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Dschungelcamp: Keine Krone für Siemoneit-Baum

Raus aus dem Dschungel Dschungelcamp: Keine Krone für Siemoneit-Baum

Seit fünf Tagen ist sie raus: Rebecca Siemoneit-Barum hat das Dschungelcamp verlassen. Die im Landkreis Northeim lebende Lindenstraßen-Schauspielerin hat zuvor noch eine Dschungelprüfung absolviert – mit für sie enttäuschendem Ausgang. Nur einen Stern brachte sie ihren Campgenossen mit.

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Rebecca Siemoneit-Baum

Quelle: Pförtner/Archiv

Northeim/Göttingen. „Es war schwer meine Mit-Insassen zu verlassen, aber ich bin jetzt auch sehr froh, wieder im Kreis meiner Lieben zu sein und noch etwas von Australien zu sehen“, schrieb sie am Tag darauf auf ihrer Facebook-Seite.

„Fast zwei Wochen ohne jeglichen Comfort in der freien Natur, das sollte sich jeder mal geben“, teilte Siemoneit-Barum außerdem mit. Bei ihrem Auszug bekannte sie, am Morgen „nass und frierend“ aufgewacht zu sein. Es stimme sie nicht traurig, dass sie Ihr Bett im Dschungelcamp verwaist zurücklassen musste, aber ihre Mitstreiter werde sie schon vermissen. „Jetzt werde ich schön duschen, baden und richtig Körperpflege betreiben“.

Die Einbeckerin hatte während vieler Folgen oft einen in sich gekehrten Eindruck gemacht. Auf ihrem Facebook-Profil äußerte die Organisatorin des Göttinger Weihnachtszirkus Bedauern darüber, dass ihre vielen fröhlichen Momente nicht gesendet worden seien. Fröhliche Menschen seien wohl für das Team von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ nicht interessant genug, vermutet sie.

Ihr vorläufiges Fazit: „Die Zeit im Camp war eine unbeschreibliche Erfahrung, ich habe tolle neue Freunde gefunden und auch viel über mich gelernt!“

 

Ist das Dschungelcamp hochwertig?

Pegida-Demonstrationen und Opfer von Terroranschlägen sind in einigen Medien schnell vergessen, wenn im Dschungelcamp die Hüllen fallen. Berichtet wird in jenen Medien jedoch nur in Form zugespitzter Inhaltsangaben und vager Vermutungen. Der Göttinger Fernsehwissenschaftler Christian Hißnauer berichtet, was hinter dem Phänomen steckt.

Herr Hißnauer, um eine Sendung wie das Dschungelcamp zu skizzieren: Mit welcher Art von Sendung haben wir es hier zu tun?

„Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ zählt zum Reality TV. Darunter fallen eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Sendeformen und -formate, die auf unterhaltsame Weise dokumentarische, fiktionale und spielerische Elemente kombinieren. Man spricht daher auch vom „factual entertainment“, also die auf dem Faktischem, dem Authentischen basierenden Unterhaltung. Diesen faktischen Kern sieht man im Dschungelcamp beispielsweise in der Gruppendynamik, die ja nicht vorab vom Sender ausgedacht und geplant ist – obwohl natürlich bewusst sehr unterschiedliche Charaktere auf engstem Raum zusammengepfercht werden, damit möglichst viel Konflikte, Diskussionen oder auch Liebeleien entstehen. Die ganze Grundsituation ist damit künstlich und inszeniert. Und auch die Gruppendynamik wird in der Inszenierung, also durch den Schnitt, durch Musik oder ähnliches zugespitzt.

Wie kommen Sie zu solch einem Forschungsthema? Was ist die wissenschaftliche Relevanz?

