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Göttinger Studentin hilft Erdbebenopfern in Nepal

„Ich wollte unbedingt für meine Freunde da sein“ Göttinger Studentin hilft Erdbebenopfern in Nepal

Das verheerende Erdbeben in Nepal hat viele Auswirkungen – manche davon sind auch in Göttingen zu spüren. Die Studenten des tödlich verunglückten Professors Matthias Kuhle sind wieder in Deutschland. Eine andere Göttinger Studentin ist geblieben, um zu helfen. Für beide Seiten gilt: Es gibt viel zu tun.

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Viele Familien sitzen auf den Trümmern ihrer Existenz: Hilfe kommt nur schleppend in den abgelegenen Ortschaften an.

Quelle: EF

Kathmandu/Göttingen. Seit Februar ist die Göttinger Studentin  Hai Ha Vu Thi in Nepal. Nach einem Praktikum in Kathmandu für die Organisation „Planète Enfants“ wäre sie eigentlich schon längst wieder zu Hause in Deutschland. Aber dann kam das Erdbeben und zerstörte weite Teile des Landes. Sie blieb unverletzt und hätte sofort zurückfliegen können in ihre Heimat. Aber die 22-Jährige blieb – um zu helfen. „Ich wollte unbedingt für meine Freunde da sein und Nepal in dieser schweren Zeit unterstützen. Ich habe Kathmandu und die Menschen hier so lieb gewonnen und konnte einfach nicht wahrhaben, was ihnen passiert ist“, sagt Vu Thi. „Ins Flugzeug zu steigen und den Menschen hier den Rücken zu kehren, vor allem meinen Freunden und Kollegen, war mir einfach total fremd.“

Ihre Familie war anfangs geschockt von ihrem Entschluss. Nach dem Erdbeben war sie nach quälenden Stunden der Sorge froh, dass es der 22-Jährigen gut geht. Und dann das: „Ich habe klargestellt, dass ich unter diesen Umständen nicht zurückfliegen kann und dass ich hier einen Beitrag leisten kann, um den Menschen zu helfen“, erzählt Vu Thi. „Meine Mutti wollte, dass ich sofort nach Deutschland fliege. Sie hat sich extrem Sorgen gemacht und mich ständig versucht zu erreichen. Aber sie hat es akzeptiert. Bis heute muss ich mich aber regelmäßig melden. Aber sie zählt die Tage, bis ich wieder in Deutschland bin. Man hört ja noch von Nachbeben, so dass die Sorgen absolut nicht verflogen sind.“

Seitdem ist die 22-Jährige ganz für die vom Erdbeben betroffenen Menschen da. Zuerst schloss sie sich unterschiedlichen Freiwilligengruppen an. Derzeit unterstützt sie eine Partnerorganisation von terre des hommes namens „We for Change“. Am Mittwoch versorgte sie 65 Familien mit Nahrung und Zelten. Am Freitag will sie mit anderen Helfern nach Sankhu zur Gemeinschaft Lambu Dada fahren. „Dort werden wir bis Sonnabend zelten. Wir wollen Toiletten bauen und eine Olympiade für die Frauen und Kinder veranstalten, da viele vom Erdbeben traumatisiert sind und auf andere Gedanken kommen müssen – vor allem die Kinder“, sagt Hai Ha Vu Thi.

In Kathmandu geht es ihren Angaben zwar wieder langsam voran. Die Menschen, die noch ihre Häuser haben, sind wieder eingezogen. Immer mehr Geschäfte öffnen. „Aber die Menschen sind noch immer vom Erdbeben gezeichnet. Bei jedem Anschein eines Erdstoßes rennen sie sofort nach draußen“, erzählt die 22-Jährige. In den abgelegenen Gebieten sei die Lage prekärer: „Es gibt noch immer Orte, wo die Hilfe noch nicht angekommen ist und die Menschen auf den Trümmern leben – zum Beispiel in Lambu Dada.Dort riecht es an einigen Stellen ganz streng, weil unter den Trümmern noch die toten Tiere liegen. Und so geht es wahrscheinlich sehr vielen Gemeinschaften. Die sind verzweifelt und wissen nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Und jetzt steht der Monsun an, das wird sehr hart.“

Viele internationale Organisationen seien vor Ort, um zu helfen, sagt die Studentin der Sozialwissenschaften aus Göttingen. „Aber nach meinem Wissen werden viele weggeschickt von der nepalesischen Regierung. Diese wird auch von der Bevölkerung stark kritisiert, weil sie Geld einbehalten und ungerecht verteilen soll. Ich glaube nicht, dass die Regierung genug tut, um den wirklich betroffenen Menschen zu helfen.“

Freiwilligengruppen wie ihre seien daher meist selbstorganisiert. Vor allem die Jugendlichen in Nepal seien sehr engagiert – „auch diejenigen, die viel verloren haben“. Helfer wie sie fragten die Betroffenen direkt vor Ort nach ihren Bedürfnissen. Das sei extrem wichtig. „Die internationale Gemeinschaft hat zum Beispiel Thunfisch geschickt. Wozu Thunfisch? Das brauchen die Menschen hier nicht“, sagt Vu Thi.

