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Göttinger Gebäude gefalzt und geklebt

Schiffe, Autos und Häuser aus Papier Göttinger Gebäude gefalzt und geklebt

Es war eine geniale Marketing-Idee: Die Einlegpappen, mit denen die frisch gebügelten und auslieferungsbereiten  Hemden der Göttinger Traditionswäscherei Schneeweiß in Form hielten, waren nicht einfach nur weißer Karton, sondern bedruckt – als Modellbaubögen, aus denen kleine oder auch große Bastler Häuser, Autos oder auch Flugzeugmodelle ausschneiden, falzen und kleben konnten.

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Erst zwei-, dann dreidimensional: „Schneeweiß“-Kiosk der Göttinger Sparkasse mit Wäschereibus – alles aus Papier.

Quelle: EF/Schmidt

Göttingen. Auf der Modellbaubörse in Weende am Sonntag, 28. Oktober, sind in einer Sonderausstellung viele der längst vergessenen und vergänglichen Bögen und fertige Modelle zu sehen.

Gerade in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebte der Modellbau aus Papier oder Karton eine Blütezeit: Modellhäuschen aus Plastik waren noch nicht erfunden und danach in ihrer Anfangszeit viel zu teuer. So wurde damals manche Modellbahnanlage durch preiswerte Papierhäuschen aufgehübscht.

Ob groß oder klein: Ein bisschen Bastel-Begabung musste man schon mitbringen. Zu schnell war das ersehnte Modell durch einen falschen Schnitt, eine missglückte Falzung oder durch Klebstoffkleckerei versaut. Gänzlich kostenlos ließen sich die eigenen Fertigkeiten mit den „Schneeweiß“-Modellen erproben.

Dazu kooperierte die Wäscherei mit der Firma Heise Modellbau aus Holtensen, die neben den eigenen Modellen in den 50er- und 60er-Jahren auch die bedruckten Bögen zum Verpacken gewaschener und gebügelter Oberhemden produzierte. Insgesamt sollen etwa 50 verschiedene Drucke gefertigt worden sein. Den besonderen Charme der „Schneeweiß“-Bögen machte aus, dass viele Gebäude aus Stadt und Region als Vorbild dienten.

So wurden unter anderem ein Kiosk mit einer Geschäftsstelle der Sparkasse Göttingen, das Auditorium der Uni, die Burg Ludwigstein oder der Bismarckturm angeboten.

Die Wäscherei verband ihren Einfall mit einer weiteren Werbeidee für die Nicht-Bastler unter ihren Kunden: „Bei Rückgabe von 150 guten Pappeinlagen“, war auf den Bögen aufgedruckt, „werden 3 Sport- oder Oberhemden kostenlos gewaschen und gebügelt.“

Schneeweiß oder original Heise: Viele der mittlerweile 50 bis 60 Jahre alten Göttinger Modelle sind am kommenden Sonntag in der Sonderausstellung der Börse für Modelleisenbahnen und -autos zu sehen. Den Organisatoren um Cornelia Schmidt gelang es auch, aus einem Nachlass einige Handarbeiten eines phantasiebegabten Bastlers vor der Mülltonne zu retten.

Der Kasseler hatte in Ermangelung entsprechender Handels-Modelle seinen Traum-Lastwagen in aufwendiger Weise komplett aus Pappe (bis auf die Räder) nachgebaut – im Maßstab von etwa 1:20 und mit einem bis heute erstaunlichen Detaillierungsgrad.

Kommerzielle Modellbaubögen gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Wegen des niedrigen Preises wurden sie schnell populär und in hohen Stückzahlen verkauft. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen viele Herausgeber von Magazinen, ihren Heften Modellbaubögen beizulegen.  Mit dem Aufkommen preiswerterer Plastikmodelle in den 50er- und 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts jedoch verloren Kartonmodelle ihre Bedeutung und wurden Nischenprodukte.

Seit mehr als einem Jahrzehnt erlebt der Modellbau aus Papier eine Renaissance. Durch Techniken wie fotorealistischen Laserdruck oder Papierprägung erreichen Kartonbögen mittlerweile eine höhere Detaillierung und Naturtreue als Plastikmodelle. So werden heute Architektur- oder Schiffsmodellbaubögen mit mehr als 7000 Einzelteilen angeboten – so beispielsweise das deutsche Schlachtschiff „Bismarck“.

Die Modellbörse am Sonntag, 28. Oktober, in der neuen Festhalle Weende ist samt Sonderausstellung Papiermodelle von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Gibt jemand einen alten Heise-Bogen ab, erhält er freien Eintritt. Für Kinder liegen kopierte Bögen zum Ausprobierem bereit.

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