Mein Projekt ist eingebunden in den größeren Rahmen einer Forschergruppe, die dem populäre Serienformen untersucht. Solche Reality TV-Formate sind in diesem Zusammenhang sehr interessant, weil sie sich von fiktionalen Serien, beispielsweise Krimis wie dem „Tatort“, deutlich unterscheiden. In einem Krimi passiert ja nichts, das nicht der Phantasie eines Autors entsprungen ist. Bei Reality TV-Serien hingegen gibt es keine erfundenen Figuren, sondern echte Personen und deren Leben. Dadurch entstehen Wechselwirkungen zwischen der Show und dem tatsächlichen Leben. Und es gibt Unwägbarkeiten in der Produktion, auf die die Sendung reagieren muss. Das ist insbesondere bei seriellen Formen wie dem „Dschungelcamp“ oder – noch besser – „Deutschland sucht den Superstar“ zu beobachten, weil diese Wechselwirkungen hier mehr oder weniger direkt zu beobachten sind. Daher ist Reality TV für die Serienforschung sehr wichtig.

Schauen Sie privat gerne Dschungelcamp oder ähnliche Sendeformate?

In erster Linie befasse ich mich wissenschaftlich damit. Es gibt aber das ein oder andere Format, das ich mir auch privat gelegentlich ansehe – „The Voice of Germany“ zum Beispiel. Zudem kann man als Fernsehwissenschaftler berufliches und privates Interesse nicht immer völlig trennen. Aber der Blick ist natürlich ein anderer, wenn ich Sendungen wissenschaftlich analysiere.

Inwiefern hat eine Sendung wie Dschungelcamp gesellschaftliche Relevanz?

Allein die Einschaltquoten sprechen für eine gesellschaftliche Relevanz. Sechs bis acht Millionen Zuschauer in den letzten beiden Staffeln schafft keine andere Sendung auf diesem Programmplatz. Selbst um 20.15 Uhr wäre dies ein sehr gutes Ergebnis. Nur der „Tatort“ oder wichtige Fußballspiele erreichen zur Prime Time mehr Zuschauer.

Wenn so viele Menschen regelmäßig eine Sendung sehen wollen, dann muss sie etwas haben, was einen großen Teil der Gesellschaft anspricht. Beim Dschungelcamp ist dies etwas anders als bei „The Voice of Germany“ oder der „Supernany“. Wir müssen solche Sendungen – egal was wir im Einzelfall davon persönlich halten – ernst nehmen und als gesellschaftliches Phänomen begreifen. Sendungen wie „Germanys next Topmodel“ sind beispielsweise für viele Mädchen prägend hinsichtlich ihrer Vorstellung vom Frausein. Die „Supernanny“ steht für ein bestimmtes Erziehungsideal. Zum einen spiegeln die Formate damit bestimmte gesellschaftliche Leitbilder, zum anderen formen sie diese erst.

Ist Dschungelcamp eine hochwertige Sendung?

Das ist natürlich immer schwer zu sagen. Was heißt hochwertig? „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ ist perfekt gemachte Fernsehunterhaltung, die man mögen kann – oder auch nicht. Gleichwohl spricht sie in erster Linie niedere Instinkte wie Schadenfreude an. Man wird also kaum ernsthaft sagen, dass es sich bei der Sendung um anspruchsvolle Unterhaltung hält. Es ist aber eine hochprofessionell und handwerklich sehr gut gemachte Sendung.

Hat Dschungelcamp so etwas wie eine eigene Ästhetik?

Jede Sendung hat ihre eigene Ästhetik. Ob man die als besonders ästhetisch empfindet ist eine ganz andere Frage. Die Mischung aus beobachtetem „Dschungel-Alltag“ in Big-Brother-Manier, den ekligen Dschungel-Prüfungen und den sarkastisch-ironischen Moderationsteilen sind hier prägend für die Ästhetik. Das Setdesign – also das Bühnenbild – und die uniformen Kostüme der Kandidaten kommen dazu. So entsteht ein spezifischer, wiedererkennbarer „Dschungel-Stil“.

Warum ist das Dschungelcamp so erfolgreich?

