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Göttinger Gustavo Moreno Morales hilft an Grenze und schläft im Flüchtlingslager

Grenzgänger Göttinger Gustavo Moreno Morales hilft an Grenze und schläft im Flüchtlingslager

Beim Meditieren hatte er die Eingebung, helfen zu müssen. Der Göttinger Gustavo Moreno Morales hatte Bilder von Flüchtlingstrecks im Kopf, packte kurz entschlossen sein Auto und fuhr am nächsten Tag direkt an die deutsch-östereichische Grenze.

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Der Göttinger Gustavo Moreno Morales

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Das war vergangene Woche. Jetzt ist der gebürtige Kolumbianer wieder in Göttingen, rührt seinen Cappuccino um und erzählt von seinen Erfahrungen.

Nach 615 Kilometern erreicht Morales am Donnerstag Wegscheid in der Nähe von Passau. Zu Fuß passiert er die Grenzbrücke zu Österreich, in zwei Tragetaschen hat er Äpfel für die Flüchtlinge. „Dieser Augenblick war sehr ergreifend“, erzählt Morales. Geduldig verteilt er Äpfel, die Empfänger danken höflich.

Einem kleinen Jungen überreicht er einen Fußball. Der Helfer aus Göttingen beobachtet, fotografiert, und macht sich Gedanken. „Einige Männer trugen nur Plastiktüten um die Füße, sie hatten keine Schuhe“, berichtet er.

Inzwischen ist es 22 Uhr und kalt. Seit 10 Uhr morgens warten die Flüchtlinge auf Busse, die jetzt nacheinander die Grenze erreichen. Kein Gedränge, kein Geschiebe. Viele Kinder schlafen auf Decken und werden von ihren Eltern mitgezogen, wenn sich die Schlange ein Stück vorwärts bewegt. Gustavo Moreno Morales holt weitere Spenden aus dem Auto. Um den Jungen mit dem Ball hat sich inzwischen ein Fußballspiel entwickelt, etwa 30 Wartende kicken fröhlich.

Das freut Morales, denn er ist Sportlehrer. Er will noch dichter an die Flüchtlinge und es gelingt ihm, sich in eine Flüchtlingsunterkunft einzuschleusen. Auf dem Boden breitet er Schlafsack und Isomatte aus, Ruhe findet er aber nicht. Erst um 1 Uhr wird das Licht gelöscht, einige schnarchen laut, Kinder weinen. Neben ihm wimmert eine Frau, leise schluchzt sie die ganze Nacht. „Es war schlimm, das zu hören“, sagt Morales betroffen.

Anschluss findet er bei einer syrischen Familie, die vor Bombenangriffen geflohen ist. Die 22-jährigen Zwillinge hatten in Syrien studiert, Zuflucht im arabischen Sprach- und Kulturraum fanden sie aber nicht, auch aus Wien wurden sie bis an diese Grenze weitergeschoben. Die gefährliche Überfahrt sei im Vergleich zu früher erschwinglich: Vor zwei Jahren kostete sie zwischen 7 000 und 9 000 Euro, jetzt käme man bereits für 1 000 Euro auf ein Boot.

Gustavo Moreno Morales hat fürs erste genug gehört und gesehen. „Die meisten Gesichter wirkten so starr, sie müssen schlimmes erlebt haben“, vermutet er. Nach wenig Schlaf und vielen Eindrücken verteilt Morales die restlichen Spenden und fährt noch am selben Tag zurück nach Göttingen. Im Gepäck hat er viele Gedanken, wie er Flüchtlingen nach ihrer Ankunft in Göttingen helfen will und erklärt als erstes Fazit aus seinen Erfahrungen: „Ich will mit ihnen viel Sport machen.“

kw

Zur Person

Gustavo Moreno Morales ist Vorsitzender vom Partnerschaftsverein für Entwicklungsförderung in Lateinamerika (PELAM). Die Spenden verteilte Morales im Namen des Vereins.

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