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Tattoos: Trend und Lebenseinstellung

Thema des Tages Tattoos: Trend und Lebenseinstellung

Rund acht Millionen Deutsche tragen Tätowierungen: Doch was macht die Faszination für den bleibenden Körperschmuck aus? Das Tageblatt hat bei einem Tattoomodel und einem Tätowierer nachgestochen.

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Makani Terror

Quelle: Frank Dursthoff

Göttingen/Duderstadt/Münzenberg. „Geboren wurde ich als Einzelkind in einem kleinen Städtchen namens Duderstadt...“ Na, so wird man doch gern begrüßt auf der Website eines international gefragten Models. Tatsächlich stammt Kathrin Tölle, die sich als Makani Terror einen Namen gemacht hat, aus dem Eichsfeld. Ob aber jeder, der sie unter ihrem bürgerlichen Namen kennenlernte, die heute 35-Jährige noch erkennen würde – man weiß es nicht. Denn in den vergangenen Jahren hat sich Tölle, rein äußerlich, von der einfachen Eichsfelder Landschönheit zu einem bunten Paradiesvogel entwickelt.

Gut, ganz so extrem ist der Wandel nicht vonstatten gegangen. Schon als Jugendliche hatte Tölle einen Hang zu auffälligem Auftreten. Sie gehörte einer Szene an – ja, die gab es zwischen Duderstadt und Göttingen – in der sich Punks, Gothics und Metaller in trauter Eintracht tummelten. „Wir waren eine Gruppe junger Wilder aus dem Duderstädter Umfeld“, schwelgt das Model in Erinnerungen. Obwohl sie ihre Duderstädter Clique als „bunte Familie“ bezeichnet, herrschte eher Schwarz als bunt vor, jedenfalls, wenn es um Kleidung und Haarfarbe ging. „PUNX 4ever“, dieser kleine Schriftzug zierte in dieser Zeit bereits den Knöchel der Jugendlichen. Heute ist er nicht mehr sichtbar. Nicht etwa, weil sich Tölle nicht mehr dazu bekennen würde. Das Tattoo ist verschwunden, um einem anderen Motiv Platz zu machen. Mittlerweile ist Makani knallbunt von Kopf bis Fuß, die Haarfarbe ausgenommen.

Schon während ihrer Schulzeit, die sie zunächst in Duderstadt, später in Göttingen verbrachte, interessierte sich Tölle für Kunst und Fotografie. Sie entschied sich für eine Ausbildung zur Fotografin, um festzustellen, dass das Studioleben zwischen Passbildern und Hochzeitsaufnahmen nichts für sie ist. Auch Abi und Uni brachten nicht die Erfüllung, die sich Tölle erhoffte. Nach eineinhalb Jahren Geschichte und Philosophie warf Tölle hin. „Ein Drang nach Veränderung setzte mich stetig in Bewegung“, erklärt sie.

Ausgerechnet ein Beruf, in dem das Stillhaltenkönnen oberste Prämisse ist – nicht auszudenken, was passieren könnte –, sollte die quirlige Tölle ihrem Traum ein Stück näher kommen lassen. „2004 bekam ich endlich die Chance eine meiner Leidenschaften zum Beruf auszubauen“, blickt sie auf ihre Ausbildung in einem Hamburger Tattoo- und Piercing-Studio zurück. Dort lernte sie das professionelle Stechen, zunächst als Piercerin. „Ich war fünf Jahre lang Mädchen für alles“, berichtet sie über ihre erste Zeit im Ruhrpott. „Nebenbei entdeckte ich die andere Seite des Fotoapparates, der Szenerie, der Verwirklichung.“

In dieser Zeit verwandelte sich Kathrin in Makani. Den Begriff entlehnte sie aus dem Hawaiianischen. „Wind“ bedeutet er und steht in ihrem Namen für das Natürliche, Wilde und Unstete. Der Terror bilde dazu, nicht nur klanglich, einen schönen Kontrast, sagt Tölle, die von nun an Terror hieß.

Im Ruhrpott verwandelte sich zudem das einstige Mädchen für alles in die Partnerin im Münzenberger Tattoo-Shop „Fallout Tattoo“, das Tölle gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Chris Block betreibt. Und sie verwandelte sich in das Model, das auf mittlerweile 35 Titelseiten weltweit abgebildet wurde, unter anderem auf Magazinen in Amerika, Mexico, Australien, Ungarn, Spanien und Taiwan. Außerdem ist Makani Terror in Musikvideos von Bands wie Belphegor, Caliban oder Falling in Reverse zu sehen.

