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Göttinger Buchhandel behauptet sich gegen Online-Konkurrenz

Nischen finden Göttinger Buchhandel behauptet sich gegen Online-Konkurrenz

Die Buchbranche ist im Umbruch. Auf die Konkurrenz des Online-Handels haben sich die Buchändler inzwischen eingestellt. 2013 war die Entwicklung des Onlinebuchhandels erstmals rückläufig, der Buchhandel vor Ort konnte ein Plus machen.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen. Die Deutschen lesen gern. Und immer noch 48 Prozent werden im stationären Buchhandel umgesetzt. Trotzdem ist die Branche im Umbruch. Keineswegs will man dem Branchenriesen Amazon, der 70 Prozent des Online-Umsatzes in Deutschland macht, den Markt überlassen. Die Buchhändler mussten sich neu positionieren und verzeichnen nun die ersten Erfolge. 2013 war die Entwicklung des Online-Buchhandels erstmals rückläufig, der stationäre Buchhandel konnte leicht zulegen.

„Wir müssen unsere Nischen finden“, sagt Eckart Kohl, Inhaber der Göttinger Buchhandlung Calvör. Viele sitzen den ganzen Tag an einem Computer, da sei es leicht, auch das Buch gleich noch zu bestellen. Zwar biete inzwischen auch jeder Buchhändler die Möglichkeit an, online zu bestellen. Mit ihrem Sortiment und der Beratung aber holen sie die Kunden zurück in die Geschäfte. Einen totalen Einbruch durch den Internethandel habe er nicht bemerkt. Aber „die Kundenfrequenz geht zurück“, sagt Kohl. Pro Kopf nehme der Umsatz jedoch zu. Die Kunden, die in die Läden kommen, schätzen eine gute Ausstattung, ein wirklich schönes Buch. Damit habe er seine „Nische gefunden.“ Und mit seinem Laden, einem im besten Sinne des Wortes traditionellen Buchladen. Eher klein und übersichtlich, ganz den Büchern gewidmet. „Dass es so einen Laden noch gibt“, das höre er oft. Übrigens auch von jungen Leuten.

Persönliche Beratung ist ein weiteres Plus, dass die kleinen Läden haben. 50 Prozent und mehr ihrer Kunden sind Stammkunden, die sich gern auf die Empfehlungen verlassen. „Ich kenne meine Kunden genau“, sagt Stephanie Nöttger von der Buchhandlung Laura und gibt ein schönes Beispiel: neulich habe eine Kundin ein Buch in der Hand gehabt und sie gefragt. „Hab ich das schon gelesen?“. Hatte sie. „Viele lieben es auch, mal ein persönliches Wort zu wechseln. Ein Computer kommt da emotional gar nicht mit“, so Nöttger. Trotzdem müsse man natürlich immer auf dem neuesten Stand sein. Natürlich bekämen ihre Kunden bei ihr auch E-Books und könnten bequem zu Haus auf der zum Laden gehörenden Internetseite die Bücher bestellen.

Buchhandlungen in Deutschland

9,536 Milliarden Éuro hat der Buchhandel 2013 umgesetzt. 4,64 Milliarden davon wurden im stationären Buchhandel umgesetzt, mit 48, 6 Prozent ist er immernoch der führende Absatzweg. Direkt über die Verlage werden 19,7 Prozent der Bücher verkauft, 16, 3 Prozent im Internethandel. 2013 war die Entwicklung des Onlinebuchhandels erstmals rückläufig, der Buchhandel vor Ort konnte ein Plus machen.

Auch im Jahr 2014 liefen die Geschäfte für den stationären Buchhandel besser als für den gesamten Publikumsmarkt. In Deutschland gibt es rund 6000 Buchhandlungen inklusive Filialen und Verkaufsstellen, allerdings ist ihre Zahl rückläufig. Im Jahr 2005 zählte der Börsenverein als Branchenverband 4422 Mitglieds-Buchhandlungen, 2013 waren es noch 3378. Die überwiegende Mehrheit der Leser hält nach wie vor gedruckten Büchern die Treue.

Der Markt der E-Books wächst nach Angaben des Börsenvereins nicht so signifikant wie erwartet. Ihr Umsatzanteil betrug 2013 3,9 Prozent und in den ersten drei Quartalen 2014 4,8 Prozent. Die Allianz der Buchhändler bietet den E-Reader Tolino an, das Amazon-Gerät ist der Kindle.

Viele „Amazon-Rückkehrer“ beobachtet Klaus Hertel, Buchhandlung Hertel. Negative Schlagzeilen über Amazon und dessen Umgang mit seinen Mitarbeitern brächten Kunden zurück. Alexander Skipass, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels formuliert es so: „Die Leute sind sehr sensibel geworden für Geschäftsmodelle wie das von Amazon, dessen Chef sagt, man müsse Verlage jagen wie Gazellen, und ein Monopol anstrebt.“ Und leere Innenstädte könne ja auch keiner wollen, so Hertel. Für die Zukunft seines Ladens ist er optimistisch. Mit seinem speziellen Sortiment – Hertel galt früher als die katholische Buchhandlung und hat hier immer noch einen Schwerpunkt – und gut 75 Prozent Stammkunden sieht er sich gewappnet.

Beratung und Atmosphäre, darauf setzen inzwischen auch einige Großbuchhandlungen. Trotz steigender Umsätze im Online-Handel bekennt sich das Münchner Familienunternehmen Hugendubel, mit 90 Filialen Deutschlands zweitgrößter Buchhändler, klar zum stationären Handel. Aber Hugendubel verkleinert konsequent Verkaufsfläche. In Dresden, München und Regensburg etwa wurden Filialen von rund 1200 Quadratmeter auf 600 verringert. „Dank Online wollen unsere Kunden in den Filialen nicht mehr das komplette Buchangebot vorfinden, sondern die beste Auswahl und die beste Beratung“, sagt Nina Hugendubel, geschäftsführende Gesellschafterin des Münchner Familienunternehmens.

