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Göttingen: Als Flussbaden en vogue war

Noch um 1900 war das Baden in fließenden Gewässern in Mode Göttingen: Als Flussbaden en vogue war

Seit 2008 gibt es in Göttingen wieder Leinebadetage, zugleich wird über die Zukunft von Freibädern gestritten.  Wie war es mit dem Baden in der freien Natur in Göttingen eigentlich früher? Darauf wirft Bettina Kratz-Ritter in einem Beitrag im neuen Göttinger Jahrbuch einen Blick.

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Städtische Badeanstalt um 1920.

Quelle: EF

Göttingen. Vor 200 Jahren sei das Baden in der freien Natur dermaßen en vogue gewesen, dass auch Menschen ins Wasser gingen, die gar nicht schwimmen konnten. Das führte allerdings bisweilen zu tödlichen Unfällen. So ertrank 1781 ein Student, ein Enkel des großen Albrecht von Haller, an der Walkemühle. Und Alexander von Humboldt berichtet, er sei 1789/90 als Student in Göttingen bei einem Bad in der Leine beinahe ertrunken.

Vorfälle wie diese veranlassten die Universität, eine Universitäts-Badeanstalt einzurichten, nachdem öffentliche Warnungen keine Wirkung gezeigt hatten. Schließlich war wildes Baden ein studentisches Abenteuer, ähnlich wie nächtliches Lärmen oder schnelles Reiten in der Stadt. Bei der Einrichtung öffentlicher Badestellen ging es laut Kratz-Ritter aber nicht nur um Sicherheit, sondern auch um Sittlichkeit, „denn das Flussbaden geschah leicht- bis unbekleidet und mitunter badeten auch Frauen und Männer gemeinsam. Es bedurfte also einer offiziellen Badestelle mit professioneller Aufsicht, strikter Geschlechtertrennung und Kleidervorschriften.“

Die Universitäts-Badeanstalt in der Leine wurde 1819 in der Nähe der Walkemühle eingerichtet, wo sich ein natürliches Becken mit ausreichender Wasserhöhe gebildet hatte. Zwei Schwimmmeister wachten über die Badestelle. 1904 standen in Göttingen sogar drei Badeanstalten zur Auswahl: Neben der Universitätsbadeanstalt gab es noch die Städtische Badeanstalt an der Bürgerstraße im Leinekanal und die städtische Volksbadeanstalt am Leinekanal westlich des heutigen Felix-Klein-Gymnasiums. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde zudem für Frauen eine Damen-Badeanstalt im Feuerteich geschaffen.

1927 wurde das Freibad Brauweg eröffnet und damit das Ende der Flussbadeanstalten eingeleitet. Die Universitäts-Badeanstalt ging 1931 im Freibad auf, die städtische Badeanstalt an der Bürgerstraße wurde 1952 zugeschüttet. Flussbaden galt nun als vormodern und unhygienisch. In den 1960er-Jahren schossen dann die Hallenbäder aus dem Boden: Ganzjährig geöffnet, zweckmäßig, hygienisch und modern galten sie als der letzte Schrei. In den vergangenen Jahrzehnten forderte dann eine wachsende Freizeitgesellschaft ihren Tribut. Eventcharakter war gefragt – in Göttingen eröffnet 1998 das Spaßbad Eiswiese.

Beiträge im Göttinger Jahrbuch

Das 1952 wiederbegründete Göttinger Jahrbuch wird vom Geschichtsverein für Göttingen und Umgebung herausgegeben. Es enthält jedes Jahr eine Reihe von Beiträgen zur Geschichte der Region. Die Ausgabe 2014 enthält Aufsätze zu ganz unterschiedlichen Themen. Gudrun Pischke schreibt etwa über die Herren von Harste, Thomas Küntzel liefert eine Bauanalyse zum Kloster Bursfelde, Hajo Gevers nimmt die jüdische Gemeinde Göttingen in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Blick. Der aktuelle Jacobi-Pastor Harald Storz arbeitet als Fortsetzung aus dem Vorjahr ein „Scandaleuses Gerücht“ um den früheren Jacobi-Pastor Christian Ernst Simonetti (1700-1782) weiter auf. Zwei ganz unterschiedliche Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur, die beide in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden und beide einen Bezug zu Göttingen haben, werden im Jahrbuch porträtiert. Benigna von Krusenstjern schreibt über Adam von Trott zu Solz, der in Göttingen studierte, Marco Dräger stellt den in Göttingen geborenen kommunistischen Widerstandskämpfer Ernst Fischer vor.  bar

Das Göttinger Jahrbuch 2014 hat 383 Seiten, kostet 18 Euro und ist im Buchhandel erhältlich.

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