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Göttingerin Ehrengard Schramm half ab 1952 Kriegsopfern in Griechenland

Eine frühe Versöhnerin Göttingerin Ehrengard Schramm half ab 1952 Kriegsopfern in Griechenland

Reparationszahlungen an Griechenland aufgrund deutscher Verbrechen während der nationalsozialistischen Diktatur sind derzeit heftig umstritten. Eine Göttingerin hatte dagegen schon früh nach dem Zweiten Weltkrieg einen eigenen Weg gefunden, um mit der deutschen Schuld gegenüber Griechenland umzugehen: Ehrengard Schramm. Ihr Wirken hat die frühere Leiterin des Göttinger Stadtarchivs, Helga-Maria Kühn, in mehreren Aufsätzen gewürdigt – und fühlte sich in der aktuellen Diskussion gleich wieder an Schramm erinnert.

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Quelle: dpa

Göttingen. Als geborene von Thadden stammte Schramm aus pommerschem Adel. 1925 heiratete sie den Historiker Percy Ernst Schramm. Während dieser dem NS-Regime nahestand und Kriegstagebuchführer Hitlers im Oberkommando der Wehrmacht wurde, ging seine Frau früh auf Distanz zum System. Ihre Schwester Elisabeth von Thadden wurde 1944 als Widerstandskämpferin hingerichtet.

H.-M. Kühn

Quelle: EF

E. Schramm

Quelle: EF

Ihr Geschichtsstudium hatte Schramm nicht abgeschlossen, dennoch schrieb sie zwei Bücher über die griechische Geschichte von 1913 bis 1945. 1952 reiste sie in das Land und erfuhr dort von dem Massaker in dem Ort Kalavrita. Nachdem Partisanen rund 80 gefangene deutsche Soldaten getötet hatten, richtete die Deutsche Wehrmacht als Vergeltung in Kalavrita fast die gesamte männliche Bevölkerung mit Maschinengewehrfeuer hin – mehrere Hundert Menschen starben.
Nach der Reise startete Schramm in Göttingen ein Hilfswerk für Kriegsopfer in Griechenland. Unter anderem wurden laut Kühn bis 1968 knapp 70 Jungen und Mädchen nach Deutschland geholt, um ihnen hier eine Ausbildung zu ermöglichen. Schramm sei ihrer Zeit voraus gewesen, so Kühn. Erst zehn Jahre nach Schramms Aufenthalt in Kalavrita habe es einen offiziellen Besuch eines deutschen Politikers gegeben. Ihre Hilfsaktion dehnte Schramm auch auf weitere griechische Dörfer aus, die unter der deutschen Besatzung gelitten hatten. Hilfsgüter wurden geliefert, Wasserleitungen gebaut. Schramm habe sich für die NS-Verbrechen geschämt und ein Zeichen der Versöhnung setzen wollen, erklärt Kühn.

Auch in der Politik war Schramm aktiv, wobei sie einen spektakulären Wechsel von der FDP zur SPD vollzog, für die sie von 1959 bis 1967 im Niedersächsischen Landtag saß. Schramm starb 1985. Nach ihr wurde in Göttingen eine Straße benannt. Sie liegt auf den Zietenterrassen an der Fläche, an der demnächst das Flüchtlingswohnheim entstehen soll.

Frage der Reparationszahlungen „abgeschlossen“

Göttingen. Politiker von SPD und Grünen drängen darauf, Griechenland für die Folgen der Nazi-Besatzung zu entschädigen. Der Northeimer Bundestagsabgeordnete Roy Kühne (CDU) lehnt Reparationszahlungen an Griechenland hingegen ab. „Deutschland ist sich stets seiner historischen Verantwortung für die Verbrechen der nationalsozialistischen Zeit bewusst. Jedoch ist die Frage der Reparationszahlungen politisch und juristisch abgeschlossen“, sagt Kühne.
Ähnlich äußert sich der Göttinger Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler (CDU): „Nahezu 70 Jahre nach Kriegsende und nach Jahrzehnten friedlicher, vertrauensvoller Zusammenarbeit mit unserem EU-Partner Griechenland hat die Reparationsfrage ihre Berechtigung verloren.“ Deutschland sei sich stets seiner historischen Verantwortung für die Verbrechen der nationalsozialistischen Zeit bewusst und habe sich klar zu seiner Verantwortung für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bekannt, sagt Güntzler. „Diese Diskussion kommt für mich außerdem vor dem Hintergrund der Verhandlungen über das Hilfsprogramm für Griechenland zur Unzeit.“

„Die Frage von Reparationszahlungen und Entschädigungen ist nach Auffassung der Bundesregierung abschließend geklärt“, sagt der Göttinger Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann (SPD). Für ihn sei aber klar: „Die grausamen Verbrechen der Nazis haben kein Verfallsdatum. Dafür tragen wir Verantwortung. Deswegen hat die Bundesregierung den deutsch-griechischen Zukunftsfonds eingerichtet, der der Versöhnung beider Völker dienen soll.“ Die Debatte über die Aufarbeitung des Nazi-Unrechts in Griechenland müsse weiter geführt werden, dürfe aber nicht mit der aktuellen Frage um die europäische Hilfe für Griechenland vermischt werden.

„Wir stehen zu der historischen Verantwortung Deutschlands für das, was dem griechischen Volk durch das NS-Regime angetan wurde. Aber die akuten Probleme Griechenlands lassen sich nicht dadurch lösen, dass ein Zusammenhang zu Reparationszahlungen Deutschlands konstruiert wird“, sagt der Northeimer Bundestagsabgeordente Wilhelm Priesmeier (SPD). Er wünsche sich, dass „wir zu gegebener Zeit zu einer gemeinsamen Rechtsauffassung mit Griechenland zu diesem Thema kommen werden“.

„Es geht in dieser Debatte um historische Verantwortung. Gerade deshalb sollte sie unbedingt aus den aktuellen Debatten um die Finanzprobleme Griechenlands herausgehalten werden. Und zwar von beiden Seiten“, sagt der Göttinger Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin (Grüne). Man müsse aber trotzdem darüber reden. „Denn selbst wenn die Frage der Reparationen geklärt sein sollte, spricht doch einiges dafür, dass die Frage der Zwangsanleihe noch offen ist. Es gibt ein historisches Beispiel, wie man sich dieser Frage annehmen könnte – die Stiftung zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter“, erklärt Trittin. afu/mib

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