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Göttinger Transplantations-Prozess: Kurz vor der Zielgeraden noch eine Krankheitsgeschichte voller Widersprüche

Patient „überrascht“ oder „besessen“? Göttinger Transplantations-Prozess: Kurz vor der Zielgeraden noch eine Krankheitsgeschichte voller Widersprüche

Der 58 Jahre alte Türke lebt seit vier Jahren mit neuer Leber – eher schlecht als recht. „Sterben wäre besser gewesen“, sagt er heute. Der Fall ist keiner, der dem angeklagten 47-jährigen Leberchirurgen Aiman O. als einer der elf Fälle versuchten Totschlags vorgeworfen wird. Selbst die Gutachter hielten es für vertretbar, den Türken transplantiert zu haben. Dennoch lieferte der 58-Jährige kurz vor Ende der Beweisaufnahme des seit eineinhalb Jahren währenden Prozesses einen Höhepunkt der Widersprüchlichkeit.

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Quelle: dpa/Symbolbild

Göttingen. Ein Patient einerseits, dem es trotz Leberzirrhose so gut ging, dass er nicht habe glauben wollen, dass für ihn eine neue Leber bereit steht. Ein Arzt andererseits, der  behauptet, der Patient sei „besessen gewesen“ transplantiert zu werden, so dass er sogar in die Türkei habe ausweichen wollen, um operiert zu werden.

Angefangen hatte der Verhandlungstag am Freitag damit, dass die Kammer fast alle offenen Beweisanträgen abwies, womit der Weg frei wurde, die Beweisaufnahme bald zu beenden. Das betraf sowohl Anträge der Anklage, als auch solche der Verteidigung. Auffällig dabei die Schärfe, mit der Kammervorsitzender Ralf Günther der Staatsanwaltschaft mehrfach beschied, sie hätte „bewusst wahrheitswidrig“ Sachverhalte unterstellt und so Beweisanträge „rechtsmissbräuchlich“ eingesetzt.

Dann kam der Zeuge. Ihm war eine Leberzirrhose – „weil ich so viel Cola getrunken habe“ – diagnostiziert worden. Bei der Belehrung vor Aufnahme in die Warteliste sei ihm gesagt worden, er habe noch so gute Werte (Meld-Score 8), dass er in den nächsten 25 Jahren nicht mit einer Zuteilung rechnen dürfe, wenn die Werte so gut blieben.Die Werte wurden dann sogar noch besser (3 bis 4). Zwei Jahre sei es ihm „bombig“ gegangen. Er habe im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet und nicht mehr mit einer Transplantation gerechnet. In der Moschee ereilte ihn der Anruf aus der Klinik. Er müsse sofort kommen, eine Leber sei da. Das habe ihn überrascht. Er habe nicht abzulehnen gewagt, „weil sonst die Krankenkasse sagt, ‚Sie hatten Ihre Chance‘“. Die erste Leber passte nicht, die zweite wurde fünf Tage später transplantiert. Beides so genannte Zentrumsangebote. Wenn er gewusst hätte, dass es die Leber eines 56 Jahre alten Trinkers war, der alkoholisiert gestürzt war, hätte er sie nie angenommen. Der Patient behauptet zudem, nicht über Gefahren aufgeklärt, mit dem Arzt O. „höchstens zehn Minuten gesprochen“ zu haben.

Der Angeklagte hingegen will ihn und seine Familie umfassend beraten haben. Der Patient kontert: „Was er erzählt, ist alles Lügerei.“ Und auch die Ehefrau des Türken weiß nichts von einer Belehrung über die Gefahren. Der Patient will O. auf Schadensersatz verklagen. Wer ihn darauf gebracht habe? Die Polizei, weil O. ja doch „ein schlechter Arzt“ sei. Ob das so ist, muss das Gericht ja erst feststellen.

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