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Göttinger Wohnrauminitiative richtet Camp für Studenten ein

Volxküche, Jurten, Wohnungsnot Göttinger Wohnrauminitiative richtet Camp für Studenten ein

Es hat geregnet in der Nacht. Der Regen steht in Tropfen immer noch auf den Zeltbahnen der zwei schwarzen Jurten. Etwas abseits stehen drei große, weiße Schlafzelte. In einem Feuerkorb liegt die Asche des Vorabends, auf dem Sofa eine Gitarre.

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Quelle: Wohnrauminitiative Göttingen

Göttingen. Vor dem Küchenzelt preist eine Tafel die „Volxküche“ an: „Red & hot. Today: Pasta à la Hanoi“ ist darauf zu lesen. Im Zelt sitzt Florian. Er schlürft seinen Kaffee, liest Zeitung. Die Temperatur liegt bei angenehmen 16 Grad. Was nach einem idyllischen Ferienzeltlager aussieht, ist bitterer Ernst. In dem Zeltlager im Garten hinter dem Studentenwohnheim in der Humboldtallee 9 bietet die Göttinger Wohnrauminitiative seit Sonntag Unterkunft für wohnungssuchende Studenten an.

Florian ist einer von ihnen. Nach dem Studium in Tübingen will der 23-Jährige in Göttingen sein Masterstudium in angewandter Informatik beginnen. „Im Sommer habe ich langsam angefangen zu suchen“, berichtet er. Ein WG-Zimmer oder ein Ein-Zimmer-Appartement sucht er, so zentral wie möglich. 50 E-Mails habe er auf Annoncen geschrieben, geantwortet hätten nur fünf, gefunden hat er nichts.

„Mein Anspruch ist gar nicht groß“, sagt er. Zu finden war bislang dennoch nichts. Seit Sonntag campiert Florian in der Humboldtallee. Eine „Gastfreundschaft ohnegleichen“ habe er dort gefunden. „Und Zeltlageridylle.“ Seine Alternative wäre die Jugendherberge gewesen, die aber 25 Euro pro Übernachtung kostet. „Je nach dem wie lange meine Suche dauert, kann das auch schnell sehr teuer werden“, sagt Florian. Am Vormittag steht für ihn eine Wohnungsbesichtigung in der Südstadt an.

Studienbeginn mit Enttäuschung

50 Schlafplätze in Zelten bietet das Camp für Wohnungssuchende. Es gibt Duschen, Toiletten und Waschmaschinen. Abends bereiten Helfern der Wohnrauminitiative ein warmes Abendessen zu, morgens gibt es Brötchen und Kaffee. Bis Anfang November soll es die Zelt-Notunterkunft geben. Zahlen müssen die Bewohner nichts, Spenden sind aber willkommen. Die Schlafplatzvergabe läuft ohne Voranmeldung. Rundum die Uhr ist jemand von der Wohnrauminitiative vor Ort, um Neuankömmlinge in Empfang zu nehmen.

"Das neue Wintersemester beginnt für viele Studierende mit Enttäuschung", heißt es in einer Mitteilung der Wohnrauminitiative. "Entmietungen, Umbauten und steigende Mieten erschweren die Wohnungssuche in Göttingen zunehmend. Viele müssen pendeln oder ihren Studienplatz in Göttingen verzweifelt aufgeben. Manche finden eine teure Zwischenstation."

Die Initiative kritisiert den Allgemeine Studierendenausschuss und das Studentenwerk. Der diesjährige Asta glänze "durch Ignoranz studentischer Anliegen". Und: "Obwohl es seit Jahren das Problem der studentischen Wohnungsnot gibt, ist bisher dahingehend nichts passiert. Dies ist nur ein weiteres Mosaik an dem sich zeigt, dass das Studentenwerk seinen sozialen Auftrag empfindlich vernachlässigt", heißt es in der Mitteilung vom Sonntag.

"Es ist nichts frei"

Seit Mittwoch bietet das Studentenwerk in Zusammenarbeit mit der Stadt und in Absprache mit dem Asta in der ehemaligen Voigtschule ein Notquartier mit 81 Plätzen an. Ein Sprecher der Wohnrauminitiative wertet dieses Angebot zwar als positiv. Die generelle Kritik an einem Studentenwerk, das "damit beschäftigt ist, Wohnraum abzubauen, statt zu schaffen" hält er aber weiterhin aufrecht.

Für die Nacht zum Mittwoch haben sich bis zum Nachmittag zehn Übernachtungsgäste für das Camp gemeldet. Darunter Ahmed (23), Wirtschaftsstudent aus Kairo, Irina (19), angehende Chemie-Studentin aus Mazedonien und Paul (18), künftiger Physik-Student aus Detmold, die im Internet auf das Angebot der Wohnrauminitiative aufmerksam geworden sind.

Irina ist seit sechs Tagen in Göttingen und will hier ihr Studium beginnen. Gewohnt hat sie seitdem im Hotel, in der Jugendherberge, in einem Zimmer in Grone und im Hostel. Seit knapp drei Wochen durchforstet sie im Internet Wohnungsanzeigen, hat E-Mails geschrieben und auf Anzeigen geantwortet. "Es ist nichts frei", sagt sie.

Vom Camp aus auf der Wohnungssuche

Änliches berichtet Ahmed, der sein Master-Studium beginnen will. Er sucht ein WG-Zimmer oder eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung. Seine Hoffnung setzt er auf Besichtigungstermine am Mittwoch. Paul hingegen hatte bereits eine Wohnung. Aus Detmold sei er zwei Mal nach Göttingen gefahren und gesucht. "Die Wohnung war aber ein Reinfall", sagt er. Er habe sie sich mit seiner Vermieterin teilen müssen. Das habe ganz und gar nicht funktioniert. Jetzt versucht er, wie die anderen, vom Camp aus sein Glück auf der Wohnungssuche.

Für Florians ist die Suche vorerst beendet. Sein Besichtungstermin hat am Dienstag zum gewünschten Erfolg geführt. Sicher ist aber: Für die anderen Camp-Bewohner geht die Suche weiter. Ungewiss ist, ob die Temperaturen so mild bleiben, wie zur Zeit.

„Probleme seit Jahren bekannt“

Göttingen. Vor dem Hintergrund des Notquartiers für wohnungssuchende Studenten (Tageblatt berichtete) fordert die Sozialreferentin des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta), Anna Reuter, Konzepte, um „bezahlbaren Wohnraum“ zu schaffen. Denn trotz der Notlösung in der ehemaligen Voigtschule bleibe das Wohnraumproblem bestehen. Reuter kritisiert die BaföG-Reform Bundes. Hier hätten die Zuschüsse zum Wohnen deutlich erhöht werden müssen. Die momentan geplante Erhöhung gehe „allerdings an der realen Entwicklung in vielen Städten, wie auch in Göttingen, komplett vorbei“.

Auch die SPD-Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta fordert zudem ein stärkeres Engagement des Bundes und des Landes. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) müsse ihre Blockadehaltung aufgeben und in die soziale Infrastruktur der Hochschulen investieren, so wie das Land in neue Wohnheimplätze investieren muss. Der SPD-Stadtverbandsvorsitzende Christoph Lehmann, sieht die Uni Göttingen in der Pflicht: Sie müsse „eine ordentliche soziale Infrastruktur für ihre Studierenden“ gewährleisten und auch in ihren eigenen Gebäuden nach Notquartieren suchen.

Für Patrick Humke, Fraktionsvorsitzender der Linken im Rat, ist das Notquartier ein Skandal. „Seit Jahren sind diese Probleme bekannt und das Studentenwerk und die Universitätsstiftung haben die Augen vor diesem Problem verschlossen“, sagte Humke. Stadt, Universitätsstiftung und auch das Land Niedersachsen müssten sich ihrer Verantwortung stellen und umgehend damit beginnen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Humke: „Anstatt dessen werde seit geraumer Zeit Energie darauf verwendet, die studentisch selbstverwalteten Wohnräume  und Häuser abzuschaffen.“

mib

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