Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Göttinger Déjà-Team fahndet via Facebook auf eigene Faust

Rechtlich bedenkliche Suche Göttinger Déjà-Team fahndet via Facebook auf eigene Faust

„Diese beiden Personen werden wegen Raubes und schwerer Körperverletzung gesucht.“ So behauptet es das „Déjà-Team“ auf seiner Facebook-Seite. Dazu abgebildet sind die Fotos von zwei Gästen, über die behauptet wird, solcher Taten verdächtig zu sein.

Voriger Artikel
Erste Ladesäulen für E-Fahrzeuge in Adelebsen und Gleichen
Nächster Artikel
Adelebser Kirchengemeinde setzt auf digitales Instrument

Das Göttinger Nachtlokal Déjà in Göttingen.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Einmal davon abgesehen, dass die Hobby-Fahnder des Göttinger Nachtlokals das Strafgesetzbuch nicht kennen, weil ein Fausthieb eben keine „schwere Körperverletzung“ ist, dürften sie sich auch mit der Veröffentlichung der Bilder keinen Gefallen getan haben. Denn jetzt gilt es, mehrere Straftaten aufzuklären: Die der vermeintlichen Räuber und die derer, die widerrechtlich Fotos mit unbewiesenen Verdächtigungen veröffentlichen. Denn die Déjà-Freunde werden auch noch aufgefordert, die widerrechtliche Veröffentlichung der Fotos weiter zu teilen. Selbst der Polizei sind solche Fahndungsmethoden in der Regel nur nach schweren Straftaten und nach richterlichem Beschluss erlaubt.

Passiert ist nach derzeitigem Erkenntnisstand der Polizei dies: Am frühen Morgen des 2. März sollen zwei Gäste, die bis gegen 2.25 Uhr Bier in dem Club getrunken hatten, das Lokal verlassen haben, ohne zu bezahlen. Etwa 40 Euro blieben sie dem 30 Jahre alten Thekenmitarbeiter schuldig. Der 30-Jährige folgte den Zechprellern auf die Straße und stellte sie an der Ecke Düstere Straße, Turmstraße zur Rede.

Ein Gast war dem Deja-Mitarbeiter gefolgt und wurde Zeuge, was nun geschah. Einer der beiden säumigen Gäste rückte nach und nach etwas Geld heraus. Schließlich waren die geforderten 40 Euro beisammen. Der Unbekannte habe sich abgewandt, dann aber plötzlich wieder umgedreht, zugeschlagen, den Barkeeper damit zu Boden gestreckt und ihm das Geld angeblich wieder entrissen. Auch ein weiterer Gast, der einzugreifen versuchte, sei durch einen Tritt verletzt worden. Die beiden mutmaßlichen Zechpreller flohen dann in Richtung Tunnel Nikolaistraße.

Was die Sache pikant macht, ist der Versuch der Gastronomen, nun auf eigene Faust zu fahnden. Ein anderer Gast hatte nämlich in dem Lokal zuvor aus Spaß mit seinem Handy fotografiert, und dabei hatte auch der spätere Hauptverdächtige in Boxer-Manier posiert. Diese Fotos stellten die Beraubten nach der Flucht der beiden unbekannten Gäste einfach ins Netz und behaupteten, das seien gesuchte Räuber.

Privater Fahndung können Schadensersatz und Strafe folgen
A. Schneehain

A. Schneehain

Quelle:

Der Jurist sieht solche Aktionen kritisch. Das könne nicht nur teuer werden, so der promovierte Rechtsanwalt Alexander Schneehain, sondern auch strafrechtliche Konsequenzen haben. Zunächst könnte eine Urheberrechtsverletzung vorliegen, wenn der Fotograf der Bilder sie nicht freigegeben hat. Abmahnung, Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche könnten die Folge sein.

Sollten die Fotos ohne Einverständnis der Abgebildeten aufgenommen worden sein, liegt eine Verletzung des Gesetzes betreffend das Urheberrecht an Werken der bildenden Künste und der Fotografie vor. Sollte der Abgebildete aber bewusst posiert haben, wäre daraus auf ein so genanntes „konkludentes Einverständnis“ zu schließen.

Dann resultiert aus der reinen Veröffentlichung des Fotos noch keine Rechtsverletzung. Dass aber die Abgebildeten mit Raub und Körperverletung in Zusammenhang gebracht werden und einer sogar „Haupttäter“ genannt wird, legt nahe, dass hier kein Einverständnis für die Veröffentlichung vorliegt. Die Bilder trotzdem zu verbreiten, ist sogar strafbewährt und kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden. Das Wort „Räuber“ könne zudem als Beleidigung, als üble Nachrede, Verleumdung oder falsche Verdächtigung ausgelegt werden. Zudem könne es zivilrechtliche Schadensersatzansprüche geben, wenn der Aufruf beispielsweise zu seelischen Schäden der Abgebildten geführt hat, sagt Schneehain.

Und wie wäre es richtig gelaufen? Die Bilder hätte man der Polizei und Staatsanwaltschaft überlassen und die Ermittlungsbehörde hätte bei hinreichend klarem Verdacht einen Veröffentlichungsbeschluss beim Amtsgericht Göttingen erwirken können. Das hätte allerdings vorausgesetzt, dass überhaupt eine Straftat von erheblicher Bedeutung vorliegt. Das wiederum kann nur ein Richter entscheiden. „Hier zeigt der Gesetzgeber“, erklärt der Jurist, „dass er erkannt hat, mit welchen Belastungen eine solche Veröffentlichung einher gehen kann.“ Privatfahnder via Facebook jedenfalls duldet die deutsche Gesetzgebung nicht.

 
Der Aufruf des Déjà-Teams auf Facebook (Bilder wurden von der Redaktion gepixelt)
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Tanzende Schneeflocken im "Kauf Park"