – stilecht geblasen aus einem Turm des Gebäudes. Nach der Eröffnungsansprache werden die verschiedenen Bühnen abwechselnd bespielt. Den Auftakt macht das GSO-Bläser-Trio um 17.20 Uhr, gefolgt von der JT-Känguru-Band (17.40 Uhr) und den „Stillen Hunden“ (18 Uhr). Gegen 18.30 Uhr beginnt die Tanz-Performance um Tadashi Endo, eine halbe Stunde später ist „Improsant“ an der Reihe. Im weiteren Verlauf des Abends sind art la danse (19.20 Uhr), das Vokalensemble des Goethe-Instituts (19.30 Uhr), das Boat People Projekt (19.40 Uhr), die Theaterwerkstatt mit „Farouks Cousin“ (20 Uhr), die Domino-Clowns (20.10 Uhr), Frau Pauli (20.30 Uhr), die African Culture Group (21 Uhr) und Moa Mentsa Klonkester (21.30 Uhr) an der Reihe. Den Abschluss des Abends bildet dann ab 22 Uhr die Verlosung der Tombola-Preise.

Auch wenn die großen Säle und der Turm optisch mehr hermachen als funktionale, moderne Gebäude. „Das ist eine Form der Repräsentation“, erzählt die Goethe-Institut-Leiterin über den Turm. „Die Levins wollten es allen zeigen.“ Und blickten hoch hinaus: Denn über eine Wendeltreppe erreicht man eine Aussichtsplattform oben auf dem Turm, von dem die internationalen Studenten einen großartigen Blick über die Stadt haben.

Das Haus selbst hat über 110 Räume. Kammern, Küchen und Bäder nicht mitgezählt. Und die Zimmer werden nicht erst seit Einzug des Goethe-Instituts durch Studenten belebt. Im Zeitraum zwischen den 20er- und 30er-Jahren – das genaue Datum ist nicht überliefert – musste die Familie Levin das Haus bedingt durch die Weltwirtschaftskrise verkaufen, es ging in den Besitz der Stadt über. Diese vermietete Räume privat, vor allem an Universitätsangehörige – darunter auch erfolgreiche Professoren wie der Physiker und spätere Nobelpreisträger James Franck. Im zweiten Weltkrieg wurde das Haus dann als Luftwaffenzentrale genutzt.

Einige Jahre nach Kriegsende, 1948, wurde das Haus zur Heimat für den Verein „Internationale Studentenfreunde“ – einer Initiative des norwegischen Pastors Olav Brennhovd, von der noch Schriften im Fridtjof-Nansen-Haus zu finden sind. Ebendieser Pastor gab dem Haus zur Ehrung des norwegischen Zoologen und Friedensnobelpreisträgers Fridtjof Nansen auch den Namen, den es heute noch trägt.

Eine, die sich noch gut an diese Zeit erinnern kann, ist Gabriele Feldmann-Bange. Noch heute wohnt sie quasi gegenüber der Villa, im Feierabendhaus. „Als ich 1955 aus Düsseldorf nach Göttingen gekommen bin, kannte ich niemanden hier und habe dann einen Studenten kennengelernt, der Nanseat war“, erzählt die 81-Jährige. Nanseaten nannten sich zu dieser Zeit die Einwohner des Hauses, bestehend zur Hälfte aus deutschen und zur anderen Hälfte aus internationalen Studenten.

„Wunderbare Bälle und schöne Ausflüge“ bei den Nanseaten

Dieser Student öffnete sich nicht nur einen Weg zu ihrem Herzen – zwei Jahre später heiratete sie ihn –, sondern auch einen Weg in das Fridtjof-Nansen-Haus, das sie „noch in voller Blüte mit den Brennhovds“ erlebt habe, wie Feldmann-Bange erzählt. „Mein gesamter Freundeskreis bestand aus Nanseaten“, erzählt die Frau, die nach ihrer Studentenzeit als Psychologin arbeitete. Sie erinnere sich noch gut an „wunderbare Bälle und schöne Ausflüge“.

So leben und lernen schon seit fast 70 Jahren Studenten in diesem Haus – manche sind noch mitten drin, andere schwelgen in Erinnerungen an die Zeit. „Das Haus lebt auch von der Atmosphäre mit den Studenten“, sagt Hofmann-Steinmetz, die seit etwa einem Jahr das Goethe-Institut leitet. Die gehören zu der Villa dazu wie Wandvertäfelungen und Stuckdecken im Stil der Gründerzeit.

Detailverliebtheit statt Funktionalität

„Funktionalität war hier früher kein Kriterium“, sagt Hofmann-Steinmetz. Das ist nicht schwer zu erkennen: Statt auf übersichtliche, geordnete Strukturen zu setzen, ergießt sich das Haus in zahllosen Details. Das lässt sich auch an der Außenfassade Richtung des großen Gartens erkennen. Die Verzierungen aus rotem Sandstein sind vielfältig: Tiere, vor allem Löwen – wohl das Wahrzeichens der Levins –, Fabelwesen wie Drachen – die es hier im Gegensatz zu Hogwarts wirklich nur in Stein gibt – oder ein keck dreinblickender, pausbäckiger Junge schmücken die Fassade. Auch ein Mädchen am Webstuhl ist an der Terrassenwand abgebildet – gehörte das Haus doch in früheren Zeiten einem Tuchmacher.

Aber nicht nur die Tuchmacherfamilie und Studenten in den 50er- und 60er-Jahren haben ihre Zeichen hinterlassen. Außer spielerischen, baulichen Details lässt sich beispielsweise auf dem Aussichtsbalkon des Turms noch mehr entdecken. Wer den Blick weniger in die Weite schweifen lässt, erkennt auch Spuren der heutigen Studenten – die hier wohl nicht nur gelernt haben. „K + A“ hat jemand in einem großen Herz auf die Mauer geschrieben. Statt „H + G“, wie sich die „Harry Potter“-Figuren Harry und Ginny vielleicht irgendwo versteckt in Hogwarts verewigt haben.

Von Hannah Scheiwe

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