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Göttinger Fachforum über minderjährige Flüchtlinge

„Kinder dieser Welt“ Göttinger Fachforum über minderjährige Flüchtlinge

Unter der Devise „Kinder dieser Welt“ haben am Donnerstag rund 150 Gäste über den Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen diskutiert. Mit dem Fachforum wollten Göttinger Wohlfahrtsverbände unter anderem Betreuer, Sozialarbeiter, Lehrer, Verwaltungsmitarbeiter und Polizisten ins Gespräch bringen.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Einen Anstieg der Zahl der minderjährigen Flüchtlinge erwarteten alle Referenten des Fachforums. Und so interpretierte Organisator Volker Bullwinkel von der „Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtpflege von Stadt und Landkreis Göttingen“ (AWG) den vollen Göttinger Ratssaal als Signal für den Handlungsbedarf, der bei Kitas, Schulen und späteren Ausbildungsbetrieben bestehe.

Unter anderem sprach deshalb Julia Schneeweiß von der Bonveno gGmbH über ihre Erfahrungen bei der Kinderbetreuung in Göttinger Flüchtlingsunterkünften. Ihr zufolge seien besonders Kindertagesstätten und Schulen zentral für den Spracherwerb. Gemeinsam mit Ehrenamtlichen organisiert sie bei Bonveno außerdem eine Nachmittagsbetreuung „wo Kinder Kinder sein können und dabei Deutsch sprechen“. Dabei sei die Situation der Flüchtlingskinder unterschiedlich: „Einige sind euphorisiert, dass sie endlich hier sind, bei anderen kommen unangenehme Erinnerungen wieder.“ Dass dann die Probleme von Depressionen und Konzentrationsstörungen bis hin zu traumatischen Belastungsstörungen reichen können, erläuterte Christine Kießling von der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Asklepios Fachklinikums Göttingen. Gerade bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) sei jedoch die Diskrepanz zwischen der erwarteten Integration und der Realität groß: „Ich habe doch meine Familie verloren, was macht das denn jetzt für einen Sinn,“ zitierte sie einen ihrer Patienten.

Den Umgang damit beschrieb Christian Stoll von der Jugendhilfe Südniedersachsen: Neben einer festen Tagesstruktur samt Schulbesuchen und möglichst dezentraler Unterbringung brauche es dafür ein Vertrauensverhältnis mit einer klaren pädagogischen Haltung, die Grenzen aufzeige ­­— auch mit Hilfe von Polizei und Staatsanwaltschaft. Zugleich sei er sich sicher, dass die meisten seiner Schützlinge den Wunsch haben, einen Beruf zu erlernen, was ihm zufolge noch häufig an Sprachproblemen scheitert. hö

Interview

Die Kinder- und Jugendpsychaterin Christine Kießling arbeitet im Schwerpunktbereich „Kulturen, Migration und psychische Krankheiten“ des Asklepios Fachklinikums Göttingen und Tiefenbrunn. Junge Flüchtlinge kommen mit Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und anderen Erkrankungen zu ihr.

 

Wie geht es jungen Flüchtlingen, die gerade ihre Flucht hinter sich haben und jetzt in Deutschland leben?

 

Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt unter anderem darauf an, was sie selber für einen Hintergrund mitbringen, was sie erlebt haben und auch über welchen Fluchtweg sie nach Deutschland gekommen sind. Wenn Familien mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen sind, ist das etwas anderes, als wenn sie beispielsweise über Schlepper vermittelt unterwegs waren.

Auch ist es ein Unterschied ob noch Kontakt zur Familie besteht, ob Angehörige,  auch unterwegs, gestorben sind und wie die aktuelle Situation im Herkunftsland ist.

 

Was können Sie denn machen, wenn Unterstützungsbedarf besteht?

 

Ich glaube, das Erste ist, dass man anerkennt  dass dies eine schwierige Situation ist und nicht  nur sagt: Du musst jetzt sofort ganz viel schaffen. Beispielsweise könnte man sagen:  Ja, du hast eine schwierige Situation, du darfst dir an bestimmten Stellen auch selbst leid tun aber wir können gemeinsam schauen wie du einen Weg findest, damit umzugehen.

Letztendlich ist es für den Jugendlichen wichtig kleine Ziele ins Auge fassen zu können um eine Perspektive in der jetzigen Lebenssituation überhaupt wieder fantasieren zu können

 

Wie geht es denn weiter?

 

Nicht alle Jugendlichen bleiben fortwährend in Behandlung, es gibt einige, die sich schnell stabilisieren. Andere benötigen dafür Jahre, das ist individuell sehr unterschiedlich. Einige werden die Erfahrungen sicherlich über eine längere Zeit begleiten. Es darf nicht vergessen werden, dass es ein  Lebensthema sein kann, wenn Jugendliche ihre Familie verlieren oder nicht wissen, was mit ihr passiert ist. Die Praxis zeigt aber, dass viele Jugendliche mit ihren Ressourcen und  mit Unterstützung  der Helfersysteme für sich einen Weg finden, mit der doch auch sehr schwierigen Situation umzugehen. Das heißt aber nicht, dass sie die Thematik dann nicht mehr beschäftigt.

 

Wie ist denn die Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge?

 

Viele Jugendliche hätten sicherlich einen therapeutischen Unterstüztungsbedarf, aber nicht alle Jugendlichen können oder wollen dies in der aktuellen Situation für sich nutzen. Auch sind nicht alle Jugendlichen mit traumatischen Erlebnissen darauf angewiesen. Sicher spielt auch das Bild und das Wissen das der einzelne Jugendliche von Psychiatrie und Psychotherapie hat eine Rolle. Der Verlust oder die Trennung von der Familie, ist —unabhängig vom therapeutischen Unterstüzungsbedarf der Jugendlichen— mit Sicherheit für alle unbegeleiten Jugendlichen mit Fluchthintergund ein Thema.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016