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Für ein Wochenende UN-Diplomat sein

Göttinger Model United Nations Für ein Wochenende UN-Diplomat sein

Einmal in die Rolle eines Diplomaten schlüpfen: das testen 137 Teilnehmer der Model United Nations (MUN) Konferenz in Göttingen. Vom 15. bis 18. Juni lautet das Motto im Oeconomicum der Georg-August-Universität „Make the UN Great Again? Striving for Global Unity“.

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Auftakt des Göttinger MUN-Kongresses am Donnerstag: Eine Teilnehmerin argumentiert in der Rolle von Kanada für eine bessere Verteilung von Nahrungsmitteln.

Quelle: Holstein

Göttingen. „Nahrungssicherheit ist furchtbar wichtig für die Vereinigten Staaten von Amerika. Wir sind so traurig, dass so viele Kinder hungern müssen. Jedes Kind sollte doch die Möglichkeit haben, einen Burger zu essen, wenn es einen möchte“, sagt Olga Komorowski, die für diese MUN-Konferenz im simulierten G20-Gipfel für die USA argumentiert. Die Anzahl der englischen Vokabeln „tremendously“ und „great“ lässt sich kaum zählen. Rollende Augen, Kopfschütteln und teilweise Gelächter erntet sie dafür. Komorowski hatte sich zuvor für Brasilien beworben, aber bis kurz vor Beginn der Veranstaltung wollte niemand die USA vertreten. „Also bin ich eingesprungen. Meine Vorbereitung war glaube ich die beste Vorbereitung, die man für Trump haben kann: gar keine“, erzählt die 20-jährige Politikstudentin aus Hamburg. Die vom US-Präsidenten Donald Trump geäußerten Standpunkte seien von ihren meilenweit entfernt.

Internationaler Gerichtshof, Menschenrechtsrat und mehr

Aber darum geht es bei der MUN-Konferenz: Ein Land zu vertreten, mit dessen Position die Studierenden sich nicht identifizieren können, das ist eine große Herausforderung. „Aber gerade, wenn man der Buhmann in der internationalen Öffentlichkeit ist, wird es spannend“, findet Anne Reinhard, Pressesprecherin der MUN-Hochschulgruppe Göttingen.

Neben dem G20-Gipfel werden fünf weitere Gremien nachgespielt. Der Abrüstungs- und Internationale Sicherheitsrat, der Menschenrechtsrat, die Organisation Amerikanischer Staaten, der Vereinte Nationen-Sicherheitsrat und der Internationale Gerichtshof. Die Teilnehmer debattieren über verschiedenste Themen, wie Menschenrechtsverletzungen in Tibet, der Fall Deutschland gegen die USA oder territoriale Dispute am Arabischen Golf.

Es gibt Beginner-Gremien wie den Menschenrechtsrat, in dem vor allem Teilnehmer erwünscht sind, die zum ersten Mal teilnehmen. Es wird in allen Gremien Englisch gesprochen. Die Göttinger MUN-Gruppe veranstaltet in diesem Jahr die neunte Konferenz. „Ich habe vorher nie gedacht, dass das so viel Arbeit ist. Wir haben letztes Jahr zwei Wochen nach der Konferenz mit der Planung der nächsten angefangen“, erklärt die 24-jährige Reinhard. Für sie ist es die vierte Konferenz, die sie mitorganisiert. Dass sie sich mit ihrem Organisationsteam im Juli 2016 für das Motto „Make the UN Great Again?“ entschieden habe, hätte schief laufen können. „Wenn Trump die Wahl nicht gewonnen hätte, wäre das Motto nicht cool gewesen. Wir haben es zwar nicht gehofft, aber irgendwie war es für uns dann eine Glückssache“, sagt Reinhard.

Beliebt oder nicht: Repräsentation muss sein

Für sie ist der Reiz an Model United Nations, dass man die Geschehnisse auf der Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann. Als Beispiel nennt die Pressesprecherin den Sicherheitsrat: „Man hat immer das Gefühl, da kommt nie ein Ergebnis zustande. Aber das ist auch einfach schwierig durch die fünf Veto-Mächte.“ Das sei auch ein Grund, warum sich viele Teilnehmer als Vertreter der Veto-Mächte und damit für die USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich im Sicherheitsrat bewerben. Auch weniger beliebte Länder müssen allerdings repräsentiert werden. Die 20-jährige Judith Barth stellt Saudi-Arabien im G-20-Gipfel dar. „Das ist schon spannend, sich da hineinzuversetzen. Die Weltpolitik ändert sich momentan ja am laufenden Band, gerade in Bezug auf Saudi-Arabien“, erklärt Barth. Sie versucht, so schwer es ihr auch anfangs noch fällt, in der Rolle zu bleiben. „Das wird mit der Zeit leichter“, sagt sie.

Am Ende des Debatten-Wochenendes verfassen die Nachwuchsdiplomaten, die aus 24 verschiedenen Ländern kommen - einige von ihnen sind extra angereist-, Resolutionen. „Da kommt es darauf an, wie sehr sich manche Nationen einbringen. Es kooperieren Länder, die im echten Leben wohl nicht miteinander arbeiten würden. Aber das macht manche Resolutionen auch besser als die, die in der realen UN entstehen“, erläutert Anne Reinhard.

Nachwuchsdiplomaten auf Probe

Model United Nations gibt Schülern und Studierenden die Möglichkeit, einen Einblick in die Arbeit der Vereinten Nationen (VN) zu erhalten. Bei den Konferenzen in unterschiedlichen Städten Deutschlands nimmt der Teilnehmer die Rolle eines Delegierten einer Nation an. Die Idee solcher Konferenzen kommt aus den USA. In den 60er Jahren kam das Projekt Model United Nations nach Europa. In Göttingen wurde die erste Konferenz 2008 veranstaltet. In simulierten Gremien, wie dem Sicherheitsrat oder der Generalversammlung, können die Nachwuchsdiplomaten debattieren. Den zu vertretenden Staat bekommt der Teilnehmer im Vorfeld zugewiesen, so dass er sich auf die Position vorbereiten kann. Persönliche politische Meinungen sollen hierbei nicht vertreten werden. In den Debatten wird sich an die formalen Regeln der Vereinten Nationen und die UN-Charta gehalten. Die Teilnehmer vertiefen sowohl ihre politischen Fachkenntnisse als auch ihre rhetorischen Fähigkeiten. Die Sprache auf den Konferenzen ist meist Englisch, teilweise wird auch Deutsch, Spanisch oder Französisch gesprochen. nho

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