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Göttinger von Megabeben in Sendai überrascht

Fahrt aus Katastrophengebiet Göttinger von Megabeben in Sendai überrascht

Während die Unglücksreaktoren in Fukushima südlich der Millionenstadt Sendai mit Wasserwerfern gekühlt werden sollen, ist ein Ende des Dramas in Japan noch nicht abzusehen. Der Göttinger Thomas Pruschke, Professor am Physikalischen Institut, erlebte das Megabeben am Freitag in Sendai mit. Er schickte dem Tageblatt am Dienstagabend, 15. März, einen Bericht seiner Erlebnisse aus Kyoto. Derzeit versucht Pruschke, südlich von Tokio einen Flieger nach Deutschland zu bekommen.

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Wasserflut: Durch Erdbeben ausgelöste Tsunamis treffen das Küstengebiet vor der Stadt Sendai besonders schwer.

Quelle: afp

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, am 11. März in Sendai vor dem Bahnhof zu stehen, als es losging. Ich war gerade zu Besuch bei einem Kollegen an der Uni gewesen und auf dem Rückweg nach Tokyo. Das Beben war stark, und mir war in der Tat recht mulmig zumute – man kann wenig machen, und die Schwankungen sind eigentlich sehr erratisch, sodass man sich sehr hilflos fühlt. Gottseidank war ich im Freien und habe sofort versucht, meinen Abstand zu den Häusern um mich herum zu maximieren. War auch ganz gut so, denn 20 Meter vor mir fiel ein Teil einer Fassade zu Boden. Verletzt wurde niemand.

Das ganze (erste) Beben dauerte vielleicht 30 Sekunden, ich kann das nur grob schätzen; aber in solchen Momenten sind Sekunden Ewigkeiten.

Jedenfalls war danach für uns in der Innenstadt von Sendai zunächst alles normal, die Leute machten weiter wie üblich, immerhin passiert so was da recht häufig – und auch ich bin Richtung Bahnhof marschiert. Mir war klar, dass infolge des Bebens die Züge erst einmal nicht fahren würden, aber da es anfing zu schneien war mir das Innere des Bahnhofs lieber.

Dann kam das zweite Beben, kürzer, aber nicht weniger heftig, und alles wurde aus dem Bahnhof auf den Vorplatz rausgejagt. Nachher wurde mir klar, dass zu diesem Zeitpunkt die Küste bereits verwüstet war. In Sendai Zentrum waren aber alle eher genervt, dass sie da in die Kälte mussten und diskutierten mit den Mitarbeitern der Bahn.

Zu diesem Zeitpunkt schrieb ich eine SMS an meine Frau, in der ich ihr mitteilte, dass ich in Sendai wegen eines Erdbebens festsitze und heute nicht anrufen würde. Irgendwann wurde das ganze Gelände mit gelben Bändern abgesperrt und wir wurden informiert, dass an diesem Tag keine Züge mehr fahren. Also auf Richtung Hotel (Sendai Metropolitan). In der Lobby war es dunkel und kalt, ein Haufen von Menschen die ein wenig ratlos herumsaßen. Ich bekam eine Decke verpasst und auf meine Frage nach einem Zimmer kam als Antwort „später“. Also setzte ich mich in eine Ecke und wartete. Es blieb dunkel, und in den Klos lief kein Wasser.

Schließlich gab es ein Radio, mit Warnungen über Tsunamis, das muss so gegen 18 Uhr gewesen sein. Zwischendrin kamen immer wieder Nachbeben, mal stärker, mal schwächer. So gegen 9 Uhr abends wurden wir dann in den Schutzkeller des Hotels verfrachtet. Es gab endlich Licht (das aber von einem Dieselgenerator kam), und wir bekamen jeder ein paar Bagel zum Essen und einen halben Liter Quellwasser.

Die Nacht verbrachten wir dann auf dem Boden, eingewickelt in Decken. Um 6 Uhr früh wurde uns dann mitgeteilt, dass wir bitte den Schutzraum verlassen müssen, da der Diesel ausgeht und dass wir uns auf die umliegenden Auffanglager verteilen sollen. Das Ganze geschah natürlich in Japanisch, und wurde mir unter Schwierigkeiten von Schulkindern übersetzt. Danach ging ich erst einmal fragen, wann denn die Züge wieder führen. Die Antwort war, nicht vor einer Woche. Wir hatten immer noch keine Ahnung, was da eigentlich los war; allerdings hatte mir meine Frau inzwischen eine SMS geschickt: „Bilder sind katastrophal, geht es Dir gut, bitte melde Dich.“

Ich habe dann versucht anzurufen, und nach etlichen erfolglosen Versuchen, durchzukommen (das mobile Netz war total zusammengebrochen), dann erfahren, was außerhalb Sendais passiert ist.

Den Tag und die nächste Nacht habe ich dann in einer Turnhalle einer Schule verbracht, kein Strom zunächst, kein fließend Wasser und nur wenig zu Essen. Zudem war es extrem kalt, und ich hatte, da es ja nur ein Tagestrip sein sollte, keine warmen Sachen dabei. Decken gab es auch keine, die wurden wohl woanders sehr viel nötiger gebraucht. Immerhin waren noch mehr Ausländer in dieser Schule, und wir haben angefangen, Pläne für eine Flucht (das ist wohl der korrekte Ausdruck) zu machen.

Glücklicherweise gab es ein paar Japaner, die hinreichend gut Englisch sprachen, und nachdem wir die Nacht zum Sonntag, 13. März, alle völlig erfroren hinter uns gebracht hatten, haben wir diese neuen Bekannten gebeten, für uns Taxis zu besorgen, die uns nach Westen zur nächsten funktionierenden Bahnstation oder zu einem Flughafen bringen. Da es kaum noch Benzin in Sendai gibt, war das recht schwierig, aber immerhin funktionierten die Telefone wieder und schließlich haben wir Taxis gefunden, die uns nach Niigata fuhren. Am Sonntagabend war ich dann gegen 21 Uhr in Tokyo, mit einem heißen Bad und warmem Bett.

Hier kommen die Infos genauso spärlich und konfus wie in Deutschland. Ich schaue mir ja die deutschen Nachrichten auf ARD.de an und diskutiere dann mit meinen japanischen Kollegen, und die wissen teilweise sogar weniger.
Ich weiß, dass es zumindest meinen Kollegen in der Physik in Sendai gut geht, und auch andere Fakultäten sind nur mittelbar betroffen, teilweise scheinen die Gebäude durch das Beben ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein. Wirklich schwere Schäden gab es anscheinend nicht.

Stadt und Uni liegen hinreichend weit von der Küste entfernt und haben von dem Tsunami überhaupt nichts mit- beziehungsweise abbekommen. Ansonsten würde ich Ihnen wohl jetzt nicht mehr antworten ... Allerdings ist in Sendai die Versorgung mit Strom etc. noch immer problematisch und die Uni selber wohl „out of operation“, wie man so schön sagt.

Eigentlich sollte ich am Sonntag von Narita (Flughafen von Tokyo) abfliegen. Zur Zeit bin ich in Kyoto, also südlich, und habe es nach einigen Problemen geschafft, meinen Flug auf Osaka (Kansai) und Samstag zu verlegen. Meines Wissens nach sind die Flugbewegungen bislang normal, auch in Narita. Das kann sich allerdings jede Minute ändern, daher war es mir wichtig, so schnell wie möglich aus Tokyo wegzukommen und auch meinen Flug von dort zu verlegen. Das war weniger meine Meinung als Physiker, sondern weil ich einfach Sch… habe, vor dem was da gerade in Fukushima passiert. Ohne diese Katastrophe wäre ich ganz normal hier geblieben.

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