Thalia musste Filialen schließen und setzt für die Zukunft auf die Verzahnung der verschiedenen Vertriebswege und besonders auch auf die E-Books, den Markt mit steigenden Umsatzzahlen.

Von Christiane Böhm

„Ein wunderbares Erlebnis“

Anja Johannsen, Leiterin des Literarischen Zentrum Göttingen

1. Wo kaufen sie ihre Bücher?
Ich versuche abzuwechseln, weil ich es großartig finde, dass es in Göttingen so vergleichsweise viele - vor allem inhabergeführte - Buchläden gibt! Und ich mag sie alle gern. Aber meistens lande ich bei Calvör, das liegt so praktisch auf meinem Weg nach Hause. 

2. Was schätzen sie am lokalen Buchhandel?
Vor allem, dass ich stöbern und in die Bücher reingucken kann. Und mir von der Buchhändlerin was empfehlen lassen kann. Und mir gefällt es, auf andere Kunden zu treffen im Laden und zu sehen, wofür die sich interessieren.
3. Wenn sie gern online bestellen, welches sind die Vorteile für sie?
Man denkt eben immer, es gehe schneller wenn man bei Amazon bestellt, aber das stimmt ja gar nicht! Ich kann telefonisch oder online auch bei fast jedem lokalen Buchhändler bestellen und wenn man will, schicken die das Buch auch nach Hause. Ich hab früher zugegebenermaßen schon viel online bei den Riesen gekauft, aber jetzt nur noch selten. Mir liegt einfach zu viel daran, dass der lokale Buchhandel erhalten bleibt.
 
4. Bevorzugen sie Bücher oder lesen sie lieber E-Books?
Bücher. Ich muss ohnehin viel auf dem Tablet lesen, weil die Verlage mir ja die Bücher meistens als Druckfahnen schicken, eh sie gedruckt werden. Drum hab ich, wenn ich wählen kann, umso lieber Papier in der Hand. Fühlt sich besser an, sieht besser aus, kann man besser Eselsohren machen!

Peter Herberhold, Organisator Göttinger Literaturherbst:

zu Frage 1.: Aus beruflichen Gründen bin ich in der glücklichen Lage, nicht so häufig Bücher kaufen zu müssen, sondern bekomme sie meist von Verlagen zur Verfügung gestellt. Wenn ich Bücher kaufe, nutze ich fast ausschließlich den Buchhandel. Das ist zum einen eine, vielleicht altmodische Angewohnheit, zum anderen ist der Umgang mit Büchern eine umfassende, sinnliche Erfahrung und die fehlt online zu einem guten Teil.

zu 2.: Am lokalen Buchhandel schätze ich vor allem die vorhandene Vielfalt. Von der Großbuchhandlung Thalia, über die Traditionsbuchhandlung Calvör, bis hin zum Frauen- und Kinderbuchladen Laura findet man in Göttingen über ein Dutzend Buchhandelsangebote. Das gehört zum Erfahrungserlebnis einer lebendigen Stadt wie Göttingen einfach dazu.

zu 3.: Online bestelle ich manchmal spezielle antiquarische Bücher. Da ist das Angebot natürlich riesig, das kann ein niedergelassenes Antiquariat gar nicht leisten.

zu 4.: Das E-Book eröffnet der Literatur, ebenso wie andere mediale Hilfsmittel eine Reihe neuer Möglichkeiten. Ein Buch in der Hand zu halten, darin zu blättern, das ist immer wieder ein wunderbares Erlebnis; den Sand der letzten Strandlektüre herausrieseln zu lassen, das kann ein E-Book nicht. Ich bevorzuge, bis auf Weiteres, das gedruckte Buch.

Cornelie Hildebrandt, Schülerlesetage

zu 1.: Ausschließlich im lokalen Buchhandel, am liebsten bei Hugendubel, aber auch Thalia oder Laura. Nie Internet!

zu 2.: Die gute Beratung! Vor Weihnachten verlasse ich mich auf die Tipps der stets gut informierten Buchhändlerinnen und kaufe danach ein. Toll finde ich auch, dass man eilige Bücher per E-Mail bestellen kann und dann ins Haus geliefert bekommt - ohne Aufpreis! Auch liebe ich die Lesungen, die Hugendubel und Thalia organisieren und besuche diese sehr gerne. Sehr schön finde ich es auch, in den gemütlichen Cafés der Buchhandlungen zu sitzen und dabei zu schmökern.

zu 3.: Kommt, wie gesagt, sehr selten vor (manchmal bei Filmen oder Musik-CD´s). Einziger Vorteil: Der Preisvergleich. Kostet aber auch viel Zeit

zu 4.: Nach wie vor Bücher, ich mag das Sinnliche daran: Den Geruch, das Umblättern der Seiten, das Gefühl, das Buch in den Händen zu halten. Über die Anschaffung eines E-Books denke ich wegen des Urlaubs nach: Eine Frage des Gepäcks. chb

 
Verkaufte Bücher

Laut Marktanalyse des Instituts für Demoskopie Allensbach lesen die Deutschen immer noch gerne. Im Jahr 2013 kauften 67 Prozent der befragten Frauen und 53 Prozent der befragten Männer Bücher.

Beachtlich, aber noch überschaubar, ist der Trend zum E-Book: 2014 lasen 5,3 Prozent der Deutschen ihre Bücher elektronisch, 2013 waren es noch 3,3 Prozent, 2012 nur 2,6 Prozent.

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