Gemeinsam mit der Organisation RespekTiereLeben setzt sich Tölle zudem für den Tierschutz ein, eine Herzensangelegenheit, wie sie sagt. So sehr sich Makani Terror heute äußerlich von der Eichsfelder Landschönheit unterscheidet, so sehr ist sie doch unter der Haut Kathrin Tölle geblieben, die schon als Jugendliche ein Herz für Tiere hatte.

facebook.com/makaniterror

Gesamtkunstwerk Makani Terror

Auf Ihrem Körper sind Motive verschiedenster Stilrichtungen, Schriftzüge und Bilder zu entdecken. Gibt es ein Motiv, zu dem Sie heute nicht mehr stehen?
Eigentlich nicht. Allerdings gab es vor 20 Jahren noch nicht so herausragende Künstler wie heute. Die Werke, die heute auf die Haut gebracht werden, glänzen von hohem künstlerischem Niveau, brillanten Farben und herausragendem technischen Können. Damals gab es meist nur das Angebot aus Vorlagenmappen, die Gott sei Dank in den meisten Tattoo Studios inzwischen nicht mehr vorkommen.

Aus welcher Motivation heraus haben Sie sich entschlossen, das Ganzkörperkunstwerk in Angriff zu nehmen?
Ich war schon sehr früh dieser Körperkunst verfallen, schon mit 13 Jahren wusste ich das ich einmal ein Ganzkörpertattoo tragen möchte. Ich hatte keine Vorbilder in meinem Umfeld, ob Familie oder Freunde. Es war einfach eine persönlich entwickelte Leidenschaft.

Welche Reaktionen haben Sie erfahren, als Ihre Haut immer bunter wurde?
Anfangs hat meine Familie eher negativ auf meine Körperverzierung reagiert. Ich halte das sogar für nachvollziehbar. Schließlich wollen Eltern nur das Beste für ihr Kind und sorgen sich, dass es sich mit einer solchen Optik die Zukunft verbaut. Inzwischen steht meine Mutter stolz hinter mir.

Sind die Reaktionen im Eichsfeld heftiger ausgefallen als anderswo?
Natürlich wird in der kleinen katholischen Gemeinde anders damit umgegangen als in der anonymen Großstadt. Allerdings hat jahrelang niemand meine Tattoos bemerkt, da ich sie an den Beinen verstecken konnte. Meine Familie hat sie zum ersten Mal gesehen, als ich 21 Jahre alt war. Und zu dieser Zeit habe ich bereits nicht mehr im Eichsfeld gewohnt.

Spielt bei der Erstellung eines Ganzkörperkunstwerks die oft beschriebene Portion Narzissmus eine Rolle?
Ich verstehe nicht, was Narzissmus damit zu tun haben soll. Was hat eine Form von Kunst mit Selbstliebe zu tun? Tattoos sind einfach eine Kunstform, die ausnahmsweise auf dem eigenen Körper präsentiert wird! Und laut Statistik sind heute acht Millionen Deutsche tätowiert. Sind das alles Narzissten?

Gibt es Motive, die Sie für so inakzeptabel halten, dass Sie sie nicht stechen?
Ich bin kein Freund von Namen des Freundes beispielsweise. Dinge, die sich von Zeit zu Zeit wieder ändern können, sollten nicht unbedingt tätowiert werden. Ich kenne einfach schon zu viele Menschen, die diesen Fehler begangen haben. Außerdem mag ich keine Tribals, Unendlichkeitszeichen, Sterne oder Federn. Motive, die schon zehn Millionen Mal tätowiert wurden und von nicht viel Kreativität zeugen. Ich mag keine Massenprodukte, die man beim googeln auf Seite eins findet!

Szene-Models haben zum Glück eine etwas längere Halbwertszeit als andere. Gibt es in Ihrem Bereich auch eine „natürliche Grenze“?
Genau kann ich dies jetzt noch nicht sagen. Zum Beispiel Sabina Kelly, eins der bekanntesten Tattoo Models der Welt, modelt schon ewig und ist immer noch aktiv. Ich denke, dass Charakter-Modelle auch noch im Alter interessant sein können, ob in der Werbung oder beim Moderieren.

