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Göttinger geht als Kämpfer zum Islamischen Staat

Der lange Arm des IS Göttinger geht als Kämpfer zum Islamischen Staat

Unter den etwa 50 Menschen aus Niedersachsen, die sich als Kämpfer dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben, ist auch ein Göttinger: Der Mann, der in der Südstadt unweit der Leine wohnte, verschwand Anfang April. Offiziell bestätigt die Göttinger Polizei den Fall (Name des Mannes ist der Redaktion bekannt) nicht.

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Quelle: AFP

Göttingen. Allerdings nur „aus ermittlungstaktischen Gründen“, wie die Polizei-Pressestelle auf Tageblatt-Anfrage mitteilt. Unter der Hand bestätigen Ermittler jedoch die Tageblatt-Informationen.

Nachbarn in der studentisch und auch kleinbürgerlich geprägten Straße sagen mehr. Mindestens zwei Jahre habe der anfangs eher unscheinbar wirkende Mann mit türkisch-arabischem Hintergrund in einem Hinterhof gewohnt, sagt eine Nachbarin. Ende 20 sei er gewesen. Im Sommer vergangenen Jahres sei er in Streit mit einer alkoholkranken Nachbarin geraten und dabei immer radikalere Ansichten, auch religiöser Art, geäußert. Mit der Zeit sei der früher unauffällige und friedliche Mann immer lauter und aggressiver geworden. Die Streitereien seien meist offen auf dem Hof unweit der Straße ausgetragen worden. Und: Er ließ sich einen Bart wachsen.

Allerdings: Ein streng muslimisch geführtes Leben habe er nicht geführt, erinnern sich Nachbarn. So habe er bis zu seinem Verschwinden im April einen Hund besessen – einen Bullterrier. Unter Muslimen gelten Hunde als unreine Tiere.
Eine nahe Angehörige des Mannes, die ebenfalls in Göttingen wohnt, möchte nicht über die Entwicklung ihres Verwandten reden. Mehrere Versuche der Kontaktaufnahme durch das Tageblatt blieben erfolglos, auch Telefonanrufe blieben unbeantwortet. Auch der Vermieter möchte sich gegenüber dem Tageblatt nicht äußern. Sämtliche Personen, mit denen das Tageblatt über den Fall sprach, wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Hauptgrund: die Angst vor unberechenbaren Rückkehrern aus Syrien, die möglicherweise Rache üben könnten.

Die Polizei ermittelt unterdessen weiter – unter anderem forscht sie nach, wo der Mann genau abgeblieben ist. Während die Polizei sich offiziell nicht äußern will, merken Ermittler an, es sei hilfreich, „wenn die Öffentlichkeit mitbekommt, dass wir hier in Göttingen nicht auf einer Insel der Seligen leben“.

Der Verfassungsschutz will sich zum Göttinger Einzelfall nicht äußern, weil ihm die Weitergabe personenbezogener Daten laut Niedersächsischem Verfassungsschutzgesetz verboten sei, sagt Verfassungsschutz-Sprecher Frank Rasche. Seit August 2014 sei „ein deutlicher Anstieg der Ausreisezahlen zu verzeichnen“, heißt es im am Donnerstag veröffentlichten Verfassungsschutzbericht. Der Behörde, heißt es dort, „sind etwa 50 Personen aus Niedersachsen bekannt, die in Richtung Syrien/Irak ausgereist sind, um sich am aktiven Kampf terroristischer Organisationen zu beteiligen oder auf andere Weise dem Widerstand gegen das Assad-Regime anzuschließen“.

Laut Verfassungsschutzbericht praktizieren derzeit in Niedersachsen etwa 420 Menschen einen überwiegend politischen Salafismus mit intensiver Missionierungstätigkeit. Nur ein geringer Teil setze auf das Mittel der Gewalt, aber: „Die Übergänge zwischen politischem und jihadistischen Salafismus sind fließend“, erklärt Verfassungsschutz-Sprecherin Anke Klein.

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