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Göttingen: Forscher untersucht Architektur von St. Jacobi

Was die Architektur der mittelalterlichen Kirche mit einem Machtkampf zu tun hat Göttingen: Forscher untersucht Architektur von St. Jacobi

Wer wollte beim Bau der Göttinger Jacobikirche im Mittelalter wem seine Macht demonstrieren? Dieser Frage ist Privatdozent Dr. Christian Scholl in einem Vortrag bei der Jahreshauptversammlung des Geschichtsvereins für Göttingen und Umgebung nachgegangen.

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„Großes Kino“: Westbau von St. Jacobi.

Quelle: Heller

Göttingen. Die Architektur der Kirche stehe oft im Schatten des berühmten Flügelaltars von 1402, bedauerte der Kunsthistoriker. Doch so unbedeutend sei der gotische Bau nun auch wieder nicht. St. Jacobi sei an Stelle eines kleineren, vermutlich spätromanischen Vorgängerbaus entstanden, so Scholl. Der gotische Neubau sei ab 1350 geplant und 1361 begonnen worden. Zu diesem Zeitpunkt sei in Göttingen gerade erst eine beispiellose Bauaktivität in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu Ende gegangen, in der die drei gotischen Kirchen St. Johannis, St. Marien und St. Nikolai errichtet worden seien. Zwischen den Kirchen und St. Jacobi gibt es eine Vielzahl von architektonischen Bezügen, wie Scholl aufzeigte.

Ursprünglich war St. Jacobi herzogliche Burgkirche. Beim gotischen Neubau hätten Herzog und Bürgerschaft zusammengewirkt, vermutet der Kunsthistoriker. Dies blieb aber nicht unbedingt so, wie Scholl anhand der Baugeschichte der Kirche vermutet. Der Chor, mit dem begonnen wurde, ist nämlich noch vergleichsweise schlicht gehalten. Das Langhaus wird dann schon aufwendiger gestaltet. Es gibt Zwerchgiebel, Krabben, Kreuzblumen, Ziertürmchen und Wasserspeier, wobei die Südseite noch einmal formenreicher gestaltet ist als die Nordseite. Die Frage ist: Warum?

Die Südseite als Prunkseite weist in Richtung des städtischen Zentrums, wo sich Markt und Johanniskirche befinden. Scholl vermutet, dass Herzog Otto der Quade mit der Prachtenfaltung ein Statement setzen und so dem Rat der Stadt quasi architektonisch seinen Rang zeigen wollte. Otto der Quade war dem 1367 gestorbenen Herzog Ernst nachgefolgt und wollte in Göttingen wieder stärker seine Macht entfalten. Damit scheiterte er allerdings am massiven Widerstand des Rates. Die herzogliche Burg wurde geschleift, St. Jacobi wurde zur Bürgerkirche und erhielt nun auch noch einen prächtigen Westbau samt Turm. „Großes Kino“ sei dieses Ensemble, meint Scholl.

Forschungsprojekt

Die beiden Privatdozenten Jens Reiche und Christian Scholl leiten ein Forschungsprojekt zu Göttinger Kirchen des Mittelalters. Die Veröffentlichung der Ergebnisse soll laut Scholl im Frühjahr erfolgen. Im Rahmen des Projekts soll laut Ankündigung eine „längst überfällige architekturhistorische Aufarbeitung“ der Kirchen erfolgen.

Mit den Pfarrkirchen St. Johannis, St. Jacobi, St. Albani, St. Marien und St. Nikolai sowie der Pauliner­kirche ver­füge Göttingen über einen Be­stand von sechs be­deutenden gotischen Kirchen des 14. und 15. Jahrhunderts. Die Stadt biete folglich auf engstem Raum die Möglichkeit, Einblicke in die Gestalt und Funktionsweise mittelalterlicher Sakralarchitektur zu gewinnen. Für eine Stadt dieser Größe sei dies be­merkenswert: Göttingen werde im südlichen Niedersachsen in dieser Hinsicht nur von Braunschweig übertroffen, das aller­dings im Mittelalter eine wesent­lich größere Stadt gewesen sei. bar

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