Bei Castingshows will der Zuschauer mitfiebern und teilhaben an dem Traum vom Superstar. Da wird eine Illusion verkauft, der Traum von der schnellen und einfachen Karriere. Auch der soziale Vergleich spielt eine wichtige Rolle; vor allem der Vergleich nach ‚unten‘. Man möchte sich erheben über diejenigen, die bei Deutschland sucht den Superstar einen peinlichen Auftritt hinlegen. Eine solche Zuschauerhaltung wird natürlich bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ permanent durch die Show eingefordert. Die Moderatoren selbst lassen ja selten ein gutes Haar an den Kandidaten. Es wird dem Zuschauer suggeriert, dass es völlig in Ordnung ist, sich über die Teilnehmer lustig zu machen.

Andere Promi-Sendungen versuchen den Schein des erfolgreichen Stars zu wahren. Das Dschungelcamp ist die einzige Show in der derart offensichtlich gegen die Teilnehmer polemisiert wird. Die Selbstinszenierung und Selbstüberschätzung der Kandidaten, wird gnadenlos offengelegt. Sie werden in der Regel als gescheiterte Persönlichkeiten dargestellt. Das haben wir in dieser Staffel vor allem bei Walter Freiwald gesehen. Diese Entzauberung der Möchtegernstars spielt eine große Rolle für den Erfolg der Show.

Käfer essen, mit Schlangen auf Tuchfühlung gehen: Welche Funktion haben Ekel-Elemente?

Zunächst mal stellen die Dschungelprüfungen sicher, dass etwas im Lager passiert. Es ist ein geplantes Element in der Dramaturgie, das ich vor allem als Sicherheit brauche, wenn die Gruppendynamik zu wenig hergibt. Die Prüfung funktioniert dabei in zweifacher Hinsicht: Zum einen als Herausforderung – wie schon bei den Wochenaufgaben im Big Brother-Haus. Und zum anderen können die Kandidaten damit Belohnungen für die Gruppe erspielen. Und das kann wieder zu neuen Konflikten führen, wenn die Gruppe einem Kandidaten unterstellt, sich bei den Prüfungen keine Mühe zu geben und es deswegen keine Essensrationen gibt. Das soll also für den Zuschauer Spannung erzeugen – schafft er’s oder nicht – , aber sie soll ebenso für Spannungen im Camp sorgen.

Die Ekel-Elemente dienen dazu, die Kandidaten in Situationen zu bringen, in denen sie sich überwinden müssen. Das ist dramaturgisch immer besonders spannend, weil es nicht um spezielle Fähigkeiten geht. Zudem ist das Sich-Überwinden-Müssen etwas, das jeder Zuschauer kennt. Er kann sich in diesen Momenten gut in die Situation hineinversetzen; wenn auch aus sicherer Entfernung.

Warum schauen so viele Menschen diese Sendung?

Schaulust spielt hier eine große Rolle. Das ist wie bei einem Autounfall auf der Autobahn: Jeder findet es eklig, kann den Blick aber nicht abwenden. Ich glaube, dass für die Zuschauer neben den genannten Aspekten vor allem die Gruppendynamik interessant und spannend ist. Die Ekel-Prüfungen sind vielleicht am Anfang ein Anlass gewesen, die Sendung anzuschauen, haben aber mittlerweile den Reiz des Neuen verloren. Die Gruppendynamik entfaltet sich von Sendung zu Sendung und wird vor allem auch in den Medien und der sendereigenen Berichterstattung thematisiert. Dieses serielle Moment ist für die Zuschauerbindung besonders wichtig, weil Zuschauer dazu tendieren, para-soziale Beziehungen zu Medienfiguren aufzubauen. Man liebt oder hasst sie, glaubt sie zu kennen, ist daran interessiert, wie es mit ihnen weitergeht. Und deswegen bleibt man dran und verfolgt die Sendung weiter.

Interview: Björn Lorenz

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