Die 22-Jährige bleibt noch bis zum 19. Mai in Nepal. „Ich freue mich natürlich, wieder meine Familie und meine Freunde zu sehen“, sagt Vu Thi. „Aber eigentlich würde ich am liebsten noch länger bleiben.“

Engagiert sich im Krisengebiet: Hai Ha Vu Thi aus Göttingen.

Engagiert sich im Krisengebiet: Hai Ha Vu Thi aus Göttingen.

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Zeit der Ungewissheit

Prof. Dr. Günter Reich, Leitender Psychologe der Psychotherapeutischen Ambulanz für Studierende (PAS), hat die Expeditionsgruppe am Flughafen Frankfurt abgeholt. Er und sein Team sind jetzt mit der psychologischen Betreuung der Gruppe betraut.

Was sind die Aufgaben der PAS?
Krisenintervention, Beratung, Behandlung, natürlich auch Diagnostik bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Wir sind eine Spezialambulanz für junge Erwachsene mit den für diese Altersgruppe typischen Krisen und Störungen. Wobei wir besonders die Verbindung von psychischen Störungen mit Lern- und Leistungsstörungen zum Schwerpunkt haben. Das junge Erwachsenenalter ist ein Alter, in dem eine ganze Reihe von psychischen Problemen auftreten kann. Depression ist die Hauptstörung, mit der wir konfrontiert sind. Dazu kommen Prüfungsangst, Lern- und Leistungsstörungen, Versagensängste, sozialer Rückzug, soziale Ängste, Substanzmissbrauch, aber auch pathologischer PC- und Internetgebrauch und Essstörungen.

Wie grenzen Sie sich von der psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerks (PSB) ab?
Wir sind psychotherapeutisch-medizinisch ausgerichtet. Wir gehören zur Universitätsmedizin und haben einige Ärztinnen und Ärzte im Team, die gegebenenfalls auch eine medikamentöse Mitbehandlung einleiten können. Sowohl die PSB als auch die PAS verzeichnen übrigens großen Zulauf. 2012 haben wir insgesamt 800 Patienten betreut, 2014 waren es rund 900. Die Nachfrage steigt.

Wie ist die Entscheidung getroffen worden, je einen Mitarbeiter der PAS und PSB zur Abholung der Studenten nach Frankfurt zu schicken?
Es gab ein Gespräch zwischen der Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel und dem Direktor unserer Klinik, Christoph Hermann-Lingen. Dort wurde besprochen, dass man die Studierenden und Angehörigen betreuen müsste. Die Angehörigen waren ja eine ganze Weile im Zweifel und wussten nicht, was mit ihren Kindern, Freunden und Geschwistern ist. Vor allem die Nacht von Samstag auf Sonntag war für sie schwierig, dann hat sich das Blatt ja für die Meisten Gott sei Dank zum Positiven gewendet.

Die Zeit der Ungewissheit war für die Angehörigen teilweise sehr schwer. Die Wiedersehensfreude und die Freude, überlebt zu haben, überwogen verständlicherweise erst mal. Wir wollten dann aber auch über mögliche Nachwirkungen aufklären. Nach solchen Ereignissen können Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auftreten, teilweise erst einige Zeit später. Aber nicht jede Traumatisierung führt zu einer posttraumatischen Belastungsstörung, die Folgen können vielfältig sein. Hier wollten wir die Sensibilität der Betroffenen erhöhen und sie ermutigen, bei Anzeichen sofort Fachtherapeuten aufzusuchen. Das ist keine persönliche Schwäche der Betroffenen, sondern eine ganz natürliche Folge der Erlebnisse.

Wie geht es der Gruppe jetzt?
Es war zu beobachten, dass der Gruppenzusammenhalt sehr gut ist, in der Katastrophensituation und auch vorher. Dieses Als-Gruppe-Zusammen-Sein haben wir als sehr hilfreich angesehen. Die Gruppe hat sich bei uns zu einem Gespräch angemeldet, um die Ereignisse nachzuarbeiten. Für weitere Fragen der Nachsorge steht das gesamte Team der PAS zur Verfügung.

Wie kann ein psychotherapeutisch begleiteter Verarbeitungsprozess von Traumata aussehen?
Traumafolgen sind vielfältig. Bei solchen Ereignissen tritt bei ungefähr 10 bis 15 Prozent eine posttraumatische Belastungsstörung auf – irgendwann, das kann auch ein halbes Jahr später sein. Es können aber auch andere Symptome wie Depressionen oder sozialer Rückzug auftreten.

Die Betroffenen müssen Gelegenheit haben, so, wie sie es möchten, über die Ereignisse zu sprechen. Dazu muss erst mal eine Beziehung aufgebaut werden, die Betroffenen müssen das Gefühl haben, bei den Therapeuten in guten Händen zu sein. Der Gruppenzusammenhalt kommt der Verarbeitung positiv entgegen. Dann muss man sehen, ob Gespräche ausreichen oder ob andere traumaspezifische Behandlungsmethoden zum Einsatz kommen müssen. Auch die Hilfe bei der Distanzierung kann hilfreich sein.

Imterview: Jonas Rohde

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Vor 25 Jahren erhielt der Göttinger Wissenschaftler Erwin Neher den Nobelpreis