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Als Bob Dylan Jesus begegnete

Heinrich Detering über die Konversion des Musikers Als Bob Dylan Jesus begegnete

Bob Dylan ist Jesus Christus in einem Hotelzimmer begegnet - so hat es der Musiker und Literaturnobelpreisträger selbst erzählt. Über die Konversion Dylans vom Judentum zum Christentum hat der Göttinger Literaturwissenschaftler Prof. Heinrich Detering in der katholischen Kirche St. Michael gesprochen.

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Der Musiker Bob Dylan hat mit seinem Bekehrungseifer viele Fans vor den Kopf gestoßen.

Quelle: dpa

Göttingen. Während einer Lebenskrise, am Rande geistiger und körperlicher Erschöpfung, findet Dylan während eines Konzerts im November 1978 auf dem Boden ein Metallkreuz, das ein Zuschauer auf die Bühne geworfen hat. Er steckt es ein und behält es in seiner Tasche. In einer der folgenden Nächte widerfährt ihm in einem Hotelzimmer eine Offenbarung, in der sich ihm Jesus Christus als sein Herr und Retter zu erkennen gibt - für Dylan ein körperliches Erlebnis, wie er später sagt.

„Das war es, das war alles, und es hat alles verwandelt“, so Detering. Eine neue, radikale Wandlung des Musikers beginnt, „mit aller Konsequenz und ohne Rücksicht auf Verletzungen und Verluste“. Dylan besucht monatelang eine „evangelikale, aber betont undogmatische freie Kirchengemeinde“ am Rande von Los Angeles. Eine Besonderheit der Gemeinde ist deren Offenheit für jüdische Konvertiten - die Überzeugung, dass Juden im Bekenntnis zu Jesus als dem Messias ihr Judentum vollenden. Dylan lässt sich schließlich taufen. Im November 1979 beginnt er eine Serie von Konzerten, „in denen er sich beharrlich weigert, auch nur einen einzigen seiner früheren Erfolge zu spielen“. Stattdessen gibt es neue Songs, in denen er den Herrn preist und zur Buße angesichts des bevorstehenden Weltgerichts mahnt. Die Folge: Jubel einer kleinen frommen Zuhörerschar und ansonsten Proteste und Widerstand - ein Desaster für Dylans Karriere. „Was ihm selbst als eine Befreiung von den Obsessionen der gescheiterten politischen Hoffnungen und Hippie-Träume erscheinen mochte“, so Detering, „das sah in der Außenansicht aus wie eine Kapitulation vor dem rechten Zeitgeist.“

Es gebe keinen Grund, die Glaubwürdigkeit von Dylans Erzählung zu bezweifeln, aber zugleich folge sie auch zwei grundlegenden Mustern, analysierte Detering. Das eine sei das biographische: Immer wieder habe Dylan überraschende Wendungen vollzogen und zuvor wie ein Schwamm neue Impulse aufgesogen. Das andere Muster sei ein pietistisches Bekehrungsschema, das aus einer festen Abfolge von Schritten bestehe, zu der auch der Misserfolg in der Welt und die Verstoßung durch die alten Freunde gehörten.

Als Dylan für „Slow Train Coming“, das erste Album seiner „religiösen Phase“, mit einem Grammy ausgezeichnet wird, sei das für ihn daher der falsche Erfolg gewesen. Um dem Bekehrungsschema zu entsprechen, habe Dylan die Provokation verstärkt und das Cover des zweiten Albums dieser Phase, „Saved“ von 1980, mit einer Zeichnung von „so haarsträubend geschmacklosem Bekehrungseifer“ ausgestattet, „dass sie auch die geduldigsten Fans vor den Kopf stößt“. Im dritten Album der Phase, „Shot of Love“ von 1981, seien die religiösen Sujets schon nicht mehr exklusiv vertreten gewesen. Während der „religiösen Phase“ habe Dylan sich ein weites musikalisches Neuland erschlossen, so Detering in seinem mit Hörbeispielen untermalten Vortrag.

Der Literaturwissenschaftler und Dylan-Fan machte anhand einer Reihe von Beispielen aus dem Werk des Musikers allerdings auch deutlich, dass Dylans Konversion schon eine lange Vorgeschichte hatte. Und die christliche Orientierung reiche weit über die „religiöse Phase“ hinaus. Immer wieder streue Dylan in sein vielschichtiges, verwobenes Werk christliche Elemente ein, nur vom missionarischen Furor habe er sich nach 1981 verabschiedet.

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