Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Göttingerin lebt in Missionarshaus in Tansania

Claudia Zeising unterstützt Frauen Göttingerin lebt in Missionarshaus in Tansania

Eines der Bilder, die Claudia Zeising aus Tansania mitgebracht hat, zeigt ein kleines schwarzes Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt. Neben ihr steht ihr kleiner Bruder, und auf dem Rücken hat sie ein Tragetuch. Darin: ein kleines Baby. Die Fünfjährige muss auf ihre beiden Geschwister aufpassen.

Voriger Artikel
Klostermarkt in Walkenried und Traktorentreffen in Wöltingerode
Nächster Artikel
Pfarrhaus-Inventar wird verkauft

Zeisings Heim in Tansania: Das Haus einer alten Missionarssiedlung liegt am Fuß eines erloschenen Vulkans, des 2960 Meter hohen Mount Rungwe.

Quelle: EF

Dazu werden die Mädchen hier schon früh herangezogen Ihre Chancen dagegen, später das gesellschaftliche Leben mitzubestimmen, sind im konservativen Süden des Landes jedoch gering. Eine, die das ändern will, ist die 54-jährige Zeising. Sie ist eine Wanderin zwischen den Kontinenten: Seit 1985 arbeitet sie immer wieder für längere Zeit in Afrika. Sie hat zur Zeit der Apartheid in einem Homeland Schwarze unterrichtet, sie war in Namibia und Swasiland beschäftigt. Nun lebt sie in einer alten Missionarssiedlung in Tansania am Fuße des erloschenen Vulkanes Mount Rungwe – eines der höchsten Berge des Landes.

Mindestens bis 2012 wird die in Göttingen aufgewachsene Zeising in Tansania wohnen und wirken. In Deutschland hat die Mutter von drei erwachsenen Kindern keine Bleibe mehr. Ihre Habe hat sie verkauft und verteilt, den Rest in zehn großen Überseekoffern nach Tansania verschifft. Auch ihren Urlaub verbringt sie meist in Afrika, etwa in Malawi oder auf Sansibar, das zu Tansania gehört. Bei ihren Eltern in Rosdorf hat Zeising nur eine Kiste mit Büchern zurückgelassen. Ein besonderer Anlass hat sie in diesem Monat für kurze Zeit in ihre Heimat zurückgeführt: der 80. Geburtstag ihres Vaters.

Zeisings Geschichte in Afrika begann nach ihrem Landwirtschafts-Studium in Göttingen. 1985 ging sie mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Südafrika, wo das dritte Kind geboren wurde. Zur Zeit des Apartheid-Regimes unterrichtete sie im damaligen Homeland Ciskei Landwirtschaft an einer Fachhochschule für Schwarze und wirkte in Dörfern in Projekten mit. Ihr Mann bildete Maurer aus und arbeitete in dem Beruf. Als das Apartheids-Regime zusammenbrach und es blutige Unruhen in Südafrika gab, entschloss sich die Familie mit den drei kleinen Kindern zur Rückkehr nach Deutschland. In der Umbruchszeit seien sie plötzlich zu Feinden geworden, berichtet Zeising. Schulen wurden militärisch bewacht. Eine Bedrohung sei nicht von den Bauern ausgegangen, wohl aber von politischen Agitatoren, erinnert sich die 54-Jährige.

Danach war sie immer wieder in Afrika tätig, so für den Deutschen Entwicklungsdienst in Namibia. Nach der Trennung von ihrem Mann musste die alleinerziehende Mutter ihr Afrika-Engagement allerdings zurückschrauben. Dennoch war sie zeitweise in Swasiland tätig. Als die Kinder groß waren, ging sie wieder nach Südafrika. Dort arbeitete sie in einem Projekt, dessen Ziel es war, Familien durch den Aufbau von Gemüsegärten dazu zu bringen, sich selbst zu versorgen und unabhängig von Nahrungsmittelhilfe zu werden.

Und nun also seit Juli 2009 Tansania. Zeising hat zunächst einen Arbeitsvertrag über drei Jahre bei „Mission 21“. Für das in Basel ansässige evangelische Missionswerk betreut sie ein Projekt in der Südprovinz der Herrnhuter Kirche in Tansania. Deren Ursprünge liegen in Deutschland: Die Kirche entstand, als Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf im 18. Jahrhundert auf seinem Gut in der Oberlausitz geflüchteten Böhmischen Brüdern Asyl gewährte. Als Herrnhuter Brüdergemeine wurde die Gemeinschaft auch durch ihre Losungen bekannt. Bald begann sie zu missionieren – mit Erfolg. In Europa hat die Brüdergemeine heute nach eigenen Angaben 30 000 Mitglieder, weltweit 825 000. Nach Schätzungen sollen es allein in Tansania rund 500 000 sein. Die ersten Missionare der Brüdergemeine kamen Ende des 19. Jahrhunderts in das Land – kurz nachdem die Kolonie Deutsch-Ostafrika entstanden war. Die erste Missionsstation wurde 1891 aufgebaut – dort wo Zeising, die vom katholischen zum evangelisch-lutherischen Glauben gewechselt ist, heute auf 1650 Meter Höhe in der Siedlung Rungwe Mission wohnt.

