Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° Sprühregen

Navigation:
„Koffer“ und ein Heiratsantrag

Göttinger erinnern sich an 90 Jahre Freibad am Brauweg „Koffer“ und ein Heiratsantrag

Wenn der Zehnmeterturm im Freibad am Brauweg sprechen könnte, hätte er viel zu erzählen. Von wagemutigen Sprüngen, „Koffer“ und seinen „Enten“ oder einem Heiratsantrag in luftiger Höhe. Von solchen Erinnerungen aus 90 Jahren Freibad am Brauweg erzählen Göttinger und Schwimmmeister Rolf Nietzold.

Voriger Artikel
„Linksextremismus vernachlässigt“
Nächster Artikel
"Die Meisten leben nur noch, um zu arbeiten"
Quelle: Meder

Göttingen. An den Heiratsantrag erinnert Nietzold sich gern. „Eine junge Dame wollte ihrem Freund spontan auf dem Zehner einen Antrag machen“, erzählt der 59-Jährige, der quasi in dem Freibad aufgewachsen ist. Bevor er 1975 Schwimmmeister geworden und dann seit 1987 auch für das Bad zuständig sei, habe bereits sein Vater diesen Job innegehabt. „Ich kenne das Bad seit meiner Kindheit“, sagt er. Bei dem Heiratsantrag habe er sogar ein bisschen mitgeholfen: „Ihre Stimme hat nicht gereicht, da waren ja 500 bis 1000 Leute, da habe ich sie ein bisschen mit dem Mikro unterstützt“, erklärt er.

Seinen 90. Geburtstag feiert das Freibad am Brauweg am Sonnabend, 12. August, mit einem ganztägigen, besonderen Programm. Wie immer öffnet das Bad um 8 Uhr – die Frühschwimmer können also wie gewohnt ihre Bahnen ziehen. Um 11 Uhr beginnt dann das Jubiläumsprogramm: Dann bieten die Göttinger Schwimmvereine ASC Göttingen, TWG und DLRG Angebote wie Wasserball spielen, Tauchen und Kanufahren an. Außerdem präsentiert die DLRG Rettungsübungen. Ein Highlight wird das Zeitschwimmen im Rahmen der Gö-Challenge sein, ebenso wie der Arschgranatencontest.

Kinder und Jugendliche können sich außerdem im Meerjungfrauschwimmen ausprobieren oder sich einfach mit Spielgeräten im Wasser vergnügen. Die Historie des Bades wird in Schaukästen ausgestellt: Neben Bildern seit dem Gründungsjahr 1927 bis heute werden unter anderem alte Messgeräte gezeigt. Wer wissen will, mit was für einer Technik heute gearbeitet wird, kann auch diese besichtigen. Auch wenn die meisten Freibäder mit Freizeit verbinden, es steckt auch viel Arbeit dahinter. Deswegen wird auch das Berufsbild des Fachangestellten für Bäderbetriebe vorgestellt. Beim Moonlightschwimmen von 22 bis 23 Uhr wird das Fest dann ausklingen.

Doch nicht nur liebevolle Erinnerungen, sondern auch schmerzhafte werden mit dem einzigen Göttinger Zehnmeterturm, der damals übrigens nach Vorbild des Sprungturms der Olympischen Spiele von 1924 in Amsterdam gebaut wurde, verbunden. Das Tageblatt hatte Göttinger nach ihren eindrucksvollsten Erlebnissen im Freibad am Brauweg gefragt. „Ich bin dort wagemutig vom Turm gesprungen und habe schon beim Abspringen gemerkt, dass das nichts wird ... Vom Gesäß bis zu den Waden waren meine Beine grün und blau“, schreibt Anouk Duddey auf der Tageblatt-Facebookseite.

Eine andere Nutzerin mit dem Usernamen Katrin Kati Kunze schreibt: „Als Kleinkind bin ich mal vom Sprungturm gefallen ... wollte hinter meinem Bruder her ... danach habe ich dann richtig schwimmen gelernt!“ Und ergänzt: „Ich bin im Freibad Brauweg groß geworden.“ Auch lobt sie den Schwimmmeister: „Rolf hat maßgeblich zu meiner Erziehung beigetragen.“

Kunze erinnert sich wie viele auch an „Koffer“, einen Mann, der früher beinahe täglich mit seiner roten Badehose im Freibad gewesen sei. „Er wurde Koffer genannt, weil er wohl früher immer mit einem Koffer zur Schule gegangen ist“, erzählt Schwimmmeister Nietzold, der das mittlerweile 81-jährige Freibad-Urgestein gern auch zur Geburtstagsfeier des Freibades einladen möchte. „Er war einer der ersten, der Enten vom Zehner gemacht hat“, erzählt Nietzold. „Enten“ seien eine bestimmte Sprungart, bei der sich die Springer die Füße hinten mit den Händen halten, sodass ein Bauchklatscher drohe, um erst kurz vor dem Aufkommen u-förmig mit Beinen und Armen einzutauchen. „Koffer gehört einfach zum Bad dazu“, sagt Nietzold. Das bestätigt Matze Hallemann: „Er ist heute noch da, nur mit springen ist nicht mehr“, kommentiert er.

Neben „Koffer“ seien auch die Vereine prägend für die Geschichte des Freibades, so der Schwimmmeister. Das bestätigen auch Erinnerungen von Göttingern: Birgit Frederichs zeigt ein Foto aus den 50er-Jahren, auf dem ihre Mutter Ruth Wohltmann zu sehen ist, „geschwommen für den Waspo 08“. „Zu Waspo 08 Vereinszeiten so manchen Kilometer geschwommen:-)!!!“, erinnert sich auch Judith Röbbeke. Sie habe von 1978 bis 1987 im Sommer fast jeden Tag in dem Bad verbracht.

Nietzold erinnert an die Wasserballer des Vereins Hellas, einem „Vorfahren“ des heutigen ASC Göttingen. Ehemalige Hellas-Wasserballspieler sollen auch bei der Jubiläumsfeier noch mal ins Wasser steigen, verrät der Schwimmmeister. Mehrere Landesjugendtreffen der Schwimmvereine sind Nietzold außerdem gut in Erinnerung geblieben, außerdem das Landesturnfest in den 50er-Jahren. „Die Schwimmwettbewerbe wurden im Freibad am Brauweg ausgetragen“, erklärt er. Eine Wasserlichtorgel bei Nacht vor Menschenmassen in dem Freibad hat er von dem Fest auch noch rund 60 Jahre später gut vor Augen. So wie für viele „Koffers“ rote Badehose unvergessen bleibt. Und wer weiß: Vielleicht packt er sie zum Jubiläum noch mal aus.

Bunte Tüte, Pommes oder ein Sprung vom Zehner? Mit dem Freibad am Brauweg verbinden viele Göttinger Erinnerungen. Das Bad wird 90 Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie daran? Schicken Sie uns ein Foto mit Ihrem Namen und erzählen Sie uns Ihre Geschichte dazu - per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de, per Twitter an @goetageblatt oder auf Facebook: facebook.com/goettingertageblatt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Bilder der Woche vom 9. bis 15. September 2017