Wo sehen Sie sich in 15 Jahren?
Da ich ein Tattoostudio betreibe, im Tierschutz aktiv bin und selbst Tattooentfernung bei mir im Laden mache, bin ich immer beschäftigt. Da wird sich das Modeln sicher auch noch im Alter auf eine andere Ebene entwickeln. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, dies mitzuerleben.

„Nicht von der Kneipe ins Studio“

An den Wänden von Dirk Joppichs Tattoostudio Black Line an der Göttinger Hospitalstraße hängen Skizzen über Skizzen: Von Super Mario über große Schiffe zu kleinen Schwalben und gruseligen Clowns. Dazu surren, untermalt von elektronischer Musik die Tattoomaschinen.

2002 ist Joppich nach Göttingen gekommen, vorher hat der gelernte Krankenpfleger in Dresden eine zweijährige Ausbildung zum Tätowierer absolviert. „An der Düsteren Straße hat alles angefangen“, erinnert sich der 42-Jährige. Dort eröffnete er sein erstes Studio. Ihm ist es wichtig, dass seine Kunden bereits eine konkrete Vorstellung von ihrem Wunschtattoo haben: „Die Leute tragen das ein Leben lang, da kann man nichts verordnen.“ Auch will er, dass jeder Kunde ein individuelles Tattoo bekommt, auch wenn die Motive oft der Mode unterliegen: „Was früher der kleine rote Teufel oder das Steißtribal waren, sind heute Uhren, Schattenrisse von Vögeln und Unendlichkeitszeichen.“ Diese gelte es immer neu zu interpretieren. „Ich versuche immer etwas zu machen, was ich noch nie gemacht habe, um mich auch nicht selbst zu kopieren.“ Bereits bestehende Tattoos zu kopieren, kommt einer Todsünde gleich. 

Dirk Joppich, Besitzer von Black Line.

Quelle: mir

Die Entscheidung für ein Motiv muss reifen: Direkt von der Kneipe ins Studio, weil man einfach jetzt irgendein Tattoo haben möchte, sei keine gute Idee. Überhaupt sollte der Kunde bei der Wahl des Studios nicht auf den Preis, sondern auf die Arbeiten schauen.

Hat sich der Kunde für Studio und Motiv entschieden, geht es an das Erstellen der Vorlage. Manche Motive zeichnet Joppich auch direkt oder teilweise auf der Haut vor. Gefällt dem Kunden der Entwurf, wird ein sogenannter Stencil angefertigt, mit dem das Motiv von der Vorlage auf die Haut gebracht wird. Wie genau das geht ist Berufsgeheimnis: „Schreib, wir nehmen alle Waschbär-Urin“, scherzt er, denn eigentlich ist Hygiene ein großes Thema in den Tattoostudios: Joppich lässt monatlich sein Studio von einem unabhängigen Institut überprüfen. Außerdem hätten sich die Hygienstandards in den vergangenen Jahren radikal geändert: Man arbeite jetzt mit Einmal-Material und zertifizierten Farben, erzählt der Tätowierer, der noch gelernt hat, selbst Nadeln zu löten.

Sitzt der Stencil, geht es ans Tätowieren: Klassisch werden zunächst die Außenlinien, so denn welche im Tattoo vorgesehen sind, gestochen. Dann folgen Schattierungen und Farben. Um das Hautkunstwerk zum Strahlen zu bringen, ist es wichtig, das frische Tattoo entsprechend zu pflegen. Sonne und Chlorwasser sind in der ersten Zeit nach dem Termin tabu.

Joppich, der schon immer gern gezeichnet hat, und den der Wunsch nach Veränderung zu seinem jetzigen Beruf trieb, sieht sich ganz klar als Handwerker: „Was bringt das tollste Motiv auf dem Papier, wenn ich es nicht handwerklich sauber in die Haut bekomme?“ Ein guter Tätowierer werde von Jahr zu Jahr besser, ist sich Joppich sicher.

 Und: „Ja, es tut weh.“ Sowohl die Farbe in die Haut zu bringen, als auch sie mittels Laserbehandlungen wieder herauszuholen. Joppich selbst fertigt viele Cover Ups an, neue Tattoos, mit denen alte Jugendsünden überdeckt werden. mlr

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016