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Göttinger Hochschullehrer über seine Zeit in Äthiopien

Fasziniert von Land und Kultur Göttinger Hochschullehrer über seine Zeit in Äthiopien

Die Computer sind virenverseucht, die Toiletten kaputt, die Uni-Verwaltung bürokratisch, das durchschnittliche Wissensniveau der Studenten niedriger als das ihrer deutschen Kommilitonen. „Es ist leicht, sich negativ über das äthiopische Hochschulwesen zu äußern. Das wird dem Land aber in keiner Weise gerecht“, meint Prof. Achim Ibenthal (51), der seit 2006 an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Kunst in Göttingen Medientechnik lehrt. 2014 hat er sechs Monate lang an der Universität im äthiopischen Adama als Gastdozent des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes unterrichtet.

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Achim Ibenthal im Kreise seiner Studierenden im äthiopischen Adama.

Quelle: EF

Göttingen. „Das Bildungswesen funktioniert erstaunlich gut, wenn man sich die Entwicklung der Einwohnerzahlen Äthiopiens vor Augen hält“, sagt Ibenthal. Sie hat sich seit 1991 auf heute fast 100 Millionen Menschen verdoppelt.

Zwei Drittel der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre. 1962 entstand die erste Universität. Heute gibt es 34 Hochschulen. Der Unterricht erfolgt ab der fünften Klasse auf Englisch. Da Äthiopien nicht über genügend eigene Akademiker verfügt, wirbt es Ausländer an.

Insbesondere promovierte Inder kommen. „Für sie ist ein Gehalt von 3000 Dollar im Monat lukrativ“, sagt Ibenthal. Deutsche Doktoren der Ingenieurswissenschaften verdienten in der Industrie deutlich mehr. Ibenthal, der 17 Jahre in leitender Funktion in der Industrie gearbeitet hat, weiß das aus eigener Erfahrung.

So hilft Deutschland vor allem bei der Ausstattung der Universitäten. „Es gibt allerdings in Äthiopien zu wenig Fachleute, die kaputte Geräte reparieren können“, hat Ibenthal beobachtet. Die Folge: Viele eigentlich funktionsfähige Hilfsgüter fallen nach einiger Zeit aus.

Fasziniert seit seiner Jugend

Handlungsbedarf sieht der Professor zudem bei der Betreuung der Studenten. Sie stammten aus Großfamilien und seien in der Stadt erstmals auf sich alleingestellt. Mit einem Mentoren-Programm ließe sich das Niveau erheblich steigern.

Ibenthal will als Hochschullehrer nach Äthiopien zurückkehren. Afrika fasziniert den Wissenschaftler seit seiner Jugend. Insbesondere die Reggae-Musik und die ihr zugrundeliegende Rastafari-Bewegung haben es ihm angetan. Die Bewegung entstand in den in der 30er Jahren auf der Karibik-Insel Jamaica. In ihr spielt Äthiopien eine zentrale Rolle, das einzige afrikanische Land, das nie kolonisiert worden ist.

Die Identifikation mit Äthiopien und dem dort 1930 gekrönten Kaiser Haile Selassie gab den kulturell entwurzelten Nachfahren schwarzer Sklaven eine neue Identität, erläutert der Professor. Der Kaiser, der 1966 Jamaica besuchte, erlaubte einigen Rastas sich im äthiopischen Shashemene anzusiedeln. Dort leben heute 2000 Rastas. Es gibt eine lebendige Reggae-Szene. Ibenthal, der selbst Musiker ist und die charakteristischen Dreadlocks der Rastas trägt, will in Äthiopien auch ein Tonstudio einrichten.

Von Michael Caspar

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