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Fotos mit düsterer Vergangenheit

NS-Geschichte Fotos mit düsterer Vergangenheit

Zum Teil könnten es Urlaubsbilder sein, wären da nicht die Uniformen:  Der Fund eines Albums mit Weltkriegs-Fotos ihres Großvaters war für eine Göttingerin Anlass, sich nach Italien zu begeben - auf eine Spurensuche in düsteren Kapiteln deutscher Gesichte und mit offenen Fragen.

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1944 und heute: Zwischen den Bildern liegen Welten.

Quelle: r

Göttingen. An ihren Großvater Walter Bode hat Susanne P. nicht mehr viele Erinnerung, sagt aber: "Das war ein ganz normaler Mensch, bei uns gab es keine NS-Verherrlichung." Und doch gab ihr ein Fotoalbum von ihm zu denken. Darin hat Bode zwischen 1943 und 1945 festgehalten, was er als Kraftfahrzeugführer des 15. SS-Polizeiregiments in Norditalien erlebt hat.

Schnappschüsse vom Gardasee

Einige der Aufnahmen nennt P. "Urlaubsfotos": Schnappschüsse an den Ufern von Gardasee und Lago di Maggiore, verschneite Gipfel und Touren mit dem Kübelwagen. Andere zeigen Bodes Einheit auf der Suche nach italienischen Widerstandskämpfern. Besonders eines weist auf eine düstere Geschichte hin: Es zeigt eine Gruppe Männer in ziviler Kleidung - vor der Wand eines Steinbruchs, umzingelt von deutschen Ordnungspolizisten.

"Ich glaube nicht, dass die noch lange gelebt haben", sagt P. angesichts des Bildes. Denn im ab 1943 von den Deutschen okkupierten Italien setzten Partisanen den Besatzern übel zu. Die deutsche Ordnungspolizei, damals formal der SS zugehörig, reagierte brutal: Massaker und Erschießungen sind gut dokumentiert, auch in der Region, in der Bode stationiert war.

Kurz vor der Erschießung

Als Handwerksmeisterin hätte P. es nicht nötig, in der Vergangenheit ihres Großvaters zu wühlen. Sie sagt aber: "Die Täter von damals müssen ja Teil unserer Familien sein." Und weil sie mehr über Bodes Verstrickungen wissen wollte, reiste sie durch Norditalien, bemüht, mehr über den Hintergrund einzelner Aufnahmen herauszufinden.

In einer Gedenkstätte nahe dem italienischen Fondotoce wurde sie fündig: Ein Foto zeigt eine Gruppe Männer kurz vor der Erschießung durch Ordnungspolizisten. Diese kamen P. anhand der Fotos aus dem Album bekannt vor. Doch bis heute kann sie sie nicht eindeutig zuordnen.

Und auch andere Spuren verlaufen im Sand, in mehreren Deutschen Archiven und Dienststellen sind keine weiteren Details über ihren Großvater bekannt. "Er war ein einfacher Fahrer", glaubt P. deshalb mittlerweile - auch wenn sie sicher ist, dass er nah an den Massenerschießungen dran gewesen ist.

P. will es nun bei diesem Rechercheergebnis belassen, auch wenn sie bis heute nicht versteht, wieso ihr Großvater trotz der Erlebnisse später ein begeisterter Italienurlauber wurde.

Filmvorführung im Lumiere

Gemeinsam mit dem Verein "NS-Familien-Geschichte: hinter­fragen - erforschen - aufklären" wird P. am Montag, 29. Mai, den Film „Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema“ im Göttinger Lumière zeigen. Der dann anwesende Regisseur hat sich intensiv mit einer anderen Massenerschießung in Italien beschäftigt, die wie das Massaker von Fondotoce bis heute nicht juristisch aufgearbeitet wurde. Beginn ist um 20 Uhr im Kino an der Geismar Landstraße 19.

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