Bei dem Projekt, für das sie arbeitet, geht es darum, den in der gesellschaftlichen Rangordnung unten stehenden Frauen Selbstvertrauen zu vermitteln. Die enorme Bedeutung, die Frauen im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben in Südtansania zukomme, entspreche nicht ihren Mitbestimmungsmöglichkeiten, heißt es in einer Beschreibung des Projektes. Auf den Frauen liege die Hauptlast der Familienfürsorge, durch intensive Arbeit in Landwirtschaft und Handel müssten sie zum Familieneinkommen beitragen. Doch nur fünf Prozent der Mädchen besuchen laut Zeising weiterführende Schulen. Der Süden des Landes sei im Vergleich zum Norden mit Victoria-See, Serengeti und Kilimandscharo touristisch und industriell kaum erschlossen und deswegen auch weniger weltoffen. In ihrer Region seien die meisten Menschen Selbstversorger mit Gemüse und Kleinvieh, so Zeising.

Bei Seminaren und Vorträgen im Rahmen des Projektes lernen die Frauen, sich der eigenen Stärken bewusst zu werden. Daneben gibt es Fortbildungen in den Bereichen Landwirtschaft und Gesundheit. Mit der Produktion von Geschenkkarten, Seife oder Tischsets sollen neue Einkommensquellen erschlossen werden, auch wenn die Anfänge mühsam sind: „95 Prozent der Frauen hatten noch nie eine Schere in der Hand“, so Zeising. Eine Vision ist die Errichtung eines Fortbildungszentrums.

Claudia Zeising ist eine Wanderin zwischen den Kontinenten: Seit 1985 arbeitet sie immer wieder für längere Zeit in Afrika. Sie hat zur Zeit der Apartheid in einem Homeland Schwarze unterrichtet, sie war in Namibia und Swasiland beschäftigt. Nun lebt sie in einer alten Missionarssiedlung in Tansania am Fuße des erloschenen Vulkanes Mount Rungwe – eines der höchsten Berge des Landes.

Zur Bildergalerie

Die Bedingungen, unter denen die 54-Jährige arbeitet, sind schwierig. Die Orte sind nur über Schotterpisten erreichbar, nach länger anhaltendem Regen kann der 16 Jahre alte Allrad-Jeep der Frauenarbeit steckenbleiben, Gottesdienste finden auch in noch nicht fertigen Kirchen statt, es ist fast unmöglich, Handwerker zu bekommen. In der Siedlung, in der Zeising wohnt, gibt es zwar Strom, aber der fällt auch mal aus. Das rund 100 Jahre alte Haus ist nicht besonders gut gewartet, aber immerhin gibt es fließend Wasser. Was sie nicht selbst produzieren kann, besorgt sich die 54-Jährige auf dem Wochenmarkt im nahegelegenen Kiwira. Einmal im Monat kauft sie in Mbeya, einer großen Stadt in der Region, ein.

Zeising wird bei ihrer Arbeit von Melania Mrema-Kyando begleitet, der Leiterin der Frauenarbeit in der Region. Die HIV-infizierte Frau, die schon durch den offenen Umgang mit ihrer Krankheit ein Vorbild ist, übersetzt für Zeising die Vorträge aus dem Englischen in die Sprachen Swahili oder Kinyakyusa. Denn Englisch wird in der Region kaum gesprochen.

Die Erfahrungen in Afrika haben sich bei der 54-Jährigen tief eingegraben: „Kinder hungern, gar verhungern zu sehen, Korruption und Gleichgültigkeit zu erleben, Machtlosigkeit gegenüber Gewalt und Terror am eigenen Leib zu erfahren, hat mich vielschichtig beeinflusst und geprägt.“ Doch zugleich ist sie beeindruckt vom Lebensmut der Menschen unter schwierigen Bedingungen. Gerade unter den Frauen in Tansania gebe es viele, die sich nicht entmutigen ließen: „Sie arbeiten hart und sind dennoch bereit, etwas zu tun, wenn sie dadurch mehr Lebensqualität erreichen können.“ Bei all dem seien die Frauen leidenschaftlich und voller Lebensfreude: „Sie wollen etwas erreichen. Dafür lohnt es sich, hier zu sein und weiterzumachen.“
Über ihre Arbeit in Tansania spricht Zeising heute um 19 Uhr im kirchlichen Gemeindehaus in Klein Lengden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen