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Kutscherverein gibt die Zügel aus der Hand

Verein nach 120 Jahren aufgelöst Kutscherverein gibt die Zügel aus der Hand

Der Göttinger Kutscherverein hat sich nach 120 Jahren aufgelöst. Der Verein zählte bei seiner letzten Sitzung Ende Januar nur noch 14 Mitglieder mit einem Durchschnittsalter von 80 Jahren, Vereinsnachwuchs gab es nicht. Eberhard Scholz und Karl-Heinz Fuhrmann erinnern sich an eine bewegte Zeit.

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Karl-Heinz Fuhrmann (l.) und Eberhard Scholz.

Quelle: Harald Wenzel

Göttingen. „Das Haus war immer voll, egal was wir gemacht haben“, erzählt Scholz. Er hatte 40 Jahre den Vereinsvorsitz inne, Fuhrmann war sein Stellvertreter. Mit Kutschen haben sie allerdings wenig zu tun: „Wir sind Benzinkutscher“, lachen die beiden. Der letzte Kutscher, der als solcher auch gearbeitet hat, ist in den 1970er Jahren gestorben.

Im Mittelpunkt des Vereinslebens standen gemeinsame Unternehmungen und Tanzveranstaltungen. Mitglieder konnten nur Männer werden, so stand es in den Vereinsregeln von 1895, die in diesem Punkt nie angepasst wurden. Da ist Scholz resolut: „Es gab zu viel Durcheinander mit den Damen“, sagt er. Die waren aber als sogenannte Vereinsdamen bei allen Unternehmungen dabei.

Er selbst hatte einen Antrag stellen müssen und brauchte einen Fürsprecher, um 1960 in den Verein aufgenommen zu werden. Ende der 1950er-Jahre hatte der Verein mit über 120 Mitgliedern seine große Zeit. „Weil früher getanzt wurde“, erklärt Scholz den Mitgliederzulauf. Und sie tanzten, sonnabends und sonntags, oder gingen mit dem Bus auf Reisen.

Es entstanden jahrzehntelange Freundschaften, auch zu anderen Vereinen. Es gab gemeinsame Tanzveranstaltungen mit den Schützen der Kyffhäuser Kameradschaft, und die Göttinger Kutscher griffen dafür zum Gewehr: „Dann haben wir im Gegenzug zweimal im Jahr geschossen“, erklärt Scholz.

Scholz und Fuhrmann schwelgen in Erinnerungen. Sie erzählen, wie sie Ausfahrten geplant haben, wie sie von ihren Mitgliedern um große Schweinehaxen beschummelt wurden und von kleinen Anekdoten von Reisen. Und sie erinnern an das Stiftungsfest zum hundertjährigen Vereinsbestehen, zu dem 600 Gäste kamen.

Zu Vereinssitzungen wurde ein symbolisches Pferd mit Banner auf den Tisch gestellt. Gegründet wurde er als Unterstützungsverein für Kutscher und Hoteldiener. Als späterer Geselligkeitsverein hatte er Mitglieder aus allen Berufsgruppen. Das erste Vereinslokal war der Frankfurter Hof, der während des Zweiten Weltkriegs vollständig zerbombt wurde.

Die Vereinsfahne wurde aus den Trümmern geborgen und nach Kriegsende im Deutschen Garten neu gehisst. Zuletzt trafen sich die Mitglieder vom Kutscherverein im Klosterkrug in Nikolausberg. „Etwas nachtrauern tun wir dem schon“, sagen Scholz und Fuhrmann leise, aber so richtig getanzt wurde zum letzten Mal vor sechs Jahren. Und das nur noch zu Schallplattenmusik.

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